Manchmal macht Angela Merkel ihre Arbeit sichtlich Spaß. Dann wird der sonst so undurchdringliche Gesichtsausdruck der Bundeskanzlerin lebendig. Echtes Interesse. Als sie im Mai beim Besuch des Pharmakonzerns Sanofi über krankmachende Bakterien sprach, die zunehmend unangreifbar für Antibiotika werden, war das so ein Moment.

Merkel hat eine Mission. Sie will die Regierungschefs der G-7-Staaten, deren Vertreter sich ab Sonntag in Elmau treffen, auf den Kampf gegen resistente Erreger einschwören. Diese breiten sich weltweit aus. Erst 2014 rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das "postantibiotische Zeitalter" aus. Menschen könnten wieder an Infekten sterben, die dank Antibiotika seit Jahrzehnten harmlos waren.

Und teuer könnte das für Europa werden, das Bruttoinlandsprodukt allein dadurch bis 2050 um fünf Prozent sinken, prognostizieren Wissenschaftler der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Mehrere Berichte, erstellt im Auftrag der britischen Regierung, gehen für denselben Zeitraum von zehn Millionen Toten infolge von resistenten Erregern und einem globalen Wirtschaftsschaden von 100 Billionen US-Dollar aus. Das ist eine 100 mit weiteren zwölf Nullen.

Vor einigen Wochen legte die WHO nun einen globalen Aktionsplan vor. Die Forderungen: Bessere Hygiene, ein restriktiverer Antibiotika-Einsatz vor allem in der Tiermedizin und mehr pharmazeutische Forschung. Innerhalb von zwei Jahren solle jedes Land das umsetzen.

Doch allein der Blick auf Deutschland dürfte Merkels Begeisterung für dieses Ziel trüben. Seit mehr als zehn Jahren weisen Wissenschaftler auf die Gefahr hin. Erst im März legte Gesundheitsminister Hermann Gröhe einen neuen Zehn-Punkte-Plan vor, nachdem der Erfolg bisheriger Aktionen "noch nicht zufriedenstellend" gewesen sei.

Nun also will Gröhe die Hygiene verbessern. Jedes Krankenhaus soll in Zukunft über mindestens einen, ab 600 Betten über zwei und ab 1.200 über drei Hygienefachärzte verfügen. Jeder Patient soll, nach niederländischem Vorbild, vor dem Krankenhausaufenthalt auf resistente Erreger untersucht werden.

Haben deutsche Ärzte zu wenig Ahnung?

Doch "eigentlich hat Deutschland kein Hygieneproblem und Ärzte verordnen Antibiotika nach bestem Wissen und Gewissen", sagt Andrej Trampuz, Infektionsmediziner an der Berliner Charité. Das klinische Wissen über Infektionen und Antibiotika sei nur oftmals unzureichend. Es gebe Chirurgen, die während ihrer gesamten Ausbildung nicht gelernt hätten, eine Infekt sachgemäß zu behandeln, erzählt ein Kollege des Mediziners. "Ein Arzt muss nicht nur einen Gefäßkatheter legen können, sondern auch wissen, wie man dabei eine Infektion vermeidet", fordert Petra Gastmeier. Sie leitet das Zentrum, das in Deutschland dafür zuständig ist, Infektionen in Klinken zu erfassen und auszuwerten.

Dazulernen wollen viele Mediziner dringend. Die Fortbildungen, die Charité-Hygieniker Trampuz anbietet, seien regelmäßig überbucht. Ärzte in Deutschland glauben also offenbar selbst, nicht ausreichend informiert zu sein. Warum?

Das Wissen zum Umgang mit gefährlichen Bakterien ist hierzulande auf zwei Facharztausbildungen verteilt. Und in keiner davon steht der Patient im Zentrum. Da gibt es zum einen die Hygieniker. Sie erstellen Risikoanalysen, suchen nach Problemstellen in Kliniken und beraten Ärzte im Umgang mit Infizierten. Und dann gibt es die Fachärzte für Mikrobiologie. Sie arbeiten meist extern in Laboren. Sie kennen die Patienten nicht, für die sie Befunde erstellen. Nur an etwa fünf Prozent der deutschen Krankenhäuser seien solche Mikrobiologen angestellt, sagt Alexander Friedrich vom Klinikum in Groningen in den Niederlanden.

Friedrich selbst ist Mikrobiologe und leitet an seiner Klinik ein Team von 20 Ärzten, die für jeden ihrer Patienten eine individuelle Therapie entwickeln. Mit ein bis drei solcher Spezialisten pro Klinik, wie künftig in Deutschland vorgesehen, wäre das nicht machbar.

Ähnlich schlecht sieht es mit der Kontrolle der Klinikhygiene aus. Die etwa 400 deutschen Gesundheitsämter sollen das übernehmen. Wobei dort nach letzten Zahlen des Bundesverbands der Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst rund 200 Stellen nicht besetzt waren – auch weil die Mediziner dort um die 1.000 Euro im Monat weniger verdienen als an einem Krankenhaus. So aufgestellt, werden es die Amtsärzte schwer haben, sich an großen Kliniken durchzusetzen. Eine zentrale Stelle, wie sie in den Niederlanden erfolgreich arbeitet, ist nicht vorgesehen.

Die Welt soll schaffen, was schon in Europa nicht klappt

Die Unterschiede zu den Niederlanden offenbaren das Dilemma: Die WHO ruft nach einer globalen Strategie, die selbst Europa nicht überall umsetzen kann. In einem Aktionsplan von 2011 hat die Europäische Kommission Empfehlungen entwickelt. Diese enthalten von Hygienevorschriften über die Verschreibungspflicht von Antibiotika bis zum sorgsamen Einsatz in der Tiermedizin jede Menge wichtiger Maßnahmen. Wer wissen will, welches Land sie umgesetzt hat, muss sich das auf den Seiten der europäischen Zentrale für Infektionskrankheiten (ECDC) zusammensuchen. Und man stößt dabei auf Fragwürdiges: Italien etwa zeigt dort die Fotos eines Busses vor dem römischen Kolosseum.