Diese Gesundheitsgefahr liegt buchstäblich in der Luft und ist mit bloßem Auge nicht sichtbar. An den Folgen von Feinstaub sterben nach neusten Modellrechnungen jedes Jahr 3,3 Millionen Menschen. Vor allem kleinste Partikel mit maximal 2,5 Mikrometer im Durchmesser und nicht größer als Bakterien gelten als gesundheitsschädlich. Überall dort, wo sich besonders viel Feinstaub in der Luft konzentriert, ist die Zahl tödlich verlaufender Schlaganfälle, Herzleiden und Atemwegserkrankungen wie Asthma erhöht.

Die Zahl der Opfer haben Wissenschaftler um Johannes Lelieveld vom Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie auf der Grundlage von Daten aus dem Jahr 2010 berechnet (Lelieveld et al., Nature, 2015). Der größte Teil der frühzeitigen Todesfälle ereignet sich in Asien. China und Indien allein tauchen mit zusammen mehr als zwei Millionen Feinstaubopfern in den Daten auf – mehr Menschen also, als in diesen Ländern an Aids oder durch Unfälle im Straßenverkehr ums Leben kommen.

In der Region wird vor allem mit Kohle, Holz, anderen Biomasse-Brennstoffen oder Diesel geheizt und gekocht. Dabei entstehen kleinste Staubteilchen, die mit dem Rauch in die Luft aufsteigen. Eingeatmet können sie bis tief in die Lunge vordringen und sogar ins Blut aufgenommen werden. Sammeln sie sich im Körper, begünstigen sie Kreislauferkrankungen oder auch Lungenkrebs. Die neue Modellrechnung ergab: Knapp drei Viertel aller Menschen, die an den Folgen der Luftverschmutzung sterben, erleiden einen Schlaganfall oder Herzinfarkt.

Fünf von 10.000 sterben wegen des Smogs früher

Für Europa rechnen die Forscher mit 380.000 Menschen pro Jahr (erfasst wurden alle ab 30 Jahren), die wegen der Schadstoffbelastung frühzeitig sterben. Rund 1.000 Kinder unter fünf Jahren sterben in Europa an Erkrankungen, die durch Luftschadstoffe ausgelöst oder verschlimmert werden. Für Deutschland besagt die Studie: 34.000 Menschen, die im Jahr 2010 einer Erkrankung erlagen, könnten ohne die Feinstaubbelastung noch leben.  

Bis 2050 könne sich die Zahl der weltweiten Todesfälle sogar auf 6,6 Millionen verdoppeln, wenn die Luftqualität unverändert schlecht bleiben sollte. Die Prognosen speisen sich aus weltweiten Feinstaubmessungen, Daten zur Luftqualität, Bevölkerungsdichte und -gesundheit. Unter Kombination von Statistikmodellen (Burnett et al., 2013) erstellten die Forscher ihre Prognosen und stimmten sie mit Rechenmodellen ab, die beschreiben, wie sich Partikel in der Atmosphäre verbreiten.

Fehleranfällig sind diese Daten, worauf die Forscher selbst hinweisen. Die Folgen der Luftverschmutzung ließen sich nur schwer quantifizieren. Zum einen, weil die Luftqualität nicht überall durchgehend überwacht werde. Zum anderen, weil über die Schädlichkeit einzelner Partikel bisher wenig bekannt sei. Und die kann je nach Quelle des Staubs unterschiedlich sein. 

Wüstenstaub, Industrieabgase, Kaminrauch – Feinstaub hat viele Quellen

Industrie und Verkehr halten viele für die schlimmsten Luftverschmutzer. "Weltweit ist das offenbar nicht der Fall", sagt Studienleiter Lelieveld. In Indien und China verursachten die häuslichen Kleinfeuer einen Großteil des Smogs. "Wenn ein Großteil der Bevölkerung das macht, kommt einiges zusammen." In Europa verschmutzt vor allem die Landwirtschaft die Luft. Dünger und Ammoniumgase, die durch Exkremente in der Tierhaltung entstehen, versetzen sie mit Ammoniumnitrat- und Sulfatpartikeln.

Die neue Studie erfasst nur Emissionen außerhalb von Häusern. Sieben Quellen für Luftschadstoffe nahmen die Forscher in ihre Berechnungen auf. Neben häuslichem Feinstaub kamen noch Abgase aus Straßenverkehr, Energiegewinnung, Industrie und Biomasse-Verbrennungen (zum Beispiel beim Roden von Wäldern) sowie natürliche Quellen wie Wüstenstaub hinzu.

Bis heute sei nicht ausreichend erforscht, wie Smog, insbesondere Feinstaub, genau Gesundheitsschäden verursache. Auch, welche Konzentration und Zusammensetzung besonders riskant sind, sei kaum bekannt. Das schreibt der kalifornische Umwelt- und Gesundheitsforscher Michael Jerret in einem Kommentar zu der Nature-Studie. Die Prognose einer möglichen Verdopplung der Todesfälle bis 2050 solle jedoch die Alarmglocken schrillen lassen.

Weniger Feinstaub-Opfer in Südamerika

China ist das Land mit den meisten Feinstaub-Opfern, gefolgt von Indien und Pakistan. Die Regierungen sollten versuchen, den Menschen zum Heizen und Kochen bessere Technologien zugänglich zu machen, forderte Studienleiter Lelieveld in einer Telefon-Pressekonferenz.

Auf den Straßenverkehr gehen in Deutschland, Großbritannien und den USA nur etwa 20 Prozent der Feinstaub-Todesfälle zurück, folgt man der Argumentation der Forscher. Jährlich sterben hierzulande damit bis zu 7.000 Menschen an Erkrankungen, die Abgase gefördert haben könnten. Die Zahl der Verkehrstoten ist halb so hoch.

Dass Menschen länger leben, wenn Feinstaubquellen versiegen, zeigen Forscher von der britischen Uni in Leeds am Beispiel Brasiliens (Reddington et al., Nature Geoscience, 2015). Sie haben berechnet, dass in Südamerika seit 2004 die Partikelbelastung deutlich abgenommen hat und jährlich 400 bis 1.700 Todesfälle verhindert haben könnte. In dieser Zeit hat die Brandrodung des Regenwaldes nachgelassen. Entsprechend weniger Feinstaub verschmutzte die Luft.