Kalifornier dürfen jetzt auch zur Entspannung kiffen. Das haben die Wähler im bevölkerungsreichsten US-Staat am 8. November beschlossen. Mit knapp 55 Prozent wurde der Volksentscheid zur kompletten Legalisierung von Cannabis angenommen. Die Droge ist künftig ein legales Genussmittel. Der Staat will Anbau und Verkauf regulieren, kontrollieren und besteuern. Auch in Deutschland wünschen sich immer mehr Menschen, dass Cannabiskonsum nicht mehr strafbar ist. Was würde eine Legalisierung bedeuten?

Global Drug Survey 2018
ZEIT ONLINE ruft auf zur größten Drogenumfrage.

Niederländer kiffen auch nicht mehr

Bislang gibt es keine Studien, die zeigen, dass mit der Legalisierung mehr Menschen kiffen – wenngleich sich kleine Anstiege im Konsum abzeichnen. Wie im Bundesstaat Colorado, der Cannabis 2014 legalisierte. Dort stieg der Konsum nur leicht, wie ein Bericht der Drogen- und Kriminalitätsabteilung der UN zeigt. In anderen Bundesstaaten, die Cannabis legalisiert haben, zeigt sich ein ähnliches Bild.

Ein Argument der Cannabisgegner ist, dass die Hemmschwelle zum Kiffen sinkt, wenn es nicht mehr strafbar ist. Befürworter der Legalisierung deuten auf die Niederlande: Dort ist der Verkauf kleiner Mengen schon seit 1976 erlaubt. Im Vergleich zu anderen Ländern ist der Anteil kiffender Menschen an der Gesamtbevölkerung nicht höher.

Ebenfalls die UN stellen in einer Karte dar (hier zu sehen), dass acht Prozent der niederländischen Bevölkerung Cannabis konsumieren. In Deutschland kiffen 4,5 Prozent. In Italien (rund neun Prozent) und Frankreich (rund elf Prozent) gibt es aber anteilig mehr Kiffer, obwohl diese Länder strengere Cannabisgesetze haben. Und in Uruguay, wo sogar Anbau, Verkauf und Besitz legal sind, kifft mit rund neun Prozent ein ähnlich kleiner Teil der Bevölkerung wie in den Niederlanden.

Als Arznei scheint Cannabis ebenfalls nicht verlockender zu werden: Die Langzeitstudie Monitoring the Future der University of Michigan zeigte etwa, dass Jugendliche nicht mehr konsumierten, nachdem die Droge in vielen US-Staaten zu medizinischen Zwecken freigegeben war.

Cannabis ist keine Einstiegsdroge

Die Niederlande sind noch in anderer Hinsicht ein Positivbeispiel, um Argumente der Legalisierungsgegner zu entkräften: Dort konsumieren die Menschen nicht deutlich mehr harte Drogen, seit Kiffen legal ist. Das spricht dagegen, dass Konsumenten von Marihuana schnell auf Kokain oder Heroin umsteigen.

"Drogenhändler wollen natürlich immer, dass die Leute Substanzen nehmen, die stärker abhängig machen und größeren Profit bringen als eine Droge wie Cannabis", sagt David Nutt, Professor für Neuropsychopharmakologie am Imperial College in London. Die Befürchtung ist, dass sie Konsumenten zu härteren Drogen verleiten könnten. Dadurch habe Cannabis auch seinen Ruf als Einstiegsdroge erworben, sagt Nutt. "Das niederländische Coffeeshop-Modell wurde im Wesentlichen eingeführt, damit die Bevölkerung nicht in Kontakt mit Dealern treten muss." 

Kiffen hat Risiken

Delta-9-Tetrahydrocannabinol, besser bekannt als THC, ist der Hauptwirkstoff in Cannabis. Nach derzeitigem Stand hat er ein vergleichsweise geringes Suchtpotenzial. Rund neun Prozent der Konsumenten werden langfristig psychisch abhängig. Eine körperliche Abhängigkeit ist sehr selten. Nikotin aus Tabak macht dagegen rund 68 Prozent der Raucher auf lange Sicht süchtig. Kokain kommt auf 21 Prozent und selbst Alkohol hat mit 23 Prozent ein mehr als doppelt so hohes Abhängigkeitspotential wie THC (National Center for Biotechnology Information (NCBI): Lopez-Quintero et al., 2011).

