Wäre das Problem damit beseitigt?

Nein. So nimmt nur die Wahrscheinlichkeit ab, dass ein tierischer Keim mit dem Resistenzen zufällig auf einen menschlichen trifft und bei der Begegnung mcr-1 überträgt. Ist der Resistenzmechanismus einmal bei den Keimen des Menschen angekommen, kommt es auf das Verhalten von jedem Einzelnen an. Es bringe nichts, über "Schuld" zu diskutieren, sagt Eckmanns. Die Gesundheit von Tieren und Menschen müsse zusammen bedacht werden. "Die weitere Ausbreitung geht von Mensch zu Mensch." Und dies über Kontinente hinweg. Antibiotikaresistenzen seien eine von drei sich langsam entfaltenden Katastrophen, sagte Margaret Chan am Montag bei der Eröffnung der Weltgesundheitsversammlung in Genf. Wenn man jetzt nicht handele, würden diese Katastrophen eine Dynamik entfalten, wo man sie nicht mehr aufhalten kann.

Welche neuen Ansätze zur Behandlung von Infektionen gibt es?

Die Antibiotikaentwicklung verläuft nur schleppend. Doch erproben Forscher auch ungewöhnliche Bekämpfungsmethoden. Eine Möglichkeit besteht darin, "räuberische" Bakterien einzusetzen, die sich von anderen Bakterien ernähren. So haben Wissenschaftler den in der Regel harmlosen Darmkeim E. coli genetisch so verändert, dass er krank machende Pseudomonas-Bakterien attackiert. Neue Medikamente könnten auch gewonnen werden, indem man die Abwehrsysteme von Pflanzen, Tieren und Pilzen studiert. Diese bilden Peptide – kurze Aminosäureketten –, die für Bakterien giftig sind. Peptide wurden unter anderem in Fröschen, Schlangen und Alligatoren gefunden. Die aus Froschhaut gewonnene Substanz Pexiganan wird etwa bei Fußgeschwüren von Zuckerkranken erprobt.

Ein weiterer Ansatz sind Bakteriophagen – Viren, die Bakterien befallen. In der Sowjetunion wurden sie bereits in den 1920er Jahren erprobt. Im Zeichen der Antibiotika-Krise erlebt sie eine Renaissance und soll in Europa bei Infektionen nach Verbrennungen eingesetzt werden. Ganz neu sind hingegen hochpräzise Gen-Scheren. Die Technik mit Namen "Crispr" (sprich: Krisper) wurde bei Bakterien abgeguckt und soll nun helfen, diese zu bekämpfen. "Crispr"-Gen-Scheren können zum Beispiel Erbanlagen bei Bakterien heraustrennen, die Informationen für Antibiotika-Resistenz enthalten. Auch Metalle, die ältesten Mittel gegen Bakterien, sind wieder en vogue. So sollen metallische Nanoteilchen bei Hautinfektionen eingesetzt werden.

Sind resistente Erreger gefährlicher?

Nicht unbedingt. Alles in der Natur hat seinen Preis. Das gilt auch für Bakterien, die sich mit Resistenzgenen gegen Antibiotika abschirmen. Resistenz kostet Energie. Resistente Erreger vermehren sich deshalb häufig weniger stark, sie sind weniger "fit". Meist sind sie auch weniger giftig und aggressiv ("virulent") als andere Keime. Allerdings gilt das längst nicht immer. Manchmal gehen Resistenz und Virulenz Hand in Hand – eine gefährliche Entwicklung.

Warum schädigen Bakterien überhaupt ihre Wirte, wie den Menschen? Evolutionsforscher vermuten, dass Gifte und andere krankmachende Virulenzfaktoren Bakterien helfen, sich im Körper festzusetzen und sich auf andere Wirte auszudehnen. Ein neues Feld der Arzneimittelentwicklung sind Anti-Virulenz-Mittel. Dabei geht es darum, Krankheitserreger wie Colibakterien, Cholera- und Ruhr-Keime nicht zu töten, sondern lediglich zu "entwaffnen", indem man ihre Giftproduktion lähmt.

Werden wirklich zu viele Antibiotika eingesetzt?

Weltweit ist das eindeutig der Fall. In Ländern wie Indien, in denen Infektionen besonders häufig sind, kann man hochwirksame Breitspektrumantibiotika rezeptfrei kaufen. In Deutschland sieht die Situation nicht ganz so bedrohlich aus, sagt Petra Gastmeier, Leiterin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité. "Wir gehören nicht zu den Hochverbrauchern." 2015 hat die Berliner Universitätsklinik gemeinsam mit sechs Partnern das Modellvorhaben "Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation" gestartet. Dabei handelt es sich um eine Aufklärungskampagne, die sich an Ärzte, Tierärzte, Landwirte und Patienten richtet.

Was kann die Politik tun, um Antibiotikaresistenzen zurückzudrängen?

Das Thema ist weltweit auf der politischen Agenda. Auch die Bundesregierung hat 2015 einen 10-Punkte-Plan zur Bekämpfung resistenter Keime vorgelegt. Aufsehen erregte vor kurzem der im Auftrag der britischen Regierung erstellte globale Aktionsplan eines Expertenteams um den Ökonomen Jim O'Neill. Die Fachleute warnten: Wenn man das Problem der Resistenzen nicht löse, könnten 2050 jedes Jahr zehn Millionen Menschen resistenten Keimen zum Opfer fallen. Bereits heute würden jährlich 700.000 Menschen an Infektionen mit resistenten Erregern sterben.

O'Neill fordert eine Öffentlichkeitskampagne, verbesserte Hygiene (sauberes Wasser und Toiletten in Entwicklungsländern, Händedesinfektion in Kliniken) zur Infektionsvorbeugung und weniger Antibiotikaverbrauch in der Landwirtschaft. Internationale Überwachung, Schnelltests und Impfstoffentwicklung müssten gefördert, die Arbeit auf dem Feld der Infektionskrankheiten stärker anerkannt werden. Ein globaler Innovationsfonds müsse aufgelegt werden.

Auch Firmen sollten finanzielle Anreize für die Entwicklung neuer Mittel bekommen. Um all das durchzusetzen, sei eine globale Koalition zu schmieden, etwa mit Hilfe der G20-Länder oder der Vereinten Nationen. 40 Milliarden Dollar, verteilt über zehn Jahre, koste der globale Aktionsplan, schätzt O'Neill. Unternehme man dagegen nichts, würden sich die Kosten auf 100 Billionen Dollar aufsummieren.