Die Masernimpfung schützt nicht nur vor dem Virus selbst, sondern indirekt auch vor anderen Erkrankungen. Und das in weit größerem Umfang als bisher gedacht, wie Forscher in einer aktuellen Science-Studie zeigen (Mina et al., 2015). Damit stärken sie die Bedeutung der mancherorts umstrittenen Impfung.

Wirkungsvolle Impfstoffe gegen Masern gibt es seit 50 Jahren. Rasch zeigte sich der große Erfolg der Impfung: So starben bereits kurz nach der Einführung deutlich weniger Kinder an den Folgen der Infektionskrankheit. In wirtschaftlich schwachen Ländern sank die Kindersterblichkeit um 30 bis 50 Prozent, in armen gar um bis zu 90 Prozent. "Die Masernkontrolle gilt deshalb als eine der erfolgreichsten Gesundheitsmaßnahmen der Welt", schreiben die Autoren um den Virusforscher Michael Mina der Universität Princeton, Erstautor der neuen Impfstoff-Studie. 

Dennoch kommt es weltweit immer wieder zu Infektionen, die Krankheit bleibt gefährlich. Denn wer sich mit dem Masern-Virus infiziert, hat ein geschwächtes Immunsystem. Der Körper setzt alles daran, den Erreger zu bekämpfen, was ihn anfälliger für andere Keime macht. Masernpatienten haben deshalb oft Begleiterkrankungen, darunter schwere wie eine Mittelohr-, Lungen- oder Hirnhautentzündung. Ist man jedoch geimpft, treten derlei Komplikationen nicht auf; die Abwehr ist stark genug, der Körper bleibt gesund.

"Tausende Kinder müssen nicht sterben"

Als gesichert galt, dass dies wochenlang der Fall sein kann. Dazu passte aber nicht, wie radikal die Kindersterblichkeit auf Dauer abgenommen hatte. Minas Team hat nun überprüft, wie lange eine Masernerkrankung das Immunsystem tatsächlich schwächt. Dafür analysierten die Forscher Gesundheitsdaten aus England, Wales, Dänemark und den USA vor und nach der Einführung der Masern-Impfung. Das Ergebnis: Auch zwei bis drei Jahre nach einer Masernerkrankung kann die körpereigene Immunabwehr noch so schwach sein, dass Krankheitserreger sie leicht überwinden können. Ein indirekter Nachweis für einen langfristigen Rundum-Schutz der Masernimpfung.

Denn über diesen Zeitraum sind die Geimpften somit nicht nur gegen die Masern, sondern – weil ihr Immunsystem nicht durch eine Masernerkrankung geschwächt wird – auch gegen eine ganze Palette weiterer Krankheiten geschützt. "Tausende Kinder müssen deshalb nicht an den Folgen weitverbreiteter Infektionskrankheiten sterben ", schreiben die Autoren. Der Nutzen der Impfung sei damit weit größer, als bisher angenommen. Das zeige einmal mehr, "wie wichtig sie für die Weltbevölkerung ist".

Die Weltgesundheitsorganisation hat sich zum Ziel gesetzt, die Masern bis spätestens zum Jahr 2020 weltweit zu eliminieren. Dafür ist eine Immunität von mindestens 95 Prozent der Menschen in allen Altersgruppen nötig. Das aber ist längst nicht der Fall, die Quoten unterscheiden sich von Land zu Land. 

Auch in Deutschland sind nicht genügend Bürger geimpft, um alle zu schützen. Zwar lassen sich stets mehr Menschen den Schutz spritzen, doch noch sind die Impflücken groß genug, um jedes Jahr Hunderte Kinder und Erwachsene in Gefahr zu bringen. Zuletzt war es im Frühjahr diesen Jahres in Berlin zu einem umfassenden Masern-Ausbruch gekommen. Nach jetzigem Stand sind in diesem Jahr deutschlandweit bislang mehr als 1.600 Menschen an dem Virus erkrankt, mehr als die Hälfte davon in der Hauptstadt (Robert-Koch-Institut, 2015).

Ein Grund für die Lücken sind Bedenken gegen die Impfung. Einige Eltern fürchten starke Nebenwirkungen, zweifeln an der Sicherheit der Mittel und damit an der Sicherheit ihrer Kinder. Die meisten Sorgen allerdings sind unbegründet. Die heute eingesetzten Wirkstoffe sind verträglich, wirksam und stark genug, um die Masern auszurotten.