Ein bisschen schwanger geht nicht. So einfach und kategorisch ist es in Gesundheitsfragen nicht: Krankheiten unterscheiden sich in Schweregrad und Auswirkungen auf die betroffene Person. Eindeutig sind hingegen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen, die für Krankengeld entfallen: In den vergangenen zehn Jahren haben sie sich auf 10,6 Milliarden Euro verdoppelt – ein Rekordstand in der Geschichte der Bundesrepublik.


Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hatte daher Ende 2014 den Sachverständigenrat Gesundheit zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen beauftragt. Aus dem nun vorgelegten Gutachten geht zunächst etwas Positives hervor: Ein erheblicher Teil der Ausgabensteigerung sei auf "politisch erwünschte Entwicklungen zurückzuführen", heißt es. Sowohl das gestiegene Durchschnittseinkommen als auch ein Anstieg in der Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten führten zu höheren Ausgaben. Außerdem hebt die große Zahl älterer Versicherter mit höherem Einkommen den Wert.

Allerdings sieht das Expertengremium die fließenden Übergänge zwischen Krankengeld, Übergangsgeld, Arbeitslosengeld I und der Erwerbsminderungsrente als Fehlanreize an. Bei befristeten Arbeitsverhältnissen könnte etwa das Krankengeld auf die Höhe des Arbeitslosengeldes beschränkt werden, wenn die Arbeitsunfähigkeit über das Ende des Beschäftigungsverhältnisses hinausgeht. Die Trennung zwischen den verschiedenen Hilfen solle in Zukunft klar geregelt werden, um Beschäftigte nicht dazu anzureizen, alle Bezüge auszuschöpfen, empfiehlt der Sachverständigenrat.

"Besonders krankengeldrelevant" sind laut Gutachten psychische Krankheiten wie Depressionen und Rückenleiden. Bei Frauen machen zeitweise depressive Verstimmungen fast ein Viertel der Ausgaben aus, bei Männern knapp 17 Prozent. Sie müssten laut Expertenrat schneller als bisher behandelt werden, um nicht langfristig Kosten zu verursachen.

Dennoch sollen die Ausgaben gesenkt werden. Der Sachverständigenrat rät, zum skandinavischen Modell der teilweisen Krankschreibung überzugehen: Die Arbeitsunfähigkeit wird dabei auf 100 Prozent, 75 Prozent, 50 Prozent oder 25 Prozent eingestuft und entscheidet darüber, ob Erwerbstätige nicht zumindest eingeschränkt ihre Arbeit tun können. Bislang gilt in Deutschland bei Krankheit das Motto: alles oder nichts. Beschäftigte sehen ihren Einsatz bei Krankheit eher als noble Geste. Bei Arbeitsunfähigkeit bekommen Arbeitnehmer in der Regel zunächst sechs Wochen weiter Lohn oder Gehalt. Danach zahlen die gesetzlichen Kassen ihren Versicherten bei andauernder krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit in der Regel Krankengeld.

Gesundheitsminister Gröhe erklärte, das Gutachten gebe "wichtige Anstöße" für weitere Maßnahmen. 2006 waren die Ausgaben für Krankengeld mit 5,7 Milliarden Euro auf einem Tiefststand gewesen. Zuletzt war der Ausgabenanstieg beim Krankengeld in den ersten drei Quartalen des Jahres 2015 wieder abgeflacht.