ZEIT ONLINE: Herr Müller, wann wird Cannabis in Deutschland legalisiert? 

Andreas Müller: Die ersten kleinen Schritte sehen wir jetzt überall, bundesweit wird die Legalisierung in der Mitte der nächsten Legislaturperiode kommen, 2019, und zwar egal, welche Koalition gerade an der Macht ist.  

ZEIT ONLINE: Ist das nicht sehr zweckoptimistisch?  

Müller: Die Stimmung ändert sich gerade massiv, selbst wirtschaftspolitische Sprecher der Union wagen sich aus der Deckung. Auf kommunaler Ebene gibt es diverse Initiativen, ich bin sehr optimistisch.   

ZEIT ONLINE: Wird Deutschland dann in einer riesigen Hanfwolke untergehen?  

Müller: Anfangs wird vielleicht mehr gekifft werden, weil viele das ausprobieren wollen. Einigen wird das nichts bringen, anderen wird es zu hart sein, und die meisten werden weiterhin Alkohol trinken. Aber wir werden weniger Cannabis-Opfer haben.  

ZEIT ONLINE: Wieso? 

Müller: In den vergangenen 40 Jahren haben wir mehr als eine halbe Million Menschen nur wegen Cannabis ins Gefängnis gesteckt, oft junge Leute, wir haben dadurch Leben und Familien völlig unnötigerweise zerstört, Menschen stigmatisiert und erst auf die schiefe Bahn gebracht – das sind die gesellschaftlichen Folgen unserer Gesetze.  

ZEIT ONLINE: Auch Cannabis-Produzenten sind für Sie keine Kriminellen? 

Müller: Nein. Sie verstoßen gegen die Gesetze, ja, vielleicht sind sie deswegen auch dumm, aber sie sind in meinen Augen keine Kriminellen, sondern auch Opfer der Kriminalisierung.  

ZEIT ONLINE: Viele Eltern hätten bei einer Freigabe wahrscheinlich Angst um ihre Kinder. 

Müller: Auch heute kifft schon jeder, der kiffen will. Und legalisieren heißt nicht verharmlosen. Natürlich macht Kiffen blöd, wenn man es als junger Mensch übertreibt. Aber schon um das zu verhindern, braucht es einen offenen und ehrlichen Umgang mit dem Zeug, und den erreicht man nur, wenn niemand stigmatisiert wird.  

ZEIT ONLINE: Wie stellen Sie sich die Legalisierung praktisch vor?  

Müller: In einer ersten Stufe wird der so genannte Medizinalhanf freigegeben, also Cannabis als therapeutisches Mittel, das heute Hunderttausenden Patienten unnötigerweise vorenthalten wird. Dann gibt es Cannabis auf Krankenschein.  

ZEIT ONLINE: Bezahlt von der Krankenkasse?  

Müller: Genau. Und wenn Hunderttausend Patienten und mehr monatlich für drei- bis fünfhundert Euro Gras aus Holland beziehen, werden die Kassen schnell zu dem Schluss kommen, dass ihre Versicherten dieses Mittel sehr viel günstiger zu Hause auf dem Balkon herstellen könnten. Schon ein paar Pflanzen würden ja reichen. Kurzum: Der Kostendruck wird der Antrieb für eine weitere Liberalisierung, was absolut vernünftig ist.  

"Wahrscheinlich könnte Gras selbst Nazis helfen"

ZEIT ONLINE: Werden nicht alle zum Arzt rennen und Cannabis verlangen?  

Müller: Bestimmt werden viele ein Leiden vortäuschen, die einfach kiffen wollen, ohne gleich stigmatisiert zu werden. Aber das haben wir heute bei Medikamenten ja auch schon. Viele Manager lassen sich aus fadenscheinigen Gründen Aufputschmittel und andere Sachen verschreiben, weil sie sich damit vermeintlich besser fühlen.  

ZEIT ONLINE: Das nennt man Missbrauch.  

