Die gute Nachricht ist jedoch, dass sich die Vielfalt unserer Darmflora durch die Ernährung auch leicht verbessern lässt. Im Jahr 2015 publizierte eine Arbeitsgruppe der University of Pittsburgh eine Studie, für die 20 Afroamerikaner aus Pennsylvania ihre Ernährungsgewohnheiten mit 20 auf dem Land lebenden Schwarzen in Südafrika getauscht hatten. Anstelle ihres traditionellen Essens mit viel Bohnen, Gemüse und Fisch aßen die Probanden aus Südafrika nun 14 Tage lang Hamburger, Pommes frites, Kartoffelpuffer und Ähnliches. Die US-Amerikaner dagegen mieden Fastfood und schwenkten auf die ballaststoffreiche Ernährung der afrikanischen Landbevölkerung um.

Kaltwasserfische wie Lachs, Tunfisch und Sardinen sind reich an DHA, einer Fettsäure, die zum Wachstum der Nervenzellen beiträgt.

Bereits nach Ablauf der zwei Wochen fanden sich im Dickdarm der Amerikaner weniger Entzündungsanzeichen und in ihrem Stuhl etwa 250 Prozent mehr Bakterienarten, die Butyrat produzieren – diese kurzkettige Fettsäure ist dafür bekannt, das Krebsrisiko zu senken. Bei den Südafrikanern dagegen schwanden diese Bakterien, und Indizien für Entzündungen nahmen zu.

Ein neues Lebensgefühl dank veränderter Ernährung

"Die Umstellung der Ernährung ist die einfachste Art, sein Mikrobiom zu beeinflussen und Entzündungen im Darm einzudämmen", sagt auch die Psychiaterin Emily Deans von der Harvard Medical School. Ihrer Meinung nach ist dies bei der Behandlung seelischer Störungen ebenso wichtig wie Medikamente und Psychotherapie – das zeige ihre eigene Erfahrung mit Patienten. Deans ist sich allerdings darüber im Klaren, dass die wissenschaftlichen Zusammenhänge noch nicht ausreichend geklärt sind. Große Unklarheit bestünde etwa darüber, ob sich gesunde Ernährung vereinfachen lässt, indem man Probiotika und Nahrungsergänzungsmittel einnimmt. Vitamine beispielsweise liegen in Lebensmitteln in ganz unterschiedlichen chemischen Verbindungen vor, in Nahrungsergänzungsmitteln aber stets nur in einer einzigen. Das könnte schwankende Untersuchungsergebnisse erklären, so Deans. Ein möglichst vielfältiger und ausgewogener Speiseplan helfe vermutlich besser dabei, das Mikrobiom und damit auch die Gesundheit des Gehirns günstig zu beeinflussen.

Die Röntgenassistentin Carolyn fühlt sich mittlerweile richtig gut. Seit sie ihre Ernährung umgestellt hat, viel Fisch und Meeresfrüchte isst, aber kaum noch Zucker, hat sie abgenommen. Sie hat ihren Diabetes besser unter Kontrolle und verbringt viel Zeit mit ihren vier Enkelkindern: "Ich habe ein ganz neues Lebensgefühl und bin mir bewusst, dass meine Ernährungsweise mein Wohlbefinden beeinflusst."

Geschichten wie ihre machen vielen Patienten und auch Ärzten Hoffnung. Denn die Entwicklung neuer Medikamente für die Psychiatrie scheint nach jahrzehntelanger Forschung auf vielen Gebieten in einer Sackgasse zu stecken. So gehören etwa selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer wie Fluoxetin zu den am häufigsten verschriebenen Antidepressiva. Sie wirken aber nur in schweren Fällen besser als ein Placebo. Zwar wird die Ernährung allein keine ausgewachsenen psychischen Störungen heilen können, weshalb es weiterhin der Erforschung neuer, wirksamerer Medikamente bedarf. Doch eine gesunde Ernährung könnte schon heute die Behandlung von kognitiven Alterserscheinungen und seelischen Leiden ergänzen.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe 01/2017 von Gehirn und Geist. Weitere Informationen zum Magazin finden Sie hier.