Gedächtnisverlust, Schlaflosigkeit, Depressionen, Ängste – viele Soldaten kehren mit diesen Symptomen aus einem Krieg zurück oder entwickeln sie Jahre nach ihrem Kampfeinsatz. Posttraumatische Belastungsstörung, abgekürzt PTBS oder in den englischen Variante PTSD, lautet dann die Diagnose. Im Jahr 2015 wurde bei 235 Soldaten der Bundeswehr eine PTBS diagnostiziert. Bei einigen von ihnen könnten aber nicht nur die belastenden Erlebnisse schuld sein an ihrer Erkrankung.

Amerikanische Hirnforscher haben im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums die Gehirne verstorbener Soldaten untersucht und Hinweise auf bislang unerkannte Verletzungen gefunden, die durch Explosionen verursacht sein könnten. Die medizinische Fachzeitschrift The Lancet hat eine Studie zu Hirnschäden bei Soldaten veröffentlicht, die eine Explosion erlebt hatten. Die Wissenschaftler um den Neuropathologen Daniel Perl fanden in den Gewebeproben spezifische Vernarbungen. Sie glauben, dass die Druckwelle, die bei einer Explosion entsteht, Schäden im Gehirn verursacht, die zu ähnlichen Symptomen führen wie PTSD.

Seit dem ersten Weltkrieg ist bekannt, dass Detonationen zu schweren psychischen Störungen führen. Shell Shock hieß das Phänomen früher, Kriegsneurose. Doch offensichtlich sind die Schäden nicht allein psychischer Natur.

Bei Footballspielern und Boxern sind Hirnschäden längst eine anerkannte Krankheit. Ihr Name: chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE) – Veränderungen im Gehirngewebe aufgrund zahlloser Schläge gegen den Kopf. Die Symptome sind ähnlich wie bei PTBS und wie bei dem nun beschriebenen Hirntrauma durch Explosionen, auch wenn Ursache und Gewebeveränderungen andere sind.

Nicht nur direkte Schläge gegen den Kopf verletzen das Hirngewebe. Bei Explosionen entstehen Druckwellen, die sich schneller als der Schall ausbreiten. Der Luftdruck steigt dabei schockartig und presst den Körper zusammen. Körperflüssigkeiten lassen sich kaum komprimieren, sie geben Druckveränderungen an das umgebende Gewebe weiter.

Der Neuropathologe Perl wurde vom Pentagon gebeten, den Zusammenhang zwischen Selbstmorden durch PTSD und Explosionswellen zu erforschen. Für die Studie wurden Gehirne von verstorbenen Soldaten untersucht. Fünf davon hatten während ihrer Dienstzeit mehrfach Explosionen erlebt, drei waren akut einer Explosion ausgesetzt gewesen und an den Folgen gestorben. Fünf weitere hatten mehrfach Schläge gegen den Kopf erlitten. Als Kontrollgruppen wurden fünf Gehirne von Opiatabhängigen untersucht und drei Gehirne von Zivilisten, bei denen keine neurologischen Schäden bekannt waren.

In den insgesamt acht Gehirnen, die Explosionen ausgesetzt gewesen waren, fanden die Wissenschaftler vernarbte Astrogliazellen. Astroglia oder Astrozyten sind spinnenartig verzweigte Hirnzellen. Sie sind Teil der Blut-Hirn-Schranke. Zu ihren Aufgaben scheint es zu gehören, Neuronen zu versorgen und zu ernähren. Das Narbengewebe wurde nur bei diesen acht Gehirnen gefunden. Bei den drei Soldaten, die durch eine Explosion gestorben waren, sei es im Anfangsstadium zu erkennen gewesen.

Vernarbungen führen zu Veränderungen der Psyche

Bei den Menschen, die Gehirnerschütterungen durch Schläge erlebt hatten, habe man keine Narben finden können, schrieben die Wissenschaftler. Auch die Kontrollgruppen wiesen keine dieser Verletzungen des Hirngewebes auf. Die fünf Fälle aber, die während ihres Lebens mehrfach Explosionen ausgesetzt gewesen waren, hätten deutliche Vernarbungen der Astroglia gezeigt. Bei allen fünf sei außerdem zu Lebzeiten eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden.

Das Gehirn versucht offenbar, die Verletzung des Gewebes durch die Detonationswelle zu reparieren, doch können die zerstörten Nervenbahnen nicht wieder verknüpft werden. So führt die Vernarbung zu Veränderungen der Psyche. Mit herkömmlichen Verfahren wie der Computertomografie sind die Schäden nicht zu entdecken.

Eines der untersuchten Opfer war laut einem Bericht der New York Times David Collins, der 17 Jahre lange bei den Navy Seals gedient hatte, einer Spezialeinheit der amerikanischen Marine. In Irak und Afghanistan habe er zahllose Detonationen erlebt. Nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst im Jahr 2012 wurde er depressiv und brachte sich 2014 um. Sein Schicksal ist typisch für viele Soldaten. Auch wenn sie ihren Dienst äußerlich unverletzt überstehen, kann er sie noch Jahre später töten.

Die NYT beschreibt eine zweite Lebensgeschichte. Brandon Matthews war elf Jahre lang in einer Spezialeinheit der Armee und oft Explosionen von Granaten oder Sprengfallen ausgesetzt, bei der schwersten war er nur wenige Meter entfernt von der Bombe und wurde von der Wucht quer durch einen Gang geschleudert. Heute hat er schwere Gedächtnislücken und Konzentrationsprobleme. Bereits fünf seiner früheren Kameraden haben sich nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg umgebracht.

Wie viele Soldaten solche Hirnschäden erleiden, ist unklar. Es könnten viele sein. Das amerikanische Militär hat 2009 ein gesamtes Brigade Combat Team mit 3.900 Soldaten untersucht, um festzustellen, wie viele von ihnen beim Einsatz im Irak mindestens einmal ein Hirntrauma erlitten hatten. Fast 23 Prozent hatten eine solche Verletzung, bei vielen der Soldaten war sie verbunden mit Kopfschmerzen, Benommenheit und Gedächtnisstörungen.