Man stelle sich vor, ein Pharmakonzern lockte an der Grenze zu einem Nachbarland, in dem strengere Gesetze gelten, mit dort verbotenen Krebstherapien. Versprochen wird eine zu 100 Prozent effektive und natürliche Behandlung. Ungiftig, so gut wie keine Nebenwirkungen, zu einem allerdings stattlichen Preis. Am Ende stellt sich heraus, dass die angeblich so biologische Krebskur schwere, womöglich tödliche Folgen für Patienten hat. Von einer heilsamen Wirkung, außer auf die Konten der Firma, kann dagegen keine Rede sein. Vermutlich würde die Republik Kopf stehen, wenn diese Praxis der Pharmafirma XY enthüllt würde.

Nun, es ist ganz ähnlich passiert, an der Grenze zu den Niederlanden im Städtchen Brüggen. Aber der Geschäftemacher war kein Konzern, sondern ein Heilpraktiker (ZEIT ONLINE berichtete). Das erregt schon wesentlich weniger Schlagzeilen, obwohl es um drei, vielleicht sogar vier Todesfälle und zwei schwere Krankheitsfälle in Zusammenhang mit dem nicht zugelassenen Krebsmittel 3-Bromopyruvat geht, womöglich auch um etliche weitere Opfer.

Heilsversprechen ohne Belege

Dass sich die deutsche Öffentlichkeit über mögliche schwere Behandlungsfehler eines Heilpraktikers eher wenig erregt, verwundert kaum. Ist es doch nicht die skrupellose Industrie, die als Täter infrage kommt, sondern ein alternativer Heiler, der einen natürlichen Weg zum Gesundwerden empfiehlt. In dessen Repertoire war – er darf bis auf Weiteres nicht praktizieren – so ziemlich alles verzeichnet, was die Parallelwelt der Komplementärmedizin im Kampf gegen Krebs aufbietet: Enzyme, Vitamine, Mistelextrakte, Akupunktur, Neuraltherapie, Bioresonanz, Ozon, "Glukoseblocker" wie Bromopyruvat, et cetera.

Belege für die Wirksamkeit gibt es so gut wie keine, dafür werben Anbieter dieser Methoden mit umso bombastischeren Heilsversprechen. Es ist schon bizarr, dass im angeblich so überregulierten Deutschland bei einer schweren und häufigen Krankheit wie Krebs der Quacksalberei Tür und Tor geöffnet ist. Ausgerechnet bei dieser potenziell tödlichen Krankheit darf jeder, der irgendwann einmal eine Multiple-Choice-Prüfung zu medizinischen Grundkenntnissen abgelegt hat und sich von da an Heilpraktiker nennen darf, fast alles mit seinen Patienten anstellen, wonach ihm der Sinn steht.

Es ist höchste Zeit, das Heilpraktikergesetz zu verschärfen. Das wäre auch im Interesse der verantwortungsvoll arbeitenden Heilpraktiker, deren Ruf durch schwarze Schafe massiv Schaden nimmt. Der Kern der Krebsbehandlung gehört auf jeden Fall in ärztliche Hände.

Das heißt nicht, dass Ärzte es immer besser machen

Wobei ausgebildete Mediziner auch nicht alles richtig machen. Zwar zeigen Mediziner zu Recht auf die Zunft der Heilpraktiker, die Probleme mit ihren unseriösen Kollegen hat. Doch auch unter den Ärzten selbst scheren sich einige kaum um den wissenschaftlichen Standard der Krebsmedizin, wie er in den Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften festgelegt ist. Das Zauberwort heißt "Therapiefreiheit". Damit können sich Ärzte herausreden, wenn sie ihren Tumorpatienten statt etablierter moderner Behandlungsverfahren ihre Hausmittelchen anbieten.