Müller: Ja, aber damit muss man rechnen, weil die Regeln die Leute zu solch einem Verhalten zwingen. Auch deswegen ist langfristig eine umfassende Freigabe das oberste Gebot. Allerdings mit Reglementierungen, denn der Staat soll ja unter anderem auch Steuern kassieren, was ein angenehmer Nebeneffekt ist.  

ZEIT ONLINE: Wo sollte man Cannabis kaufen können?  

Sie nehmen Drogen – wir wissen, welche: Klicken Sie hier für die Ergebnisse des ZEIT-ONLINE-Drogenberichts 2016.

Müller: Denkbar wären staatlich überwachte private Fachgeschäfte, solche haben die Grünen in ihrem Entwurf für ein Cannabiskontrollgesetz vorgesehen. Denkbar wären auch die Apotheken, aber das hätte so einen Hauch von "Krankheit". Möglich sind auch Coffeeshops wie in Holland ... 

ZEIT ONLINE: ...wo es das "Backdoor-Problem" gibt: Vorne darf legal verkauft werden, was hinten auf dubiose Weise erworben wurde. 

Müller: Genau das ist falsch. Wir brauchen am besten deutsche Plantagen in staatlicher Hand, die ihre Ernte an lizenzierte und überwachte Fachgeschäfte verkaufen. Mit Testkäufen und Qualitätskontrollen wird überwacht, ob Jugendschutz und Verbraucherschutz eingehalten werden.  

ZEIT ONLINE: Wenn langfristig alles auch für den privaten Anbau freigegeben werden soll, wie kann dann noch kontrolliert werden?  

Müller: Man sollte die Zahl der Pflanzen, die man privat anbauen darf, begrenzen, sagen wir auf drei oder fünf Pflanzen, das wäre ein Kompromiss. Das geht natürlich nur mit einer aufgeklärten Bevölkerung, die weiß, dass das nichts für Kinder und Jugendliche ist. Die meisten Verbraucher aber würden sicherlich nach wie vor das Fachgeschäft dem schwierigen und aufwändigen Eigenanbau vorziehen.  

Verlag Herder, 2015; ca. 240 S., 19,99 € © Verlag Herder

ZEIT ONLINE: Das wird den Pharmaunternehmen möglicherweise nicht gefallen.  

Müller: Während meiner Buchrecherchen habe ich nicht einmal das Gefühl gehabt, die chemische Industrie torpediere irgendwie Legalisierungsbestrebungen. Im Gegenteil. Sie werden auf Cannabis-Basis neue Produkte entwickeln und auch davon profitieren können.  

ZEIT ONLINE: Wird Deutschland nach der Cannabis-Legalisierung ein friedlicheres Land?  

Müller: Cannabis wird Deutschland garantiert friedlicher machen. Wenn wir auf einen Schlag alle Trinker, von denen es ja Millionen gibt, gegen Kiffer austauschen könnten, hätten wir in der Bundesrepublik kaum noch Probleme mit Aggressionen. Der Alkohol ist unser größtes Problem. In all meinen vielen Jahren als Jugendrichter hatten praktisch alle Gewaltdelikte mit Alkohol zu tun, aber nicht eins war auf alleinigen Cannabis-Konsum zurückzuführen. Wahrscheinlich könnte Gras selbst Nazis helfen: Die wären zu träge, um ihre Springerstiefel in Bewegung zu setzen und fänden nach einem Joint plötzlich alle Menschen nett.

Das Interview hat Rainer Schmidt geführt. Er ist Journalist und Schriftsteller und hat mehr als ein Jahr in der Gras-Szene recherchiert. Die Geschichte eines verurteilten Grasproduzenten hat ihn zu seinem Roman "Die Cannabis GmbH" inspiriert, der bei Rogner & Bernhard erschienen ist.


Wie viele Produkte es rund um den Cannabis-Konsum gibt, zeigt dieser Besuch in einem Zubehörgeschäft.

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