"They're getting away with murder" – US-Präsident Donald Trump war noch nicht vereidigt, da teilte er schon aus. Die Pharmaindustrie würde mit Mord davonkommen, Medikamente seien viel zu teuer, sagte er auf seiner ersten Pressekonferenz als künftiges Staatsoberhaupt. Derartige Anschuldigungen hatten die Vertreter einer der größten US-Branchen noch nicht gehört – zumindest nicht vom mächtigsten Mann der Welt.

Doch Big Pharma hält still. Kaum ein Wort verlautete zu der verbalen Attacke. Im Gegenteil. Nur wenige Tage später scharten sich sieben der einflussreichsten Pharmachefs um den US-Präsidenten, um sich erst von ihm für ihre Preispolitik kritisieren zu lassen und ihm anschließend zu danken. "Wir hatten ein positives, produktives Treffen", kommentierte Steven Ubl, Vorstand des US-Pharmaverbandes PhrMA. Passend zu der von Trump ausgerufenen Devise "America first" vergaß nicht einer der anwesenden Konzernchefs, auf die enorme Zahl seiner US-Arbeitsplätze oder Investitionen hinzuweisen. Joe Jimenez, Chef des Schweizer Pharmariesen Novartis, verlegte kurzerhand sogar seine Konzernzentrale von Basel nach Boston.

Dahinter steckt Strategie. Die Linie scheint zu sein: möglichst nichts sagen und taktieren. Dabei könnten sowohl Trumps Äußerungen über den Gesundheitssektor als auch seine Personalentscheidungen die Gesundheitsversorgung in den USA, die Forschung an neuen Therapien, die Sicherheit von Arzneimitteln und das Geschäft damit radikal verändern. Während sich Mediziner und Gesundheitsexperten ernsthaft um die öffentliche Gesundheit der USA sorgen, ist der Pharmakonzern Johnson&Johnson zum Beispiel "froh, dass Gesundheit weiterhin ein bedeutender Teil des Dialoges in Washington und weltweit ist".

US-Experten fürchten um die öffentliche Gesundheit

Dialog? Als eine der ersten Amtshandlungen erließ Trump per Dekret, dass die von Obama eingeführte Sozialkrankenversicherung abgeschafft werden soll. Der von Republikanern als Obamacare bezeichnete Patient Protection and Affordable Care Act (PPACA) hatte bis dato mindestens zwölf Millionen bislang unversicherten Amerikanern einen Zugang zu bezahlbaren Arzneien und Therapien ermöglicht. Eingeführt wurde er 2007. Trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten rettete das Gesetz vielen Tausend Menschen das Leben. Wissenschaftler haben am Beispiel von Massachusetts berechnet, dass dort auf 830 Versicherte seither ein Todesfall weniger kommt (Annals of Internat Medicine: Sommers et al., 2014). Beziehe man diese Daten auf die US-Gesamtbevölkerung, seien bereits 24.000 Menschenleben durch diese Versicherung gerettet worden, schrieb der Wirtschaftsrat des Weißen Hauses auf einer Website. Inzwischen wurde dieser Inhalt gelöscht.

Auch das US-Impfprogramm steht auf dem Spiel. Der neue US-Präsident zweifelt genau wie den Klimawandel auch den Nutzen von Impfungen an. Schon 2012 hatte Trump getwittert: "Gesundes junges Kind geht zum Arzt, wird vollgepumpt mit vielen Impfstoffen, fühlt sich schlecht und verändert sich – AUTISMUS. Viele solcher Fälle."

Die darin suggerierte Behauptung ist nachweislich falsch. Impfungen verursachen keinen Autismus. Eine ganze Reihe an Studien weltweit haben dies belegt. Selbst als Forscher den Einfluss der Masern-Röteln-Mumps-Impfung auf bestimmte Kinder mit erhöhtem Autismus-Risiko untersuchten, zeigte sich kein Zusammenhang (JAMA: Jain et al., 2015).

Dennoch lud Trump den Urheber dieser Fake-News, Andrew Wakefield, zu seinem Vereidigungsball ein. Der britische Arzt hatte 1998 eine gefälschte Studie (Lancet: Wakefield et al., 1998) veröffentlicht, die angeblich bewies, dass die Masernimpfung Autismus verursacht. Die Veröffentlichung wurde zurückgezogen, Wakefield des Betrugs überführt. Er verlor seine Zulassung als Arzt. Doch bis heute nähren seine Behauptungen die Angst vor Impfungen unter Eltern in den USA und auch in Deutschland (hier ein Überblick zu Nutzen und Risiken der Masern-Impfung).

Geschürt wird sie auch von den Mitgliedern der Association of American Physicians and Surgeons (AAPS), eine medizinische Randvereinigung, die sich dafür einsetzt, dass Ärzte nicht nach Regeln, sondern nach eigenem Ermessen behandeln. Sie lehnen nicht nur die US-Gesundheitsaltersversorgung Medicare oder evidenzbasierte – also auf ihre Wirkung geprüfte – Medizin ab, sondern sie halten auch Pflichtimpfungen etwa an Schulen in vielen US-Bundesstaaten für "Menschenexperimente". Prominentes Mitglied dieses Verbands ist der gerade vereidigte Gesundheitsminister Tom Price – ein überzeugter Abtreibungsgegner, der Obamacare ablehnt.

In Stellung brachte sich auch Robert F. Kennedy, Neffe des gleichnamigen ehemaligen US-Präsidenten. Der Anwalt gilt als einer der schärfsten Kritiker staatlicher Impfprogramme und verbreitet dazu wissenschaftlich unbelegte Thesen. Nach einem Treffen mit Trump sagte er, dieser wolle ihn zum Vorsitzenden einer möglichen Kommission für "Impfsicherheit und wissenschaftliche Integrität" machen.