Das führte zu heftigsten persönlichen und auch juristischen Streitigkeiten mit der Mutter. Während ich meiner Tochter von Anfang an klarzumachen versuchte, dass sie eben besonders sei und mit ihren Eigenheiten in der Welt der Neuronormalen klarkommen müsse, wollte die Mutter ihre Eigenheiten mit psychischer und physischer Gewalt unterdrücken. Es dauerte rund sieben Jahre, bis die Gerichte ein Einsehen hatten und Maral nicht mehr zu ihrer Mutter musste. In all diesem Chaos versuchte ich irgendwann auch, eine neue Beziehung zu einer Frau aufzubauen, was natürlich kläglich scheiterte. Nicht selten war ich mit meinen Kräften und Nerven völlig am Ende. Und mehr als einmal überlegte ich, ob Maral nicht besser in einem Heim aufgehoben wäre. 

Heute bin ich froh, dass ich durchgehalten habe. Durchhalten ist tatsächlich der richtige Begriff. Denn zum normalen Tagesablauf mit Arbeit, dem Abholen des Kindes von Kita oder Schule, kamen Termine bei verschiedenen Therapeuten, Arztbesuche, Gutachten, Schreibereien mit der Krankenkasse, Anträge auf sonderpädagogische Förderung etc. Ich habe daher vollstes Verständnis, wenn Eltern sich anders entscheiden als ich. Anders entscheiden bedeutet, dass man ein Kind nicht bekommt, weil man weiß, dass es später eine starke Behinderung haben wird, oder dass man sein Kind in eine Einrichtung gibt, weil man die Pflege alleine nicht schafft. Das alles ist besser als wütend zu sein auf ein unschuldiges Kind, durch dessen Behinderung man sich der Freude am Leben beraubt sieht.

Die Freude am Leben zu behalten, stellte für mich eine besondere Herausforderung dar. Ich wollte gerne weiter Marathon laufen, ich wollte meine Urlaube aktiv verbringen. Als die Kinderwagen für die Trainingsläufe zu klein wurden, baute ich einen Fahrradanhänger um. Bis zum Alter von elf Jahren konnte ich Maral so beim Training mitnehmen. Als sie älter wurde, lernte sie ein Funkgerät zu bedienen und blieb zu Hause, während ich in einem nahegelegenen Park meine Runden drehte. Heute nutzt sie natürlich ein Handy. Als Maral acht Jahre alt war, kaufte ich ein erstes Tandem und fuhr mit ihr auf dem Radweg R1 von Holland quer durch Deutschland bis nach Polen. Seit dieser Zeit sind wir jeden Sommer in Deutschland mit dem Tandem unterwegs und haben inzwischen über 12.000 Kilometer zurückgelegt. Es sind wunderbare Fahrten mit wunderbaren Gesprächen.

Mittlerweile ist Maral groß geworden. Sie besucht ein Gymnasium, kann alleine mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, sie duscht alleine, kümmert sich selbst um ihre Körperhygiene und kann fast alles essen. Es ist wie ein Wunder, denn aus dem Kind, das völlig unbeteiligt stundenlang auf dem Sofa saß, das lange völlig unselbständig war und dem man sämtliche Speisen pürieren musste, weil es die feste Konsistenz am Gaumen störte, ist eine selbstbewusste junge Dame geworden. Den Autismus merkt man ihr zwar deutlich an, aber sie kommt einigermaßen klar in der Welt. Auch ihre Inselbegabungen sind inzwischen zutage getreten. Maral ist Kalenderrechnerin, das heißt sie kann jedem Datum innerhalb von ein paar Sekunden den richtigen Wochentag zuordnen. Daten und Vokabeln behält sie nach einmaligem Lesen, sodass sie Französisch im wahrsten Sinne des Wortes en passant lernt. Sie organisiert ihre Schulsachen selbst, und ich muss sie bis auf wenige Ausnahmen kaum noch unterstützen.

Ich weiß, unser Fall ist nicht typisch. Ich weiß, ich habe Glück gehabt, denn meine Tochter hat eine beispiellose Entwicklung hinter sich. Es hätte auch anders ausgehen können. Und dennoch bin ich froh, dass ich zu meiner Tochter gehalten habe. Ich bin froh, dass ich sie nicht in ein Heim oder zur Familie der Mutter abgeschoben habe. Ich bin kein religiöser Mensch, aber ich habe oft gedacht, dass es irgendwie gut war, dass ausgerechnet dieses Kind bei mir gelandet ist. Maral hat meinen Humor, sie mag Radfahren und Reisen und sie ist ein liebenswerter Mensch geworden. Ich fühle mich unendlich belohnt für meine Arbeit mit ihr, auch wenn Maral mir niemals um den Hals fallen und mich küssen wird. Mein autistisches Kind hat mir auf seine Art viel gegeben, vor allem, dass ich heute ganz anders darüber denke, was der Mensch ist. Und auch, wenn ich jetzt mit über 50 merke, dass ich in den vergangenen Jahren viel Kraft, Nerven und Geld für Maral gelassen habe, so würde ich das sofort wieder tun. Ich möchte Maral in meinem Leben nicht mehr missen. Ich bin froh, dass mir niemand pränatal schon die Diagnose meines Kindes mitgeteilt hat. Ich glaube, wir hätten uns sonst nicht kennengelernt, und wären heute beide nicht die, die wir sind.