Lebe bewusster! Konzentrier dich! Sei achtsam! Überall heißt es, dass unser Leben besser werden kann, wenn wir intensiv genug darüber nachdenken, wie unser Alltag aussehen soll. Das beginnt mit der richtigen Ernährung und endet mit existenziellen Fragen wie: Was will ich eigentlich im Leben erreichen?

Dabei tut es uns nicht gut, unser Ich bis in den letzten Winkel ergründen zu wollen. Die ständige Selbstaufmerksamkeit fördert sogar Misserfolge, Ängste und Unruhe. Wie wir dem Bewusstseinskult entkommen, erklärt der Psychologe und Wissenschaftsjournalist Steve Ayan in seinem Buch "Lockerlassen". Einen Auszug lesen Sie hier auf ZEIT ONLINE.

Wir fällen täglich unzählige Entscheidungen. Die meisten davon bemerken wir allerdings nicht einmal. Mit welchem Fuß ich zuerst aus dem Bett steige, was ich anziehe und frühstücke, wie und wann ich ins Büro aufbreche, ob ich meine E-Mails vorher checke, auf dem Weg oder erst am Arbeitsplatz, was ich dort in welcher Reihenfolge erledige, wo ich zu Mittag esse, ob ich nach Feierabend zum Sport, Einkaufen oder direkt nach Hause fahre und so weiter und so fort. Um all das mache ich mir kaum Gedanken. Hier und da ein kurzes Innehalten – und weiter geht’s. Irgendwie eben. Meistens so wie üblich. Ich könnte auch anders, glaube ich jedenfalls, doch warum sollte ich?

Routinen sind wichtig, denn sie sparen Zeit und Energie. Nach Schema F zu verfahren, gilt in unserer von ständiger Veränderung und Optimierung besessenen Zeit zwar als unkreativ und spießig, aber im Alltag ist es lebensnotwendig. Wer seine Kräfte vergeudet, indem er alles immer wieder ausdiskutieren und neu entscheiden will, der hat ein Problem.

Dummerweise scheinen die trivialsten Fragen heute von geradezu existenzieller Bedeutung zu sein. Nie zuvor machten sich so viele Menschen so viele Gedanken über ihre persönliche Lebensgestaltung: Wie ernähre ich mich richtig? Wie kann ich ökologisch nachhaltig und sozial verträglich konsumieren? Wie halte ich die Balance zwischen Arbeit und Freizeit? Worin investiere ich Mühe? Wie kommuniziere ich sinnvoll mit anderen? Wie verwirkliche ich mich selbst? Und so weiter ...

Entscheidend ist die persönliche Überzeugung und Haltung. Doch die muss man erst einmal haben!

Es gibt wohl mindestens drei Gründe für diese Selbstinquisition: Erstens müssen wir tatsächlich viel mehr entscheiden als noch unsere Eltern und Großeltern. Tat man einst, was die Tradition oder die Familie vorsahen (oder exakt das Gegenteil davon), so sind wir inzwischen freier – und das heißt: auf uns allein gestellt. Was wir essen, wie wir uns kleiden und womit wir uns beschäftigen, ist nicht mehr so fest vorgegeben. Entscheidend ist die persönliche Überzeugung und Haltung. Doch die muss man erst einmal haben!

Und schon gehen die Probleme los: Wir brauchen Kriterien, und zwar möglichst die richtigen. Die gewonnenen Handlungsspielräume wollen wir nicht missen, aber sie bürden uns auch eine Menge Verantwortung auf. Wir brauchen für alles triftige Gründe und laufen ständig Gefahr, sie nicht zu haben.

Unser buntes Multioptionsleben

Zweitens bieten sich uns schier unendliche Möglichkeiten. Ist Vegetarismus, Veganismus, Paläodiät, Makrobiotik, Säure-Basen-Ernährung, Ayurveda, Trennkost oder koscher mein Ding? Soll ich fröhlich Geld ausgeben oder fürs Alter vorsorgen? Karriere machen oder eine Familie gründen? Hipster sein, Öko, Yuppie oder lieber Normalo? Mancherorts bekommt man nicht mal mehr einen Kaffee ohne multiple Entscheidungskaskaden: Die Bohnen aus Guatemala, Brasilien oder Kenia? Mit oder ohne Koffein? Mild oder stark geröstet? Mit viel oder wenig Wasser gebrüht? Vollmilch dazu, halbfette oder entrahmte – oder Soja? Unser buntes Multioptionsleben kann leicht überfordern, denn je zahlreicher die Wahlmöglichkeiten, desto größer ist auch die Gefahr, das Beste zu verpassen.

© Klett-Cotta

Und drittens wissen wir mehr als die Menschen vor 50 oder 100 Jahren. Wobei wir eigentlich nicht mehr wissen, wir werden nur laufend darauf gestoßen, was man wissen könnte oder sollte. Das Internet ist der reichste Fundus an Informationen, den die Menschheit je besessen hat. Von trivialen Ereignissen irgendwo auf dem Globus bis zu den großen Fragen des Lebens – jede erdenkliche Antwort tragen wir im Smartphone mit uns herum. Alles kann allzeit gewusst werden. Aber sind wir deshalb auch informierter? Testfrage: Lösen Handystrahlen Tumoren aus? Macht Weißbrot krank? Ist Impfen wider die Natur? Hat der Kapitalismus abgewirtschaftet? Liest die NSA Ihre E-Mails? Wer blickt da noch durch!?