Rund um die Uhr, unterbezahlt und unversichert. "Pflegesklavinnen" nennen manche diese Menschen, oft aus Osteuropa, die teilweise weniger als 800 Euro im Monat verdienen – für einen Job, für den es eigentlich drei Pflegekräfte bräuchte. Die Frauen, selten Männer, arbeiten als 24-Stunden-Kräfte, auch "Live-Ins" genannt, in Privathaushalten. Von dort aus versorgen sie Menschen Tag und Nacht, gehen einkaufen, kochen, geben Tabletten und sind Gesprächspartner. Und weil sie keine Rechte haben, werden sie oft mit Füßen getreten.

Rassistische Beleidigungen, sexuelle Übergriffe, Schläge, ein Leben im Keller ohne Fenster oder zu wenig zu essen. Das passiert täglich. Wie viele Frauen derzeit in Deutschland in solchen Verhältnissen leben, weiß niemand genau. Experten schätzen, dass es zwischen 100.000 und 300.000 sind. Eine Studie für das polnische Arbeitsministerium geht davon aus, dass 94 Prozent dieser Frauen illegal in Deutschland arbeiten.

Zuletzt haben vereinzelte Wissenschaftler und Journalisten über den Missbrauch osteuropäischer Pflegekräfte berichtet. Und selbst wenn die Frauen anständig behandelt werden, ist der körperliche und mentale Druck enorm. Es gibt keine Freizeit, die Pflegerinnen sind immer auf Abruf. Gleichzeitig sind sie für ihre Arbeit oft nicht ausgebildet, haben entweder gar keine Erfahrungen in der Pflege oder nur sehr kurze Fortbildungen.

Lieber "Daheim statt im Heim"?

"Viele dieser Pflegekräfte werden zu einem Teil der Familie, sprechen ihre Auftraggeberin zum Beispiel mit Mutter an. Damit schrauben sie natürlich ihre eigenen Interessen als Arbeitnehmerin herunter", sagt Jonas Hagedorn. An der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Sankt Georgen arbeitet Hagedorn an einem vierjährigen Forschungsprojekt zur Pflegearbeit in Privathaushalten. "Die Live-Ins können sich nicht organisieren. Es gibt zu viele und die wissen oft nichts voneinander." Die fehlende Sprachkompetenz, die Abhängigkeit von den Angehörigen der zu Pflegenden befördere die Ausbeutung, sagt Hagedorn. Wie kann es sein, dass Zehntausende Frauen illegal in deutschen Haushalten pflegen?

Zum einen ist das Lohngefälle zwischen Deutschland und den osteuropäischen Nachbarn sehr steil. Die Fahrtstrecken sind vergleichsweise kurz, die Anreize hoch. Dazu hat die Pflege im eigenen Zuhause in Deutschland eine besondere Bedeutung, die es so in anderen Ländern nicht gibt.

Man fühlt sich schuldig, wenn man Mutter ins Heim abschiebt
Jonas Hagedorn, Pflege-Experte

Für viele pflegebedürftige Menschen symbolisiert das eigene Haus eine Selbstständigkeit, die mit dem Umzug ins Heim endet. Häufig ist das Heim noch immer eine Schreckensvision. "Die Pflege daheim gehört zum guten Ton", sagt auch Jonas Hagedorn. "Man fühlt sich schuldig, wenn man Mutter ins Heim abschiebt." Die Bundesregierung fördert das mit einer Pflegepolitik, die unter dem Motto "Daheim statt Heim" möglichst viele Menschen im eigenen Zuhause halten will.

In anderen nordeuropäischen Ländern ist das anders. In Skandinavien, aber auch in Belgien, den Niederlanden oder Frankreich. "Dort ist die stationäre Pflege auch finanziell viel besser ausgestattet", sagt Hagedorn. In Deutschland ist der Anteil am Bruttoinlandsprodukt, der für Pflege ausgegeben wird, zum Teil nur etwa halb so hoch wie in Nordeuropa.

Die Folge: Viele Menschen werden daheim betreut. Doch in der ambulanten Pflege bleibt oft nicht genug Zeit, denn abgerechnet wird in Minuten. Meist übernehmen Frauen oder Töchter den Rest der Pflege. Die Belastung ist riesig. Das Pflegegeld, das Angehörige bekommen, liegt bis heute unter dem Existenzminimum. Und eine legale, ambulante Pflege, die eine Vollversorgung wie im Heim garantieren würde, wäre für die meisten unbezahlbar. Oft scheinen 24-Stunden-Pfleger aus Osteuropa die einzige Alternative zu sein.