Verschmutztes OP-Besteck vor Schädelöffnung – Seite 1

Im bundesweit beispiellosen Hygieneskandal an der Uniklinik Mannheim müssen die Abgründe neu vermessen werden. Jahrelang wurden dreckige und verkeimte Instrumente für Operationen freigegeben. Verantwortliche wussten davon, setzten sich aber über konkrete Hinweise auf Patientengefährdungen hinweg. Ungenügend gereinigte Instrumente blieben bis Oktober 2014 in Umlauf, trotz auffallend vieler Infektionen unter Patienten. Nach einer Strafanzeige drohen ehemaligen und aktuellen Geschäftsführern, Ärztlichen Direktoren und Aufsichtsräten nun Ermittlungen wegen fahrlässiger und vorsätzlicher Körperverletzung.

Der Funke-Mediengruppe liegen interne Unterlagen aus der Uniklinik vor: Protokolle, Berichte, Stellungnahmen, Gesprächsnotizen, E-Mails, Briefe, Fotos, Untersuchungsbefunde, rund 400 Seiten Material. Die Dokumente belegen, dass seit 2002 die Klinikum Mannheim GmbH teils täuschte und vertuschte. Die Akten dokumentieren ein systematisches Hygieneversagen, das in der Klinik teilweise bekannt war. Doch Verantwortliche ließen Mitarbeiter im Stich. Bis zu 350.000 Patienten könnten so mit Instrumenten behandelt worden sein, die ihre Gesundheit gefährden konnten. Die internen Unterlagen verdeutlichen die katastrophalen Mängel am Klinikum.

So endete vermutlich nicht jeder Eingriff so glücklich wie der am 30. Januar 2014: In einem Saal der Neurochirurgie stehen Spezialisten vor einem schweren Job. Der Kopf eines Patienten muss aufgetrennt werden. Doch das OP-Team hält inne: Das Instrument, mit dem der Schädel geöffnet werden soll, ist schmutzig. "Es ist grob mit Geweberesten, offensichtlich von der letzten Operation, verdreckt", berichtet der Chirurg später der Unternehmensleitung. An seine E-Mail hängt er ein Foto. Das Bild zeigt ein verschmiertes, mit Körperfasern gespicktes Gerät. "Es wurde so von meinem OP-Team kurz vor einer Schädelöffnung in einem vermeintlich sterilen Sieb am 30.01.14 vorgefunden", beschwert sich der Chirurg. "Mehr muss ich dazu zunächst sicher nicht sagen." Vielleicht noch dies: Es sei nicht der erste Vorfall dieser Art. Es sollte auch nicht der letzte bleiben.

Verkeimte Bestecke, mit Abwässern geflutete Sterilräume

2013 und 2014 häufen sich Meldungen über Zwischenfälle. Immer wieder tauchen schmutzige, aber zur Operation als steril freigegebene Instrumente auf, immer häufiger gibt es Wundinfektionen, meist im Orthopädisch-Unfallchirurgischen Zentrum (OUZ), wo ein Großteil aller Eingriffe läuft: Tumororthopädie, gelenkerhaltende und arthroskopische Chirurgie, Hand- und Fußchirurgie, Endoprothetik, Kinderorthopädie, Schulter- und Ellenbogenchirurgie, Unfallchirurgie, Wirbelsäulenchirurgie, ambulante OPs und Notaufnahmen bündeln sich hier. "Ein Höchstmaß an Kompetenz" verspricht das OUZ auf der Website der Uniklinik. Doch die Chirurgen müssen mit dem arbeiten, was aus der Zentralsterilisation kommt. Und von da kommt damals nicht viel Gutes.   

Im Fokus stehen vor allem die OP-Siebe. Sie beinhalten das Handwerkszeug der Operateure: alle Messer, Scheren, Haken, Klemmen, Pinzetten, Zangen und sonstigen Instrumente, die für einen geplanten Eingriff nötig sind. Diese Geräte müssen in der Zentralen Sterilgutversorgungsabteilung (ZSVA) nach gesetzlichen Vorgaben gewaschen, desinfiziert, kontrolliert und sterilisiert werden. Das alles muss hygienisch und räumlich getrennt verlaufen, in einem reinen und einem unreinen Bereich, damit Keime nicht übertragen werden können. Wo die Regeln befolgt werden, wird Sterilgut einwandfrei aufbereitet.

