In Deutschland haben knapp drei Prozent der Bevölkerung eine Mikrozephalie, also einen Kopfumfang, der weit unter dem Durchschnitt liegt. Die Menschen sind deshalb nicht automatisch krank, sagt Angela Kaindl, ärztliche Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums der Charité Berlin. "Eine Mikrozephalie ist allerdings ein großer Risikofaktor für das Auftreten einer Intelligenzminderung oder auch einer Einschränkung der motorischen Fähigkeiten."

Wie stark sich der zu kleine Kopf auf die kognitiven Fähigkeiten der Betroffenen auswirkt, lässt sich nicht pauschal sagen. Die Beeinträchtigungen hängen davon ab, welche Teile des Gehirns betroffen sind. "Je kleiner der Kopf, umso größer ist die Gefahr, dass eine Entwicklungsstörung auftritt", sagt Angela Kaindl.

Raum und Zeit kann Constantin nicht begreifen

Katja Baumann sagt, sie habe "relativ Glück gehabt". Constantin zählt zu den leichteren Fällen. Der heute 13-Jährige ist lernbehindert und geht in eine Förderklasse an einer Schule für Körperbehinderte. Raum und Zeit sind für ihn Konzepte, die er nicht begreifen kann. Seine Mutter kann ihm nicht sagen, dass er sich noch fünf Minuten gedulden soll, weil Constantin keine Vorstellung davon hat, was fünf Minuten sind. Um herauszufinden, wann die nächsten Wettbewerbe im Schwimmen oder das Fußballtraining am Wochenende stattfinden, fragt sie andere Kinder aus seinem Team. Gleichaltrige können ihr die Informationen geben, die sie von Constantin nicht bekommt.

"Manchmal steht er mittags auf und will Abendessen", sagt Katja Baumann, "aufstehen, essen, Zähne putzen – das alles geht nur mit Anleitung. Ihm fehlt das Verständnis dafür, was ein Ablauf ist, eine Reihenfolge." Allein lassen kann sie Constantin nicht. Auch Namen kann sich der Junge mit den roten Haaren und braunen Augen nicht merken. Einen Onkel, der nur alle zwei Jahre zu Familienfesten auftaucht, erkennt er nicht. Die Nachbarn kann er nicht mit Namen grüßen.

Die Ursachen einer Mikrozephalie sind vielfältig. Die meisten Schädigungen geschehen in der Schwangerschaft. Infiziert sich die werdende Mutter mit Röteln, Toxoplasmose, Syphilis oder dem Cytomegalievirus, kann das die Entwicklung des Gehirns des Ungeborenen beeinträchtigen. Trinkt die Mutter oder nimmt sie andere Drogen während der Schwangerschaft, steigt das Risiko, dass das Kind mit einem verkleinerten Gehirn zur Welt kommt. Muss sich die Schwangere einer Strahlentherapie unterziehen, kann sich das – abhängig von der Strahlendosis – negativ auf die Hirnentwicklung ihres Kindes auswirken.

Das größte Risiko steckt in den Genen

Die größten Risikofaktoren für eine Mikrozephalie sind genetische Veränderungen. "Die sind zum Teil erblich, zum Teil treten sie völlig spontan auf – und noch immer kommen ständig neue Gene dazu, die für einen zu kleines Gehirn und damit den zu kleinen Schädel verantwortlich sein können", sagt Rudolf Korinthenberg, Ärztlicher Direktor der Klinik für Neuropädiatrie und Muskelerkrankungen an der Universitätsklinik Freiburg.

Besonders empfindlich ist das Gehirn eines Ungeborenen im ersten Drittel der Schwangerschaft, dann, wenn es quasi geformt wird, sich die Nervenzellen teilen und die einzelnen Hirnareale angelegt werden. Geht in diesem Prozess etwas schief, ist der Fötus oft nicht lebensfähig und stirbt noch im Mutterleib. Überlebt er, ist er meist schwer beeinträchtigt. Auch Unfälle der Mutter während der gesamten Schwangerschaft können das Gehirn des Ungeborenen schädigen.

Weitaus seltener sind Formen der Mikrozephalie, die ihre Ursachen während oder nach der Geburt haben. Bekommt das Kind während der Geburt nicht genügend Sauerstoff und sterben deshalb Teile des Gehirns ab, schließen sich die Schädelplatten um das dann verkleinerte Gehirn. Der Kopf bleibt kleiner als der gesunder Kinder. Dieser Effekt ist auch nach Unfällen oder Entzündungen des Gehirns in den ersten zwei Lebensjahren zu beobachten. In dieser Zeit wächst der Schädel normalerweise noch und passt sich an die Größe des Gehirns an.