Kopfschmerzen plagen ihn seit einem Jahr, sagt der junge Mann, der zum ersten Mal in der Sprechstunde von Oberarzt und Psychiater Igor Sutej sitzt. Auch Termine vergisst er immer wieder. Im Deutschkurs kann er sich nicht konzentrieren, auch sonst kann er sich kaum etwas merken. Sozialarbeiter einer großen Berliner Flüchtlingsunterkunft haben ihn in die Charité geschickt. Als der Psychiater genauer nachfragt, wird deutlich, was den jungen Mann quält. Er erzählt von Albträumen und seiner Schreckhaftigkeit, von seiner Flucht aus Afghanistan. Dort hätten ihn die Taliban bedroht.

Igor Sutej diagnostiziert eine Posttraumatische Belastungsstörung, in Fachkreisen Posttraumatic Stress Disorder (PTSD) genannt. Er verschreibt Medikamente, eine Psychotherapie ist aber nicht drin, obwohl der junge Mann die eigentlich braucht. Nur Termine im monatlichen Abstand kann Sutej anbieten.

Es muss eine Reihe von sehr guten Heimen geben, denn die Zuweisungen sind in den meisten Fällen berechtigt.
Igor Sutej, Psychiater

Die offene psychiatrische Akutsprechstunde für Geflüchtete und Asylsuchende in der Psychiatrischen Institutsambulanz der Charité ist ein Pilotprojekt. Das Geld dafür kommt aus einer Pauschale der Krankenkassen und von der Charité-Stiftung. Drei von vier Patienten sind junge Männer. Überwiegend leiden sie unter PTSD oder Depressionen. Einige haben schon versucht, sich das Leben zu nehmen. Dass sie Hilfe brauchen, ist meist in den Einrichtungen aufgefallen, in denen sie leben. "Es muss eine Reihe von sehr guten Heimen geben, denn die Zuweisungen sind in den meisten Fällen berechtigt", sagt Psychiater Sutej.

Rund 40 Prozent der Flüchtlinge haben PTSD

Es kursieren unterschiedliche Zahlen darüber, wie viele der in den letzten Jahren nach Deutschland Geflüchteten eine psychologische oder psychiatrische Behandlung brauchen. In der Diskussion dient meist eine ältere Untersuchung als Quelle (Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie: Gäbel et.al., 2006): Forscher der Universität Konstanz hatten ab 2003 Asyl-Erstantragssteller auf PTSD untersucht. Sie fanden nur 76 Studienteilnehmer, weil die Zahl der Antragsteller damals auf einem Tiefstand war. Über die Hälfte der untersuchten Personen kämpfte mit den Folgen traumatischer Erlebnisse. 40 Prozent litten nach Kriterien deutscher und amerikanischer Diagnoseschlüssel an einer PTSD.

Ältere Untersuchungen aus anderen Ländern ergeben ähnliche Quoten. Was all diese Studien zeigen: Zur PTSD kommen häufig auch andere psychische Erkrankungen hinzu, wie Angststörungen und Depressionen. Zudem überrollen die schlimmen Erlebnisse die Betroffenen immer wieder in Form von Flashbacks. Sie tun sich aber schwer damit, darüber zu berichten.

Die seelische Last versuchen hierzulande vor allem die psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer zu lindern. 32 von ihnen haben sich zur Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF) zusammengeschlossen. Die gute Nachricht: Die meisten Geflüchteten in den Zentren haben zwar Traumatisches erlebt, krank werden sie davon aber nicht. Jenen, die doch erkranken, hilft oft schon eine psychologische und soziale Beratung. Eine Psychotherapie bekomme dagegen nur rund ein Drittel der Ratsuchenden, schreibt die BAfF in ihrem aktuellen Versorgungsbericht.

Gelockertes Gesetz soll Entlastung bringen

Doch das sind genug, um die Zentren zu überlasten. Um den Ansturm bewältigen zu können, hat es schon eine Gesetzeslockerung gegeben. Die erlaubt Psychotherapeuten, die keine reguläre Kassenzulassung haben, Flüchtlinge zu behandeln und dies über gesetzliche Krankenkassen abzurechnen. Kassen und Kassenärztliche Vereinigungen dürfen die Fachkräfte befristet dazu ermächtigen, solange der Bedarf anders nicht gedeckt werden kann.

Bundesweit haben sie mindestens 50 Ausnahmegenehmigungen erteilt, mit unterschiedlicher Verteilung in den Ländern. Während es in Berlin 20 sind, gibt es in Hamburg nur zwei, in ganz Bayern nur eine Ausnahmeerlaubnis. Die Zahlen stammen aus einer Umfrage der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) unter den Landespsychotherapeutenkammern im Juni 2016. Wie viele Therapeuten bisher mit ihren Anträgen gescheitert sind, weiß die Kammer nicht.