Die Hygiene an der Uniklinik Mannheim hingegen habe sich seit 2009 "von einem eher niedrigen Level insgesamt verschlechtert", warnt ein Oberarzt 2013 Klinikchefs und Unternehmensleitung. Es gebe "keine getrennten Räume für reine und unreine Arbeiten", auch "keine Waschmaschine, die Stand der Technik wäre". Der verbreitete Begriff "Vorwäsche" sei "irreführend", denn: "die vermeintlich vorgewaschenen Instrumente" würden ja "nicht mehr endgewaschen". In der Praxis heißt das: "Endoskope gelten danach als sofort wieder am Patienten einsetzbar."

Die Zentralsterilisation hat noch ganz andere Probleme. Am 20. Juni 2013 wird die Herzkammer der Hygiene geflutet. Schmutzwasser aus der Kanalisation überschwemmt den Raum. Die braune Brühe steigt aus einem Gulli hoch, der Prüfer des Regierungspräsidiums Karlsruhe schon 2007 irritiert hatte. Ob er "ein hygienisches Problem darstellt, können wir nicht beurteilen", steht im Begehungsprotokoll von damals. Sechs Jahre später verseuchen nun Abwässer den Sterilbereich. "Durch die Überschwemmung des Raumes" gebe es "teilweise sehr hohe Keimbelastung der Tische", heißt es später im Laborbericht. Neben Schimmelpilzen, Staphylokokken, Mikrokokken und Sporenbildnern nisten auch multiresistente Pseudomonas-Keime auf Tischen, Ablagen und Regalen. Eben dort, wo die Siebe für anstehende OPs gepackt und gelagert werden.

Im Institut für Hygiene haben einige die Nase voll

Es häufen sich Berichte über Wundinfektionen. Binnen weniger Wochen erleiden vier Patienten durch eine Kreuzband-Operation verursachte Infektionen ihrer Knie. Eingepflanzte Implantate sind von Staphylokokken befallen und müssen wieder entfernt werden. Bei der Untersuchung von zwei Kreuzband-Sieben werden "signifikante Keimbelastungen" entdeckt: Zehn Proben sind mit verschiedenen Bakterien belastet. Die Instrumente seien "komplett aufbereitet und steril verpackt" aus der ZSVA gekommen, heißt es in einem Bericht.

Das Wort "Patientengefährdung" taucht derweil immer häufiger in Meldungen an die Chefetage auf. Im Institut für Mikrobiologie und Hygiene haben einige die Nase voll. Diese Zustände seien sicher "einzigartig für ein Klinikum der Maximalversorgung in Deutschland", sagt ein Oberarzt und warnt: "Da diese Situation etabliert scheint", wäre bei Komplikationen "der Vorwurf eines Organisationsverschuldens" wohl "nur schwer zu widerlegen".

Ein weiterer Arzt schickt eine Mängel-Bilanz aus dem ersten Quartal 2014. Chirurgen und OP-Pfleger berichteten "deutlich häufiger über Unzulänglichkeiten in der Versorgung mit Instrumentarium" – über fehlende Siebe, unvollständige Siebe, verschmutzte Siebe. Bei einer Wirbelsäulen-OP seien "die deutlich verschmutzten Instrumente" erst "während des Eingriffs entdeckt" worden, dafür spreche "die sichtbare Blutkontamination" auf einem beigelegten Foto.

"Die Leute, die jetzt da sind, sind den Tränen nahe"

Die Mails gehen nicht nur an die Unternehmensleitung, sondern auch an die Ärzte anderer Abteilungen. Ein Unfallchirurg mailt zurück: Dies sei "Zeugnis des bereits Bekannten und erneut patientengefährdend". Weil die Vorfälle "nicht regelmäßig dokumentiert und auch nicht gezielt kommuniziert" würden, beschleicht ihn eine Ahnung von der Dunkelziffer möglicher Folgeschäden: "Das Gewicht, das diese Vorfälle möglicherweise in ihrer Summe haben, wird nicht erkennbar."