Menschen, die Cannabis in einem Joint mit Tabak mischen, erhöhen ihr Risiko an Krebs zu erkranken. Das liegt jedoch vor allem am Tabak.

© Christopher Furlong/Getty Images
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Legal oder nicht, viele Leute kiffen. Sie sollten die Risiken wenigstens gut kennen. 12 Hinweise für den Konsum und was Sie lassen sollten.

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Cannabis-Tipps

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ZEIT ONLINE arbeitet mit dem Global Drug Survey zusammen, der weltweit größten Umfrage unter Drogennutzern. Fast 40.000 Cannabiskonsumenten gaben an, wie sie negative Folgen zu verringern versuchen. Zusammen mit Suchtexperten sind daraus Tipps zum Gebrauch entstanden.

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#1 – Nicht anfangen

Ohne Risiko

Jede Droge schadet, Cannabis ist keine Ausnahme. Trotzdem ist Gras der am häufigsten konsumierte verbotene Stoff. Nur zu sagen, dass man es besser lassen sollte, schreckt nicht alle ab. Sicher kiffen? Unmöglich. Weniger schädlich geht aber schon.

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Schlecht für das junge Gehirn

THC beeinflusst allerdings die kognitive Entwicklung von Jugendlichen enorm. Probanden einer Studie der University of Iowa, die als Jugendliche regelmäßig gekifft haben, hatten Probleme, sich an Dinge zu erinnern (Hippocampus: Block et al., 1999). Ihr Hippocampus veränderte sich sichtbar. Die Hirnregion spielt eine wichtige Rolle in der Gedächtnisbildung und ist für das emotionale Verhalten und die emotionale Entwicklung zuständig. Hier wird beispielsweise festgelegt, welche Musik man mag oder wie man auf Stresssituationen reagiert.

Cannabiskonsum kann zudem das Psychoserisiko erhöhen. Der Effekt verstärkt sich, je länger man kifft. Besonders anfällig hierfür sind wieder einmal Jugendliche (Archives of General Psychiatry: McGrath et al., 2010).

Wie sich Cannabis auf die Hirnfunktion auswirkt, auch bei Erwachsenen, haben Forscher noch nicht ausreichend untersucht. Wäre die Droge legal, könnten Wissenschaftler diesen offenen Fragen besser nachgehen. Langzeiteffekte ließen sich ebenfalls genauer bestimmen.

Die Droge hilft Kranken

Viele kranke Menschen setzen große Hoffnungen in Cannabis. THC wirkt sich positiv auf mehrere Krankheiten aus. Multiple-Sklerose-Patienten leiden unter weniger Krämpfen (Pain Medicine: Martín-Sánchez et al., 2009), es mäßigt zudem die plötzlichen Impulse von Tourette-Patienten (NCBI: Müller-Vahl, 2013) und lindert chronischen Nervenschmerz (Neurotherapeutics: Rahn & Hohmann, 2009). Krebspatienten in der Chemotherapie hilft es, ihr Hungergefühl zurückzugewinnen (NCBI: Cridge & Rosengren, 2013; NCBI: Velasco et al., 2012). Cannabidiol (CBD), einer von 80 weiteren Inhaltsstoffen im Cannabisblatt neben THC, hemmt Entzündungen (NCBI: Booz, 2011).

In Deutschland dürfen Gesunde kein Cannabis besitzen

Wer Cannabis als Genussmittel besitzt und damit handelt, macht sich strafbar. Selbst kleine Mengen zum Eigengebrauch sind illegal, was aber oft nicht verfolgt wird. Wer mit größeren Mengen erwischt wird, dem droht eine Geldstrafe und bis zu fünf Jahre Freiheitsentzug. Die Strafe kann noch höher ausfallen, wenn jemand Cannabis gewerbsmäßig verkauft.

