"Wenn du jemanden an die Seite bekommst, der nicht gut ist, dann hast du verloren. Dann rennst du und buckelst du und versuchst das auszugleichen. Das machst du einmal, vielleicht auch zweimal – aber nicht wochenlang." Zwischendurch kommen die Leiharbeiter auch gar nicht und von Horn hängt eine zweite Schicht hintendran, um Bewohner nicht unversorgt zu lassen. "Dann leidest du. Und dann leiden die Bewohner."

Tiedemann ist als Pflegedienstleiterin für die Bewohner verantwortlich. Irgendwann muss sie mehrmals die Woche selbst einspringen. Bei jeder Übergabe, morgens, mittags, abends, ist sie unter Hochspannung. Erst wenn das Handy eine Stunde lang nicht klingelt, wenn die Übergabe durch ist, wenn sie nicht erneut einspringen muss, kann sie entspannen. "Freizeit kannte ich nicht. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal eine Stunde ohne Handy schwimmen war." Jedes Jahr nimmt sich Tiedemann an Silvester vor, im kommenden Jahr zu kündigen – und macht es dann doch nicht.

Und was sagt ihr Arbeitgeber? Die Residenz-Gruppe schreibt auf Anfrage, die Personalschlüssel seien "gesetzlich vorgeschrieben und werden laufend überprüft. Es gibt hierzu keine Beanstandung." Dabei sind die Erfahrungen von Jenny Tiedemann und Marcus von Horn sind typisch für viele Pfleger.

Es beginnt damit, dass Pfleger erschreckend wenig verdienen. Der Durchschnittslohn eines Arbeitnehmers beträgt in Deutschland rund 3.600 Euro brutto pro Monat. Wer in der Pflege arbeitet, liegt mehr als ein Drittel darunter: Pfleger verdienen durchschnittlich 2.200 Euro pro Monat. In der Altenpflege ist es sogar noch weniger. Die Zahlen schwanken von Region zu Region und von Heim zu Heim. Frauen in ostdeutschen Altenheimen verdienen am wenigsten und sind am häufigsten dazu gezwungen, in Teilzeit zu arbeiten.

Kein Wunder, dass Pfleger sich nicht wertgeschätzt fühlen. Geld ist nicht alles, aber wenn jemand schlecht bezahlt wird, braucht es schon viel ideelle Wertschätzung, um den Job trotzdem gern und gut zu machen. Stattdessen gibt es vor allem Stress. Darüber klagen die meisten Pfleger. Dass sie keine Zeit haben, sich auf die Bewohner einzulassen. Grundwäsche, Essen, Dokumentation – und dann das Ganze wieder von vorn.

Altenpfleger verlassen ihren Beruf im Schnitt bereits nach gut acht Jahren. Damit halten sie fünf Jahre weniger durch als Krankenschwestern. Und es ist auch keine Überraschung, dass es an Fachkräften mangelt. Im März 2016 waren bei der Arbeitsagentur fast 12.000 offene Stellen in der Altenpflege gemeldet – bei etwa 3.500 Arbeitssuchenden. Keine Branche in Deutschland hat so wenig Angebot bei so viel Nachfrage.

Wie viele Pfleger es tatsächlich braucht, weiß niemand

In der Pflege dauert es mittlerweile 141 Tage, bis eine offene Stelle besetzt ist – fast drei Mal so lange wie vor knapp zehn Jahren. Arbeitsagentur-Vorstandsmitglied Raimund Becker sprach schon 2014 von einem "gravierenden bundesweiten Mangel an Altenpflegekräften". Seitdem hat sich die Situation noch verschärft.

Alle möglichen Organisationen suchen nach Fachkräften im Ausland: private Pflegeanbieter, die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, das Arbeitsamt. Pilotprojekte gibt es unter anderem für Pflegerinnen aus Bosnien, Serbien, Vietnam, den Philippinen und China. Dabei müssten in Deutschland eigentlich noch viel mehr Arbeitsplätze in der Pflege geschaffen werden, um die Bewohner menschenwürdig versorgen zu können.

Denn längst können die Leistungen, die in den Heimverträgen stehen, mit dem vorhandenen Personal nicht mehr erfüllt werden. Zu diesem Schluss kam schon vor Jahren eine Studie aus Nordrhein-Westfalen. Die Forscher beobachteten Pfleger in vergleichsweise gut ausgestatteten Heimen. Selbst hier blieb nur etwa halb so viel Zeit für die Pflege, wie sie in den offiziellen Richtwerten festgelegt war. Die Studie ist mittlerweile 16 Jahre alt. Seitdem sind die Anforderungen noch gestiegen – nicht aber der Personalschlüssel.

Bevor 1995 die Pflegeversicherung eingeführt wurde, verhandelten Heimbetreiber ihr Budget einzeln mit den Kommunen. Jeder argumentierte für sich selbst, es gab kaum verbindliche Mitarbeiterquoten. Und als irgendwann die ersten Personalschlüssel entstanden, leiteten sich diese aus dem vorhandenen Personal ab. Nicht davon, wie viele Minuten Pflege ein Bewohner pro Tag eigentlich benötigen würde. Bis heute hat niemand auf wissenschaftlicher Grundlage festgelegt, wie viel Personal in Deutschland gebraucht wird, um pflegebedürftige Menschen angemessen zu versorgen.