"Menschen aus der Nähe zu analysieren heißt, sie zu interviewen und Fragebögen ausfüllen zu lassen", sagt Back. "Sie bekommen dann aber auch nur das, was die Personen Ihnen verraten. Wie eine Person sich verhält, ist die Königsdatenquelle. Und sein Verhalten ist eindeutig", sagt der Psychologe. Selten sei ein so konsistentes Muster zu beobachten wie beim US-Präsidenten. "Trump ist in all seinen Extremen ein Narzisst aus dem Lehrbuch", sagt Back.

Doch möge Trump auch ein Mann zweifelhaften Charakters sein: "Aus der Ferne eine klinische Diagnose zu stellen, ihm also eine Krankheit zu attestieren, ist nicht nur unangemessen, sondern auch unmöglich."

Das wissen auch die Autoren des Manifests Citizen Therapists Against Trumpism. Wie sie explizit betonen – was aber oft falsch berichtet worden ist – geht es ihnen daher nicht um Trumps Wesenszüge, sondern vor allem um die Form und den Inhalt seiner Politik. Sie warnen nicht vor seiner Person, sondern vor seiner Ideologie, dem "Trumpismus".

"Die sozialen Kräfte, die es Donald Trump erlaubt haben, Präsident zu werden, und die weltweit erstarken, sind so viel größer als seine Person", schreiben sie auf ihrer Website. Statt sich auf eine Diagnose zu konzentrieren, müsse man sich jenem Gedankengut zuwenden, das die Freiheit und Demokratie bedrohe – und verstehen, woher es rührt. Dazu gehöre etwa, Gruppen zu verbannen, Kritiker zu degradieren, verhöhnen und erniedrigen und den Kult um den 'Starken Mann' zu unterstützen, der an Angst und Wut appelliert, die Geschichte für seine Zwecke neu erfindet und dabei niemals Fehler eingesteht, geschweige denn sich dafür entschuldigt.

Die narzisstische Persönlichkeit ist ernst zu nehmen

"Die Initiative ist strikt zu trennen von der Frage, ob es angebracht ist, dass einzelne Therapeuten und Psychiater Trump per Ferndiagnose eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung attestieren", sagt Back. Mit ihrem Manifest lehnen die Unterzeichner schlicht die politische Ideologie von Trump und seiner Regierung ab. "Das halte ich für lobenswert, nachvollziehbar und sogar notwendig", sagt er weiter.

Gleichzeitig aber sei es wichtig, Trumps narzisstische Persönlichkeit ernst zu nehmen. Seit Jahren zeigen Studien, dass Führungskräfte überdurchschnittlich viel Geltungsdrang haben. Das Maß aber ist entscheidend. Sich mit den narzisstischen Zügen des Politikers Trump auseinanderzusetzen ist daher aus drei Gründen relevant:

  • Trumps Charakter bedient gleich zwei Bedürfnisse seiner Wählerschaft: "Indem er selbstbewusst proklamiert, Amerika werde wieder erstarkten, füllt er für viele Menschen eine Leere", erklärt Back. "Millionen Amerikaner scheinen den Gedanken zu teilen, dass Land und Gesellschaft derzeit schwach sind. Sie fühlen sich abgehängt und Trump bietet ihnen die imaginierte Chance auf Veränderung." Indem er zugleich davon spricht, andere müssten dafür zahlen, liefere er seinen Anhängern ein Ventil für aufgestaute Emotionen, sagt Back: "Trumps Selbstbewusstsein liefert Hoffnung, seine Aggressivität befeuert Unmut." 
  • Informationen über die Persönlichkeitsausprägungen erlauben Wahrscheinlichkeitsaussagen über das zukünftige Verhalten. "Basierend auf den bisherigen Erfahrungen ist nicht davon auszugehen, dass Herr Trump seine politischen Entscheidungen durch Umsicht und auf der Basis eingehender Beratungen fällen, oder dass er mit der nötigen Vorsicht auf Konflikte reagieren wird", sagt Back.
  • Weiter sei unwahrscheinlich, dass die Kritik an seiner Person sein Verhalten ändert, wie der Psychologe betont. Daher sei nicht davon auszugehen, dass Trumps politische Beziehungen künftig auf langfristigem Vertrauen basieren. Wahrscheinlicher seien kurzfristige politische Deals – ein fragiles Konstrukt.

Es klingt zwar wie eine Binsenweisheit, aber: Wer ganz oben steht braucht ein gewisses Selbstbewusstsein, um der Rolle als Anführer gewachsen zu sein. Ganz ohne Empathie, Kompromissbereitschaft und Respekt für das Umfeld allerdings geht es auch nicht. Wer ein Land führt, wer seinen Platz in der Welt behaupten und es in Sicherheit wissen will, muss sich kritisch hinterfragen können – und akzeptieren, dass einen nicht alle so großartig finden, wie man selbst, um dadurch besser zu werden.