Andere Länder haben einen gesundheitsbasierten Ansatz gewählt, der sich hauptsächlich auf den Gebrauch und den Besitz von Drogen fokussiert, um damit verbundene Schäden zu reduzieren. Die Schweiz und Deutschland waren unter den Ersten, die Nadelwechsel und medizinisch betreute Konsumräume eingeführt haben. Die Schweiz und Teile Deutschlands verschreiben zudem Heroin (Diamorphin) an Langzeitkonsumenten – was Gesundheitsrisiken, Straßenkriminalität und die Zahl neu anfangender Konsumenten reduziert. Das zeigt, dass auch die riskantesten Drogen verantwortungsvoll reguliert werden können.

Besonders zu erwähnen ist Portugal. Das Land hat 2001 jede Art von Drogenkonsum entkriminalisiert und stattdessen in öffentliche Gesundheitsangebote für Menschen investiert, die Drogen nehmen. Portugals Ergebnisse sind in besonderer Hinsicht bemerkenswert: Zwischen 2000 und 2013 sind die HIV-Neuinfektionen unter Menschen, die Drogen nehmen, von 1.575 auf 78 gesunken. Zugleich ist die Zahl der durch Überdosen verursachten Todesfälle von 80 in 2001 auf nur noch 16 in 2012 gesunken. Das sind ermutigende und vielversprechende Entwicklungen, und sie zeigen, was evidenzbasierte Politik erreichen kann.

Um noch einen Mythos zu zerstören: Es gibt keinen Beweis dafür, dass Legalisierung und Regulierung zu mehr Konsum führen. Dazu muss man sich nur Alkohol und Tabak anschauen, Drogen, die komplett legal sind und hoch reguliert in Europa. Im Fall des Tabaks ist die Zahl der rauchenden Erwachsenen beispielsweise in Großbritannien von 45 Prozent in 1974 auf etwa 19 Prozent in 2013 gesunken. Als umgekehrt in den USA Alkohol in den 1920ern und 1930ern verboten war, stieg der Pro-Kopf-Konsum an Alkohol nach einem kurzen Abfall an. Der Konsum wurde befeuert durch einen riesigen illegalen Markt, betrieben von organisierten Verbrechern.

Business as usual muss aufhören

Deutschland hat früh Schadensminderung zur Priorität gemacht und erfolgreich viele Risiken für die öffentliche Gesundheit gelindert, die mit Drogenkonsum verbunden sind. Prioritäten hinsichtlich des Gesetzesvollzugs haben sich ebenfalls verschoben, sodass der Besitz gewisser Drogen für den privaten Gebrauch in den meisten Ländern nicht länger eine Strafverfolgung nach sich zieht. Als Konsequenz werden allerdings weder weitere Reformen vorangetrieben, noch werden sie energisch genug öffentlich debattiert.

Meine größte Befürchtung ist Nachlässigkeit. Weltweite Reformen sind dringend notwendig und ich hoffe, dass Deutschland seine eigenen Erfahrungen, eine Wende voranzutreiben, nutzen wird, um international Druck auszuüben. Die Drogenverträge und -konventionen der UN waren die größten Hindernisse, um effektiv zu reformieren. Europas Regierungen sollten sich mit den lateinamerikanischen zusammenschließen, um ein Ende der Business-as-usual-Politik zu erreichen.

Ein Gedanke zum Abschluss: Niemand, der sich für eine Reform der Drogenpolitik einsetzt, ist für Drogen. Niemand will Angehörige und Freunde mit einer Abhängigkeit kämpfen sehen. Aber der verfehlte Krieg gegen die Drogen war eine viel größere Bedrohung für die Sicherheit unserer Kinder. Ich habe das Gefühl, dass die Zeit nie besser war, um die jetzige Politik zu prüfen und um Reformen zu diskutieren, die Gesundheit, Sicherheit und Menschenrechte an erste Stelle setzen.

Übersetzung: Saskia Gerhard

  • ZEIT ONLINE hat diese fünf Grundsätze veröffentlicht, an der sich moderne Drogenpolitik orientieren könnte.
  • Weitere Artikel und Tipps zum Umgang mit Drogen finden Sie hier im Dossier "Wie gefährlich ist der Rausch"?
  • Regelmäßig befragt ZEIT ONLINE zusammen mit dem Global Drug Survey, der weltweit größten Drogenumfrage Zehntausende Drogennutzer. Die aktuellen Ergebnisse – den ZEIT-ONLINE-Drogenbericht 2017 – können Sie hier als Kartengeschichte lesen:
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Drauf wie nie?

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Der Global Drug Survey ist die größte Drogenumfrage im Netz. 115.000 Menschen nahmen teil, rund ein Drittel waren Deutsche. Aber wer genau?

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35.918 ZEIT-ONLINE-Leser

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Wir haben explizit nur Menschen gefragt, die Drogen nehmen: Wie geht es Ihnen damit? Das Ziel: Wer weiß, was er tut, schadet sich weniger.

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69 Prozent Männer und 31 Prozent Frauen nahmen teil. Im Schnitt waren sie 31 Jahre alt.

Alter und Geschlecht

69 Prozent Männer und 31 Prozent Frauen nahmen teil. Im Schnitt waren sie 31 Jahre alt.

Wer hat in Deutschland mitgemacht?

Fast die Hälfte hat einen Uni-Abschluss, 24 Prozent studieren, zwei Drittel sind fest angestellt.

Ausbildung und Beruf

Fast die Hälfte hat einen Uni-Abschluss, 24 Prozent studieren, zwei Drittel sind fest angestellt.

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Falsch. Die meisten sind für strenge Cannabisgesetze, nur sechs Prozent der Befragten fordern keinerlei Vorgaben für den Verkauf. 68 Prozent sagen, Hanfprodukte sollten nur in speziellen Läden verkauft werden, erst ab 18 (63 Prozent) und mit Hinweisen auf mögliche Schäden (52 Prozent). Mehr als ein Drittel (38 Prozent) ist für ein Werbeverbot.

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Richtig. Der Wirkstoff Psilocybin ist ungiftig und wirkt nur kurz, hohe Dosen können aber Panik und Angst auslösen. Doch berichten nur 0,2 Prozent aller Konsumenten, dass sie im letzten Jahr den Notruf 112 wählen mussten. Wer Alkohol trank, rief in 1,3 Prozent der Fälle Hilfe. Die größte Gefahr bei Pilzen: sie mit giftigen Sorten zu verwechseln.

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