Der Konsum der Droge ist hingegen legal. Das heißt: Kiffend auf der Straße erwischt werden kann bestraft werden – das Gras in der gerade gerauchten Tüte zählt als Besitz. Halten Polizisten eine Person nach dem Kiffen an und er oder sie ist high, kann nichts passieren, solange er oder sie zu Fuß unterwegs ist. Autofahren ist aber tabu und regelmäßige Kiffer sollten besser ganz die Hände vom Steuer lassen. Häufiger Konsum ist nämlich noch bis zu zwölf Wochen nach dem letzten Joint im Urin nachweisbar. Der erste Verstoß kann 500 Euro kosten und zwei Punkte in Flensburg bringen. Wer mehrfach erwischt wird, muss mehr zahlen und bekommt mehr Punkte. Ein Verkehrsunfall unter Cannabis führt zum sofortigen Führerscheinentzug.

Manche Kommunen und Länder lockern aber bereits ihre Regelungen, Bremen zum Beispiel. Besitzer kleiner Cannabismengen sollen gar nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden, wenn sie nicht damit handeln. Darüber hinaus will die Stadt kontrollierte Abgabestellen einrichten. Ein ähnliches System plant auch die neue rot-rot-grüne Koalition in Berlin. Solche Vorhaben scheitern aber bisher, weil dafür auf Bundesebene das Betäubungsmittelgesetz angepasst werden müsste.

Der Konsum ist erlaubt, wenn sonst nichts hilft

Für medizinisches Cannabis gelten andere Regeln: Ein Kläger hat sich im April erstmalig das Recht erstritten, Cannabis auch zu Hause anbauen zu dürfen. Der unter Multipler Sklerose leidende Mann konnte beweisen, dass die Droge seine Symptome linderte. Die Sondergenehmigung gilt aber nur bis zum Sommer 2017. Dann entscheidet sich, ob medizinisches Cannabis in bestimmten Fällen – wenn kein anderes Medikament hilft – verschreibungspflichtig werden soll.

Tragen Krankenkassen bald die Kosten, darf der Mann nicht weiter anbauen. Eine eigens eingerichtete Cannabisbehörde soll dann kontrollierten Betrieben erlauben, die Pflanzen zu züchten, und dafür sorgen, dass Erkrankte schnell an Präparate gelangen. Der medizinische Zugang zu Cannabis ist bisher sehr beschränkt. Nur 674 Patienten lindern bundesweit Lähmungen oder Schmerzen mit THC.

Jeder Uruguayer darf sechs Hanfpflanzen züchten

Einige Regierungen weltweit lockern Cannabisverbote. Uruguay zum Beispiel. Der Staat in Südamerika legalisierte 2012 das komplette Produktionssystem für Cannabis. Das bedeutet, dass sogar der Anbau nicht bestraft wird, solange die Bürger es nicht übertreiben: Jeder Uruguayer darf bis zu sechs Hanfpflanzen privat züchten.

Ein anderes Beispiel ist Ecuador. Das Andenland erlaubt seinen Bewohnern, 20 Gramm Marihuana zu besitzen. Zucht und Anbau sind dagegen verboten. Ein ähnliches Konzept verfolgen auch einige US-amerikanische Bundesstaaten wie neuerdings Kalifornien. Die Pflanzen wachsen in Privatbetrieben, die aber staatlicher Kontrolle unterliegen. Auch den Verkauf regeln die Behörden und verteilen Lizenzen an spezielle Shops. In Oregon dürfen US-Bürger dagegen vier Pflanzen selbst anbauen, in Alaska sechs.

In Europa ist Cannabis nur in den Niederlanden frei verkäuflich, in den Coffeeshops. Die dürfen kleine Mengen an ihre Kunden abgeben, bis zu fünf Gramm sind erlaubt. Besitz, Handel und Zucht großer Mengen sind aber verboten. Auch Portugal und Spanien gehen lockerer mit der Droge um. Erwischt die portugiesische Polizei jemanden mit Cannabis, beschlagnahmt sie die Droge, leitet aber kein Strafverfahren ein. In Spanien dürfen die Bürger einige Gramm  als Eigenbedarf besitzen.