Wer heute kein Kind bekommen möchte, der muss es nicht. Frauen und Männer können verhüten und bei ungewollter Schwangerschaft ist je nach Gesetzeslage bis zu einer bestimmten Frist ein Abbruch erlaubt. Das gilt für die entwickelten Länder. Für West- und Nordeuropa etwa, oder die USA. In verschiedenen Staaten Afrikas oder Asiens sieht es anders aus: Dort ist die medizinische Versorgung schlecht, viele Menschen haben keinen Zugang zu Verhütungsmitteln und gleichzeitig sind Abtreibungen fast überall verboten.

Doch das heißt heute nicht mehr, dass Frauen in Entwicklungsländern zwangsläufig ein Kind zur Welt bringen, das sie nicht wollen oder – und das ist der viel häufigere Grund – nicht versorgen können.

Ein Team aus Forschern von der Weltgesundheitsorganisation WHO, des privaten Guttmacher-Instituts für Reproduktionsmedizin und einigen Universitäten hat nun durch die Auswertung sehr komplexer und heterogener Daten ermittelt, dass in Entwicklungsländern sogar häufiger abgetrieben wird. Den Berechnungen zufolge hat die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Europa, Nordamerika und anderen westlichen Staaten seit 1990 tendenziell abgenommen, während sie in weniger entwickelten Staaten beinahe gleich geblieben ist (The Lancet, Sedgh et al., 2016).

Schlechte Datenlage, aber wichtiger Ansatz

Wirklich genau sind die Zahlen des Forscherteams um die Epidemiologin und Biostatistikerin Gilda Sedgh allerdings nicht – vor allem, weil die Daten so schwer zu beschaffen waren. Auf diese Mängel und Schwierigkeiten ihrer Statistik weisen die Wissenschaftler ausdrücklich hin. Aus Ländern mit einem schlechten und kaum dokumentierten Gesundheitssystem kamen nur ungenaue Angaben. Noch schwieriger war es Daten aus Staaten zu erhalten, wo Schwangerschaftsabbrüche verboten sind oder stark stigmatisiert werden. Und sogar in der Definition, was als Abtreibung gilt, sind die Standards und Gesetze von Land zu Land verschieden. Selbst in entwickelten Ländern nehmen die Forscher Ungenauigkeiten an. Das macht die Zahlen am Ende kaum vergleichbar.

Was die Forscher schließlich bekommen konnten, stammt aus offiziellen Datenbanken, aus Studien und von Ämtern der jeweiligen Länder. Nun hatten sie zwei Möglichkeiten: Entweder sie schweigen zu dem Thema komplett, oder sie versuchen mithilfe statistischer Methoden halbwegs brauchbare Ergebnisse zu produzieren. Die Forscher entschieden sich für die zweite Variante. Ihre Methoden haben sie in ihrem Paper genau dokumentiert und statistisch überprüft – und so versucht, das Unmögliche möglich zu machen. 

"Abtreibungen zu kriminalisieren, verhindert sie nicht"

Das Ergebnis dieser Berechnungen: In den entwickelten Ländern haben zwischen 2010 und 2014 etwa 27 von 1.000 Frauen zwischen 15 und 44 Jahren abgetrieben, zwischen 1990 und 1994 waren es noch ungefähr 46. In Entwicklungsländern lag die Zahl zwar zwischen 1990 und 1994 noch niedriger als in entwickelten Ländern, nämlich bei 39 von 1.000 Frauen, ist aber bis heute nicht deutlich gesunken: Zwischen 2010 und 2014 haben noch etwa 37 von 1.000 Frauen eine Abtreibung vornehmen lassen. Im weltweiten Durchschnitt waren es 35 von 1.000 Frauen. All diese Zahlen sind Schätzwerte – die Forscher geben jeweils die mögliche Abweichung an, die für einige Staaten erheblich war.

In der Tendenz lässt sich aber erkennen: Die Entwicklungsländer sind etwa auf dem gleichen Stand wie vor 20 Jahren. Dabei hat es nach den Berechnungen der Forscher keinen Einfluss auf die Häufigkeit der Schwangerschaftsabbrüche, ob diese im jeweiligen Land erlaubt sind oder nicht. "Abtreibungen zu kriminalisieren, verhindert sie nicht", sagt Diana Foster, die die Studie im Lancet kommentiert hat. Die Demografin forscht am Bixby Center für globale Fortpflanzungsmedizin an der Universität Kalifornien in San Francisco.

Frauen, die in Ländern mit Abtreibungsverbot leben, haben oft auch keinen Zugang zu anderen Maßnahmen zur Familienplanung, weder zu Beratungsstellen, noch zu Kondomen oder der Pille. Auch ein sicherer und kontrollierter Abbruch einer Schwangerschaft ist ihnen kaum möglich. Die Folgen: Es gibt mehr ungewollte Schwangerschaften und mehr unsichere illegale Abtreibungen. Für die Frauen ein hohes Gesundheitsrisiko. Und viele gebären Kinder, die sie anschließend kaum versorgen können.

Um die Zahl der Abtreibungen zu vermindern, empfiehlt Foster ein einfaches Vorgehen: Demografen müssten herausfinden, wo viele Frauen leben, die keinen Kinderwunsch haben, aber nur einen eingeschränkten Zugang zu Verhütungsmitteln. Und diese Tatsache ändern. Auch die Forscher hoffen, dass sich etwas bewegt: Alle Frauen müssten im Notfall die Möglichkeit zu einer sicheren Abtreibung haben.