Entgegen einer sehr populären Annahme, liegt dieser Anstieg bei den Depressionsdiagnosen aber nicht daran, dass heute mehr Menschen an einer Depression erkranken als früher. Mehrere Studien der letzten Jahre haben nachgewiesen, dass die Anzahl der Depressiven relativ konstant bleibt.

Allerdings: "Von 100 Menschen mit Depression gehen heute vielleicht 60 zum Arzt", sagt Ulrich Hegerl von der Uni Leipzig. "Von diesen 60 werden gerade die Hälfte sofort richtig diagnostiziert. Das liegt auch daran, dass Hausärzte nur unzureichend darin geschult sind, hinter Symptomen wie Schlaf- oder Appetitlosigkeit die Depression zu erkennen. Von den 30 Diagnostizierten erhalte nur rund ein Drittel die richtige Therapie, vor allem weil gerade in Deutschland die Behandlung mit Antidepressiva noch immer sehr skeptisch beäugt wird." So erhielten am Ende gerade mal 10 Prozent der Erkrankten eine optimale Therapie. Das sei besonders bedauerlich, weil bei einer frühen und angemessenen Behandlung die Erfolgsrate sehr hoch ist.

Kampagnen gegen Stigmatisierung

Wie also Betroffenen helfen? Wie können Menschen erreicht werden, die unter depressiven Phasen leiden? Um das Stigma der Depression zu überwinden, hat die Stiftung Deutsche Depressionshilfe, deren Vorsitzender Hegerl ist, eine sogenannte 4-Ebenen-Intervention entwickelt. Dabei machen professionelle PR-Kampagnen auf das Problem aufmerksam. Verantwortungsträger wie Lehrer, Pfarrer und Altenpfleger werden geschult, Depressionen zu erkennen. Für Hausärzte werden Fortbildungen organisiert. Und es werden neue Selbsthilfeangebote für Erkrankte geschaffen. Nachdem das Interventionsmodell im Jahr 2001 in Nürnberg getestet wurde, sank in der Stadt die Suizidrate um gut 20 Prozent. Heute wird das Modell mit Unterstützung der Deutschen Bahn Stiftung in Deutschland in 50 Regionen von der Stiftung "Deutsches Bündnis gegen Depression e.V" umgesetzt.

"Wichtig ist, dass auch verstärkt Unternehmen an der Aufklärung teilnehmen, um unter Mitarbeitern eine Atmosphäre der Akzeptanz zu fördern." sagt Hegerl. Das könnte es vielen Menschen erleichtern, sich wegen einer Depression Hilfe zu suchen.

Menschen mit Depressionen, gar mit psychischen Erkrankungen sind keine Gefahr für die Gesellschaft. Viele Leiden lassen sich ebenso wie körperliche Gebrechen behandeln. Die Mediziner Heuser und Hegerl hoffen, dass die Depression bald als das gesehen wird, was sie ist: eine Erkrankung wie andere Volksleiden auch, sei es nun Diabetes oder Bluthochdruck. Dies sollte allen bewusst sein, die derzeit Mutmaßungen zum Gesundheitszustand des Copiloten Andreas Lubitz anstellen.

Anmerkung der Redaktion: Der Titel des Artikels wurde von "Wer depressiv ist, will andere nicht umbringen" in "Wer depressiv ist, will anderen kein Leid antun" geändert. Dies trifft den Kern der Empfindungen deutlicher, die Menschen mit Depressionen haben können.