"There is one more thing ..." – so leitete der verstorbene Apple-Chef Steve Jobs ein, wenn er die Welt revolutionieren wollte. Mit dem iPhone etwa. Vor einem Jahr kündigten Amazon-Chef Jeff Bezos, Microsoft-Gründer Bill Gates und ein in Forscherkreisen berühmtes Unternehmen namens Illumina einen ähnlichen Coup an: einen einzigen Bluttest, der alle Krebserkrankungen frühzeitig sichtbar machen soll. Sowohl für bislang gesunde Menschen als auch solche, die bereits an Krebs litten.

Das Verfahren spürt die Reste des Erbguts bösartiger Tumoren im Blut auf. Wie alle anderen Zellen geben auch Krebszellen ihren Müll ins Blut ab. Die DNA-Bruchstücke darin können auf jene Veränderungen untersucht werden, die die Zellen krankhaft wuchern lassen. Idealerweise spuckt der Test auch die passende Therapie mit aus. Ganz so einfach ist es aber noch nicht.

Die Idee hinter dem Bluttest ist nicht neu. Die Grundlagen wurden bereits vor rund zehn Jahren in einem Labor in Baltimore gelegt. Dort fahndete das Team von Bert Vogelstein von der Johns Hopkins University nach den verräterischen Erbgut-Schnipseln von Darmkrebspatienten. Inzwischen bieten verschiedene Pharma- und Biotech-Start-ups solche Tests an. Erforscht sind sie für Patienten, die bereits Krebs hatten und weiter routinemäßig beobachtet werden. Viele Studien aus den vergangenen Jahren zeigen, dass das Verfahren tatsächlich die Rückkehr bestimmter Tumore vorhersagen konnte, ehe ein Geschwür sichtbar wurde.

Was funktioniert, muss nicht helfen

Einige Forscher und Unternehmen erwarten daher den Beginn einer neuen Ära der Diagnostik. Die Vorteile eines relativ einfachen DNA-Tests nicht nur für eine Krebsart, sondern gleich für jeden Tumor sind offensichtlich: ehemalige Tumorpatienten könnten künftig etwa über eine Blutabnahme kontrolliert werden. Mediziner könnten Maßnahmen ergreifen, bevor sich Krebszellen wieder niederlassen. "Das Verfahren gibt es, doch es steckt noch in den Kinderschuhen", sagt Peter Lichter, Leiter der Abteilung Molekulare Genetik am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Für bislang gesunde Menschen gibt es das Verfahren als Krebsvorsorge noch nicht. Die Studien demonstrieren derzeit auch nur, dass das Prinzip funktioniert. "Belegt ist der breite Nutzen der Bluttests noch nicht", sagt Lichter.

Ein wichtiger Hinweis. Dass Nutzen und Funktion etwas grundsätzlich anderes sein können, mussten neun Patienten und ihre Ärztin Sibel Blau erfahren. Blau ist Krebsmedizinerin in einem Ort nahe der US-amerikanischen Stadt Seattle. Vor einigen Jahren nahm sie an einem Forschungsprojekt der Firma Guardent teil. Guardent bietet bereits Bluttests für Krebs an. Nach Ende des Projekts, so erzählte Blau es dem Magazin The Atlantic, habe sie noch ein paar Tests übrig gehabt und sie für weitere Patienten genutzt.

Routinemäßig hatte sie bei diesen Patienten aber auch Gentests aus dem Tumorgewebe vornehmen lassen. Das ist die bewährte Art, das Erbgut von Krebszellen zu prüfen. Was aber lediglich dazu dienen sollte, noch größerer Sicherheit zu erlangen, stürzte Patienten wie Ärztin in Konflikte. Einige Testergebnisse derselben Tumoren stimmten nicht überein. Damit war nicht mehr klar, welche Therapie nun für die Betroffenen infrage kommen sollte.

Blau sammelte daraufhin die Ergebnisse all ihrer doppelt analysierten Patienten und fasste sie in einer Studie zusammen. Sie zeigt, dass die Tests bei fünf von acht Patienten unterschiedliche Therapien vorschlugen. Zu ähnlichen Unterschieden kamen dann auch Forscher der Northwestern University in Chicago im August vergangenen Jahres. Die Ärzte hatten jeweils 28 Patienten sowohl mit einem Gewebe- als auch einem Blutgentest untersucht. Mit dem Resultat, dass in der Hälfte der Fälle gefährliche genetische Veränderungen nur von einem der beiden Tests erkannt werden konnten. Auf welches Diagnoseverfahren sollen sich Patienten wie Ärzte also verlassen?