Wie ergeht es Freunden und Familien, wenn eine wichtige gemeinsame Bezugsperson stirbt? Trösten sich die Hinterbliebenen, rücken sie näher zusammen, entwickeln sie eine stärkere Beziehung miteinander? Oder bleiben sie in ihrer Trauer allein? Diesen Fragen sind zwei Wissenschaftler anhand von Facebook-Daten (Nature Human Behaviour, Hobbs & Burke, 2017) nachgegangen und um es vorwegzunehmen: ihre Analyse ist brillant.

Über mehrere Jahre hinweg untersuchten sie unter Millionen von Nutzern die Entwicklungen von sozialen Beziehungsgeflechten. Dabei verglichen sie Nutzergruppen, in deren direktem Umfeld eine wichtige Bezugsperson gestorben war mit solchen, bei denen es im gleichen Zeitraum nicht zu einem Verlust kam.

Ihre Ergebnisse sind eindeutig: meistens verstärken sich die Beziehungen zwischen den Trauernden und sie unterstützen sich gegenseitig. Und dieser Effekt hält über mehrere Jahre an. Damit spiegelt das Verhalten auf Facebook das wider, was wir aus bisherigen Untersuchungen wissen. Auch, dass es jüngeren Menschen leichter fällt, nach einem Verlust neue Beziehungen aufzubauen und bei älteren Hinterbliebenen das Risiko besteht, zu vereinsamen. Ähnliches gilt für Angehörige von Menschen, die eines gewaltsamen Todes oder zum Beispiel durch eine Überdosis Drogen gestorben sind – ihre gegenseitige Unterstützung nach einem Todesfall im Freundes- oder Verwandtenkreis ist laut dieser Studie geringer.

Die Studie hat nur einen Haken

Das Erkennen solcher Muster kann helfen, gezielt etwas gegen Stigmatisierung zu tun und Menschen in Krisensituationen schneller professionelle Hilfe zukommen zu lassen. Was die aktuelle Studie hierbei besonders macht, ist ihre Datenmacht: Noch nie wurden die sozialen Folgen von Todesfällen anhand eines so umfangreichen Datensatzes untersucht – und zwar, und hier liegt die Brillanz der Studie, unter umfangreicher Berücksichtigung der Beziehungen der Beteiligten vor dem Todesfall.

Bei fast allen bisherigen Untersuchungen mussten Wissenschaftler rückblickend arbeiten – also etwa Fragen nach den Beziehungsverhältnissen stellen, nachdem jemand gestorben war. Und wer kann schon objektiv beurteilen, wie gut man sich schon früher mit jemandem verstanden hat, der einem jetzt hilft, über den Tod eines gemeinsamen Freundes oder eines Verwandten hinwegzukommen? Die aktuellen Daten sind in dieser Hinsicht unverzerrt. Alle Informationen zu sozialen Interaktionen vor dem Todesfall waren auf Facebook ja bereits gespeichert.

Die Studie hat nur einen Haken: Der Zweitautor der Studie ist Angestellter von Facebook und der Erstautor hat früher bei dem Unternehmen gearbeitet. Das macht ihr wissenschaftliches Vorgehen einerseits sehr spannend, weil ihre Methoden einen Einblick geben, wie Facebook seine Nutzer beurteilt.

Dr. Jan Kalbitzer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er forscht an der Charité Berlin und arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis. Nebenher schreibt er als freier Autor Bücher und Essays zu aktuellen gesellschaftlichen Themen. © Praxis Kalbitzer

Wenn Sie beispielsweise häufiger jemanden in einem Foto markieren, wird angenommen, dass Sie auch offline mehr Kontakt mit dieser Person haben, als wenn Sie nur zusammen posten und kommentieren. Irgendwie muss der andere Nutzer ja auf Ihre Fotos gekommen sein. Und spannend ist auch, wie selbstverständlich die Einteilung von Nutzern nach Bildung, Vermögen oder sozialem Milieu erklärt wird. Sie basiert natürlich darauf, was ihnen gefällt und was sie mit einem Like versehen. Aber war es nicht mal skandalös, Menschen im Internet unbemerkt zu beobachten und anhand ihrer Vorlieben nach Kaufkraft und sozialem Einfluss zu kategorisieren?

Die Todesursache kann Facebook allerdings noch nicht sicher anhand der Nutzerdaten feststellen. Dazu haben die Wissenschaftler auf Daten des Sterberegisters in Kalifornien zurückgegriffen. Und für ihre Analyse benutzten sie zwar einen anonymisierten Datensatz. Aber sie mussten die Daten von Facebook und dem kalifornischen Sterberegister anhand von Namen und Geburtsdatum zusammenführen.

Und hier wird es dann andererseits eben kritisch, weil die Wissenschaftler zum Unternehmen gehören oder mit ihm assoziiert sind. Denn Facebook selbst hält mit Verweis auf das Geschäftsgeheimnis eigene Daten lieber zurück. Und fordert bei Studien wie dieser ein Mitspracherecht bei der Publikation der Ergebnisse.

Wie transparent geht Facebook schon mit seinen Algorithmen um?

Es gibt eine spannende Studie von Irving Kirsch und Kollegen (PLOS Medicine, Kirsch et al. 2008), die einen Einblick in den Umgang von Unternehmen mit unerwünschten Studienergebnissen gibt. Sie zeigten in einer Metaanalyse, dass einige weit verbreitete Antidepressiva häufig keinen stärkeren Effekt als Placebo haben. Sie kamen zu diesem Ergebnis, nachdem sie Pharmaunternehmen juristisch gezwungen hatten, ihnen für die Analyse auch ihre unveröffentlichten Studiendaten zur Verfügung zu stellen.

Facebook unterliegt viel geringeren Regulierungen als ein Pharmaunternehmen, das die Wirkung seiner Produkte in umfangreichen Tests nachweisen muss. Facebook unterliegt auch keinen ethischen Kontrollen und keiner strengen gesetzlichen Schweigepflicht im Umgang mit Nutzerdaten. Und wir haben in der Vergangenheit auch nicht immer positive Erfahrungen mit der Selbstregulierung bei Unternehmen wie Facebook gemacht.

Es gibt kein "reales" Leben und eines in sozialen Medien

Gerade deshalb ist es schade, dass diese brillante Studie nicht von unabhängigen Wissenschaftlern durchgeführt wurde. Denn es ist so eine wichtige Erkenntnis, dass die Unterteilung in ein "reales" Leben und ein Leben in den sozialen Medien nicht sinnvoll ist – sondern dass sich beide Lebenswelten häufig spiegeln und ergänzen. Und dass wir deswegen auch im Internet Verantwortung übernehmen müssen, wenn wir mitbekommen, dass es jemandem – zum Beispiel aufgrund eines Verlustes – nicht gut geht.

Big Data bietet riesige Chancen, wenn wir strenge Datenschutzregeln und die ethischen Grundlagen wissenschaftlichen Handelns beachten, wie sie in Deutschland zum Beispiel für Untersuchungen mit Daten aus Sterberegistern oder an trauernden Hinterbliebenen gelten. Wir sollten deshalb das Leben in den sozialen Medien so ernst nehmen, dass wir Kommunikationsplattformen schaffen und nutzen, die die Auswertung von Daten unabhängigen wissenschaftlichen Institutionen überlassen. Denn wie transparent geht Facebook schon mit seinen Algorithmen und Geschäftsinteressen um? Wir sollten uns überlegen, ob wir das Netzwerk wirklich zum Register unseres Lebens machen wollen.