Monika Otts Karriere begann, als sie sich den Fuß brach. Wochenlang konnte sie nur am Schreibtisch arbeiten. Ausgerechnet dem Papierkram, über den sie sich später immer ärgern wird, verdankt sie einiges. Ott verbindet bis heute eine Hassliebe zur Bürokratie. Damit passt sie gut ins deutsche Pflegesystem. Auch wenn sie am Ende die Seite wechselte.

Gekämpft hat Ott schon immer. Als kleines Kind kam sie mit ihren Eltern aus Polen ins Ruhrgebiet. Mit 15 machte sie erst ein Praktikum im Krankenhaus, dann eine Ausbildung bei den städtischen Kliniken in Dortmund. Zum Examen war sie hochschwanger mit ihrem Sohn, eine Tochter kam zwei Jahre später. Als der Vater sie und die Kinder kurz darauf verließ, schlug sich Ott als Alleinerziehende durch. Online lernte sie Michael aus Oberbreisig kennen, das liegt zwischen Koblenz und Bonn. Mit den Kindern zog sie zu ihm und fand einen Job in der ambulanten Altenpflege. Hier brach sie sich wenig später den Fuß.

Auto fahren, von Haus zu Haus humpeln, Treppen hoch und wieder runter, das ging erst mal nicht. "Aber meinen Kollegen Arbeit überlassen, das kann ich ganz schlecht." Also wurde Ott jeden Morgen mit dem Dienstwagen abgeholt, um Formulare und Abrechnungen im Büro zu bearbeiten. Erst übernahm sie die Rolle der Stellvertreterin. Als die Geschäftsführung ihren Vorgesetzten rausschmiss, leitete sie auf einmal einen ambulanten Pflegedienst in Oberbreisig. In wenig mehr als zwei Jahren von der Krankenschwester mit dem Aushilfsjob zur Chefin.

Bei einer Prüfung schaut sich der MDK 45 Minuten lang die Papiere und zehn Minuten lang den Bewohner an.
Monika Ott, Altenpflegerin

Für Monika Ott kam damals alles auf einmal. Sie leitete eine Dienststelle mit Pflege, Hausnotruf und Essen auf Rädern. Zu den 40 Stunden Vollzeit in der Woche notierte Ott jede Woche zehn bis 15 Überstunden. Ihr Sohn war gerade eingeschult worden, die Tochter im letzten Kindergartenjahr. Zu Hause pflegte sie noch die Schwiegermutter. Und zweimal in der Woche ließ sie sich abends zur Pflegedienstleitung weiterbilden. Irgendwann wurde Ott klar: So geht es nicht.

Sie wechselte als stellvertretende Pflegedienstleitung in ein Heim der Johanniter, von der mobilen in die stationäre Pflege, um einen Schritt zurückzutreten. Das war 2009. Das erste Jahr, in dem der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) Pflegenoten an Heime vergab. Davor schrieb die Pflegedienstleitung die Dienstpläne, organisierte die Arbeit und die Weiterbildungen der Mitarbeiter  und sprach mit Angehörigen und Bewohnern. "Auf einmal sollte auch ich das alles nicht mehr machen, sondern nur noch Papiere wälzen." Für manche der älteren Kollegen war die Bürokratie, die für die Pflegenoten verlangt wurde, nicht nur ungewohnt, sondern ein Grund, den Job hinzuschmeißen, erinnert sich Ott. Sie wurde gebraucht.

In Otts neuem Johanniter-Heim wurden für die erste MDK-Prüfung Formulare angeschafft. Das Heim ließ eine externe Beraterin kommen. Ein halbes Jahr Stress für das gesamte Haus. Die Note fiel gut aus, doch die Pflege verbesserte sich dadurch kaum. "Bei einer Prüfung schaut sich der MDK 45 Minuten lang die Papiere und zehn Minuten lang den Bewohner an", sagt Ott. Es ging um die Dokumentation von Pflege und das Einhalten von Regeln.

Solange die Dokumente stimmten, stimmte auch die Note. Das ist bis heute so. "Der Prüfer fragt, ob wir im Handbuch auch ein Konzept zum Ernährungsmanagement haben", erzählt Ott. "Dann suche ich im Inhaltsverzeichnis, öffne die entsprechende Seite. Worauf der Prüfer sagt: 'Zeigen Sie mir den Satz, dass der Bewohner sich seine Portionsgröße individuell aussuchen darf. Ah ja, da ist ja der Satz. In Ordnung, steht drin.' Haken dran. Die anderen sechs Seiten will er gar nicht sehen."