Die Befürchtung, nur die Spitze des Eisbergs zu sehen, hegen viele Mediziner. Sie befürchten, dass die wahren Ausmaße des Skandals noch viel größer sein könnten, weil längst nicht alle verschmutzten Instrumente rechtzeitig erkannt worden sein dürften. Oder umgekehrt: Dass nicht alles keimfrei gewesen sein wird, was beim bloßen Hinsehen sauber erschien.

Anfang 2014 kündigt sich der Kollaps an. "Die Lage in der ZSVA" sei "desolat", meldet ein Oberarzt der Unternehmensleitung: zwei Sterilisationsgeräte ausgefallen, zwei Instrumentenwaschmaschinen defekt, ein halbes Dutzend volle Container mit dreckigem Material stauten sich in der ZSVA, einige mehr stünden vor der Tür – randvoll mit benutzten Sieben, "ca. 32 kg pro Kiste". Fotos dokumentieren das Chaos. Die Personalstärke sei "sehr übersichtlich", berichtet der Arzt. "Die Leute, die jetzt da sind, sind den Tränen nahe. Nach meinem Eindruck steht der Betrieb und mit ihm die Mitarbeiter dort vor dem Zusammenbrechen, man darf es nur nicht so nennen."

Eineinhalb Stunden auf dem OP-Tisch, weil keine sauberen Instrumente zu finden sind

Kurz darauf bricht dort tatsächlich jemand zusammen. Der Chef. Es ist Tagesgespräch auf den Gängen. Jetzt, da der Leiter der Zentralsterilisation "zusammengeklappt ist, macht die ZSVA im direkten und übertragenen Sinne einen eher kopflosen Eindruck", schreibt ein Oberarzt an den zuständigen Geschäftsbereichsleiter – und schickt ihm neue Bilder aus dem Orthopädisch-Unfallchirurgischen Zentrum. Ein Foto zeigt einen minimal-invasiven Bohrer der Kategorie "kritisch B", für die das Gesetz besonders strenge Reinigungsregeln vorschreibt. Gleich daneben liegt ein Teil, das unmittelbar vor dem geplanten Einsatz aus dem Bohrer herausgefallen ist. "Nach Ansicht der Nutzer handelt es sich um einen Knochenrest einer vorhergehenden Operation", heißt es zu dem Fund, über den es auch ein Video gibt.

Teilweise spielen sich dramatische Szenen ab. Am 2. Oktober 2014 findet ein OP-Team keine sauberen Instrumente, um den bereits narkotisierten Patienten zu operieren. Aus dem ersten Sieb fallen "schwärzliche plattgedrückte Reste, am ehesten Blutreste". Der Operateur greift zu einem zweiten Sieb. "Hier zeigte sich eine gelbliche Verunreinigung, am ehesten biologischen Ursprungs." Ein drittes Sieb muss her. Doch das enthält "ebenfalls grobe Verunreinigungen einer Stanze mit sichtbaren Blutresten". Die Lage wird prekär. "Es sind noch zwei weitere Siebe vorrätig, welche nun geöffnet werden", meldet der Chirurg noch während der laufenden Prozedur. Dann schlägt auch der vierte Anlauf fehl. Abermals fällt "mutmaßlich älteres angetrocknetes Blut" aus einem Instrument. "Auch dieses Sieb wurde verworfen." Versuch Nummer fünf gelingt, weil sich der Operateur für ein Gerät mit einem anderen Funktionsmechanismus entscheidet. Als der erste Schnitt gesetzt wird, liegt der Patient bereits eineinhalb Stunden auf dem OP-Tisch.

Mitte dieser Woche ging bei der Staatsanwaltschaft Mannheim nun eine umfangreiche Strafanzeige ein. Der Vorwurf, "fahrlässige bzw. vorsätzliche Körperverletzung in hoher Anzahl", richtet sich gegen acht Personen: zwei ehemalige und einen aktuellen Geschäftsführer der Klinikum Mannheim GmbH, zwei Ärztliche Direktoren, drei Aufsichtsratsmitglieder. Die Behörde prüfe nun, ob Ermittlungen einzuleiten seien, sagte eine Sprecherin.

Die Uniklinik wollte auf Anfrage zur Verantwortung früherer und heutiger Manager des Hauses nichts sagen. Man äußere sich "nicht zu laufenden oder noch nicht eröffneten Verfahren".