ZEIT ONLINE: Lastwagenfahrer dürfen zur eigenen Sicherheit nur rund neun Stunden pro Tag am Steuer sitzen. Ansonsten schade das der Konzentration, heißt es. Bundeskanzlerin Merkel war Anfang der Woche erst in Washington, es folgte eine 14-stündige Nachtsitzung in Minsk, nun steht heute Mittag der EU-Gipfel in Brüssel an. Klingt, als würde es an ausreichend Schlaf mangeln. Kann sie da überhaupt noch klare Entscheidungen treffen?

Thomas Penzel: Ich gehe davon aus, dass Frau Merkel während der Flugreise geschlafen hat. Ihr Sitz wird nicht so sein wie in der Economy-Class, sodass sie im Flieger ruhen kann. Hauptsache es ist dunkel und gibt keine lauten Geräusche. Dann lässt sich ein Schlafdefizit in einer Nacht gut wieder rausholen.

ZEIT ONLINE: Auf dem Ukraine-Gipfel war sie eine ganze Nacht wach, hat intensiv debattiert. Nun hat sie noch weitere Sitzungsstunden vor sich …

Penzel: Wenn sie vorher ausgeruht war, sollte das gehen. Wir haben Experimente über 40 Stunden mit gesunden Erwachsenen und Jugendlichen durchgeführt. Sie mussten morgens um sieben Uhr aufstehen und durften dann nicht schlafen bis zum nächsten Tag um 23 Uhr. Regelmäßig haben wir ihre Reaktionszeit, das Gedächtnis und die Sprachfähigkeit getestet. Auffällig war, dass am Morgen nach der ersten durchwachten Nacht die Werte besonders schlecht ausfielen: Sie reagierten bedeutend langsamer, die Erinnerungsfähigkeit hatte nachgelassen. Am Nachmittag des zweiten Tages war es nicht mehr so schlimm.

ZEIT ONLINE: Wieviel Schlaf braucht ein Mensch denn nun?

Penzel: Schlaf funktioniert nach einem festgelegten Programm: Es gibt eine Einschlafphase von zehn bis 12 Minuten, gefolgt von etwa 15 Minuten Leichtschlaf, dann kommen rund 20 Minuten Tiefschlaf und letztlich die Traumschlafphase. In Details mag das variieren, aber solch ein Schlafzyklus dauert insgesamt 90 Minuten. Wie viele ein Mensch davon braucht, ist unterschiedlich. Begnadete Kurzschläfer brauchen nur vier bis fünf Stunden, um fit zu werden. Der Durchschnitt liegt eher bei sechs bis neun, andere brauchen zehn Stunden. Als solch ein Langschläfer hätte man als Spitzenpolitiker schlechte Karten. Schon eine Stunde zu wenig und man fühlt sich bedeutend weniger fit. Auf Dauer wird das nicht besser.

ZEIT ONLINE: Es heißt ja auch, man agiere unter Schlafentzug geradezu trunken.

Penzel: Das bezieht sich auf eine kleine Studie aus Australien. 1997 hatten die Forscher nach 28 Stunden Schlafentzug die Reaktionszeiten ihrer Probanden gemessen und sie am Computer zum Test der Motorik am Computer Linien nachfahren lassen (Dawson & Reid, 1997). Die Werte verglichen sie dann mit denen von Menschen, die Alkohol getrunken hatten. Demnach entsprechen 28 Stunden Schlafentzug etwa 0,9 Promille. Übermüdet trifft man also sicher nicht immer die besten Entscheidungen.

ZEIT ONLINE: Was sind die langfristigen Folgen?

Penzel: Die sind noch nicht bekannt. Zwar haben Leute mit langem Schlafentzug einen erhöhten Blutdruck und eine erhöhte Herzfrequenz. Nach dem Ausschlafen aber ist das meist wieder weg. Es gibt derzeit keine nennenswerte Langzeitstudie, die die Auswirkungen auf Körper und Psyche untersucht, dabei wäre das enorm wichtig. Es gibt nämlich erste Hinweise darauf, dass die Gesundheit tatsächlich dauerhaft geschädigt werden kann.