Den kontrollierten Konsum von illegalen Drogen zu erforschen, galt für Wissenschaftler weltweit jahrzehntelang als karriereschädigend. In der Öffentlichkeit, unter Politikern und Medizinern wurde das Reden darüber als eine Provokation wahrgenommen – was für Alkohol gilt, konnte für eine Droge wie Heroin keinesfalls gelten. Mögliche positive oder therapeutische Effekte mancher Rauschzustände oder Konsummuster wurden faktisch totgeschwiegen.

Dabei gibt es seit Jahrzehnten Belege, dass ein kontrollierter Drogenkonsum möglich ist, sogar bei Substanzen mit höchstem Sucht- oder körperlichem Zerstörungspotenzial. Für Heroin und Kokain etwa wird die Zahl der kontrolliert Konsumierenden in Deutschland auf etwa ein Promille der Bevölkerung geschätzt, rund 80.000 Menschen also. Die Dunkelziffer könnte noch deutlich höher sein (Schippers & Cramer, 2002). Als von Kokain abhängig gelten laut Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung knapp doppelt so viele.


Grundsätzlich gilt: Menschen greifen in ganz unterschiedlichen Momenten und Mengen zu Drogen. Mancher trinkt nur auf Familienfesten, mancher jeden Abend ein Glas Wein allein, andere begeben sich mit Freunden auf einen Trip, weil Samstag ist. Der Konsum psychoaktiver Substanzen kann außer Kontrolle geraten. Er muss es aber nicht. Und dafür sind nicht allein die Gene oder die Droge verantwortlich. Kultur, Rituale und Regeln spielen ebenfalls eine bedeutende Rolle. Je nachdem mit wem, wann und wo der Rausch stattfindet, ändert sich dessen Ertrag für den Einzelnen und die Gemeinschaft – und die Risiken.

Bereits 1984 schloss der amerikanische Forscher Norman Zinberg, dass kontrollierter Konsum viel weniger durch die Art der Droge und Persönlichkeitsfaktoren bestärkt wird, sondern eher durch das Vorhandensein sozialer Rituale und Regeln der Selbstkontrolle. Er nannte dies "Drug, Set and Setting" (Zinberg, 1984). Zinbergs Theorie beeinflusste eine ganze Generation von sozialwissenschaftlich orientierten Forschern und geriet erst mit Aufkommen der neurobiologischen, derzeit stark an Krankheiten orientierten Forschung in den Hintergrund.

Seit Langem stellen Forscher wie Craig Reinarman die Möglichkeit der Selbstregulation in den Mittelpunkt: als korrigierende Reaktion auf beginnende Beeinträchtigung durch falschen Konsum im Alltag. Diese Forschung zeigt, wie wichtig Selbstkontrollregeln sind: Es sollte beispielsweise nur selten, nicht an fremden Orten, nicht allein und nur vorsichtig dosiert konsumiert werden.

Es sind nicht so sehr die Drogen, die Leid erzeugen

Derlei Studien sind wichtig, es braucht mehr davon. Denn sie helfen zu verstehen, wie es in einer Gesellschaft oder einem ganz bestimmten Milieu dazu kommt, dass aus dem einmaligen Trip ein zwanghafter Dauerrausch wird und wie sich Menschen selbst wieder daraus befreien. Sie zeigen, dass Abhängigkeit keinesfalls eine Gehirnkrankheit ist, kein zwangsläufiger biologischer Prozess wie das Altern (Hammer et al., 2013). Es geht darum, die oftmals fehlende Lebensgestaltung von Drogennutzern zu erkennen – und diese nicht mit der Wirkung der Substanzen zu verwechseln.

Sie nehmen Drogen – wir wissen, welche: Klicken Sie hier für die Ergebnisse des ZEIT-ONLINE-Drogenberichts 2016.

Solche Untersuchungen zeigen auch, dass es unzureichend ist, psychoaktive Substanzen im Tierexperiment zu erforschen und lediglich nach ihrem pharmakologischen Suchtpotenzial zu fragen. Bei Menschen geht es um Motive, soziale Einbettung, Sinnhaftigkeit und gelungene oder misslungene Verarbeitung von Rauscherfahrungen.

Der "kontrollierte Gebrauch" von Drogen zeigt sich in mehreren Studien als ein Aspekt gelungener, sozial integrierter Lebensgestaltung. Diejenigen mit instabilen familiären Verhältnissen, unsicheren Arbeitsplätzen und allgemein unbefriedigenden Lebensbedingungen weisen ein ungleich höheres Risiko für Abhängigkeiten auf. Bereits scheinbar weiche Faktoren – wie Sinn und Bedeutung im Leben zu empfinden – sagen schon bei 14-jährigen Jugendlichen die Menge und Art des späteren Konsums von Alkohol und Cannabis voraus (Jungaberle et al, 2015).

Es sind also nicht so sehr die Drogen, die menschliches Leid erzeugen, wohl aber erheblich verschlimmern können. Es scheint vielmehr das Leiden selbst zu sein, das den Konsum negativ beeinflusst. Der exzessive Griff zur Droge wird oft in der Absicht zur Selbstbehandlung und Betäubung unternommen. Hier schließt sich die Frage an: Welche Ethik begründet eigentlich eine Rechtspraxis, die Kranke und Leidende vor allem bedroht und bestraft? "Therapie statt Strafe" hat auch in Deutschland noch lange nicht gewonnen.

Zugegeben, die Ergebnisse zum kontrollierten Konsum und dessen relativ hohe Verbreitung etwa bei Alkohol, Cannabis oder MDMA sind insgesamt mit Vorsicht zu bewerten. So kann zum Beispiel ein nicht-problematischer Gelegenheitsgebrauch durchaus mit persönlichem Entwicklungsaufschub und stillem Leiden einhergehen, das eigentlich behandlungswürdig wäre. Für die Prävention, Suchtberatung, Therapie und auch Drogenpolitik ist das Wissen über kontrollierten Konsum und positive Wirkungen von Alkohol, Cannabis und Co. dennoch entscheidend. Ihn gilt es mitzudenken, um neben den Schäden des falschen Drogengebrauchs auch die schädlichen Prohibitionspolitiken von den wirksamen Ansätzen zu unterscheiden.