Mit HIV muss niemand mehr jung sterben

Das HI-Virus ist selten Anlass für gute Nachrichten, dieses ist eine. Menschen, die sich mit dem Aidserreger anstecken, leben dank moderner Medikamente immer länger. Ein Zwanzigjähriger aus Europa oder Nordamerika mit dem Virus, der sich seit 2008 behandeln lässt, hat mittlerweile eine Lebenserwartung von rund 73 Jahren, eine Zwanzigjährige von 76 Jahren. Damit liegen sie fast am normalen Schnitt. Grundsätzlich können Männer und Frauen aus diesen Regionen, die 1988 auf die Welt kamen, ein Alter von etwa 78 Jahren erreichen. Insgesamt können HIV-Patienten heute mit zehn Lebensjahren mehr rechnen als noch vor 20 Jahren.

Ein beispielloser medizinischer Erfolg, über den internationale Forscher im Magazin Lancet HIV berichten (Antiretroviral Therapy Cohort Collaboration, 2017). Besonders, wenn man an all die Menschen denkt, für die es zu Beginn der weltweiten Aidsepidemie in den 1980er Jahren keine Rettung gab. Wer das Virus damals bekam, entwickelte sicher Aids – eine Krankheit, die die körpereigene Abwehr so sehr zerstört, dass andere, meist harmlose Viren, Pilze oder Bakterien den Körper quälen, bis er schließlich aufgibt und der Mensch stirbt.

Die Zeitenwende kam 1996. Aus der tödlichen Diagnose wurde mit dem, was Mediziner als HAART bezeichnen, eine chronische Krankheit: Die hochaktive antiretrovirale Therapie unterdrückt seit jeher das Virus im Körper von Patienten, und zwar so gut, dass Ärzte HIV mittlerweile im Blut vieler Infizierter nicht mehr nachweisen können. Anfangs mussten Patienten noch verschiedene Tabletten dafür schlucken, heute reicht oft eine Kombination aus ihnen. Eine Pille am Tag gegen Aids.

Ist Aids nicht mehr so schlimm?

Auch wenn es bislang weder Impfung noch Heilung gibt: Kaum eine Arzneimitteltherapie dürfte in den vergangenen Jahrzehnten besser eine globale Gefahr wie Aids eingedämmt haben. Und sie belastet den Körper nicht mehr so stark wie früher. "Neuere Medikamente haben weniger Nebenwirkungen, sie bedeuten weniger Pillen, verhindern besser die Vermehrung des Virus und es wird schwerer für HIV Resistenzen zu bilden", wird der Hauptautor der neuen Studie, Adam Trickey von der Uni im englischen Bristol, zitiert. Für ihn ist die antiretrovirale Therapie der wichtigste Faktor, der Menschen mit HIV länger leben lässt.

Trickey stützt seine Aussagen auf Daten von 88.504 HIV-Patienten, die zwischen 1996 und 2010 in Europa und Nordamerika eine antiretrovirale Therapie begonnen haben. Zusammen mit Dutzenden Kollegen wertete er die Ergebnisse von 18 Gruppenstudien aus. In den vergangenen 20 Jahren starben demnach weniger Menschen an Aids, aber nur dann, wenn sie behandelt wurden – und zwar so schnell wie möglich.

Der Erfolg von HAART ist immens, doch der medizinische Fortschritt könnte auch ein falsches Gefühl vermitteln: Aids ist nicht mehr so schlimm. Die Todesangst der 1980er Jahre ist gewichen. Zu Recht. Dabei ist es so wichtig, eine HIV-Infektion früh zu erkennen. Wer nicht umgehend mit der täglichen antiretroviralen Therapie beginnt, und zwar für den Rest seines Lebens, der riskiert noch immer an Aids zu erkranken. Eine Pille am Tag klingt zudem schöner als die Wahrheit: Das Virus richtet immer Schaden an, ob es nachweisbar ist oder nicht. HIV-Positive leiden häufiger an Krebs als Menschen ohne Erreger, ihr Risiko für Herzkreislauferkrankungen ist ebenfalls viel höher als unter HIV-Negativen. Und für Infizierte ist es wichtiger, Sport zu treiben und sich ausgewogen zu ernähren. Auch Drogen wie Tabak oder Alkohol können rascher schlimmere Folgeerkrankungen auslösen. Und die Therapie allein wird Aids nicht ausrotten.

Die Seuche ist aus dem Blickfeld geraten

"Mit der Weiterentwicklung von Arzneien werden sich künftig Todesfälle unter Menschen, die mit HIV leben, kaum weiter reduzieren lassen", sagt der Mediziner Trickey. Viel wichtiger werde es beispielsweise, sich um Menschen zu kümmern, die erst spät von einer Infektion erfahren.

"Die Sorge ist unter den verletzlichsten Bevölkerungsgruppen der Welt am größten", schreiben die Experten für öffentliche Gesundheit Ingrid Katz und Brendan Maughan-Brown aus dem US-amerikanischen Boston in einem Kommentar zur Lebenserwartungsstudie. Sie zählen dazu Menschen in der afrikanischen Subsahara, in denen Aids die meisten tötet und HIV zum Alltag gehört. Dort werden nicht alle behandelt, weil Medikamente nicht zur Verfügung stehen oder weil einige die Therapie ablehnen im Irrglauben, dass sie so überhaupt erst erkranken. Dabei sinkt auch hier die Sterblichkeit all jener, die das Glück haben, eine antiretrovirale Therapie zu bekommen (Boulle et al., PLoS Medicine, 2014). In Europa und Nordamerika zählen zu den oft vergessenen HIV-Patienten vor allem Drogenkonsumenten, die sich ansteckten, weil sie sich Spritzen teilten.

Das klingt dennoch so, als müssten sich Menschen in reichen Industrieländern und vor allem in Deutschland weniger Gedanken um Aids machen. Mitnichten. Sie laufen Gefahr zu sorglos mit einem der tückischsten Erreger der Welt umzugehen. Wie bewusst ist den meisten noch, was HIV bedeutet? Besonders junge Menschen sollten Bescheid wissen. Doch reicht es heute noch aus, für Kondome zu werben und falsche Ängste zu zerstreuen, HIV-Infizierte seien gefährlich?

Wissenslücken und mehr Infizierte – auch in Europa

Die Mehrheit der Deutschen hat zwar kaum noch ein Problem damit, sollte etwa der Arbeitskollege das Virus in sich tragen. Sie würden mit ihm auch gemeinsam Mittagspause machen. Sicherlich würden sie sich auch vom HIV-positiven Arzt behandeln lassen. Und vom infizierten Bäcker Brötchen kaufen? Keine Frage. Selbst Kinder, die mit infizierten Freunden spielen, werden von den meisten akzeptiert. Zumindest behaupteten dies zuletzt die Teilnehmer in einer repräsentativen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Ende 2014. Mit der gesellschaftlichen Akzeptanz klappt es also ganz gut.

Allerdings sind gerade junge Menschen nicht mehr gut informiert, wie sie sich mit dem Aidsvirus anstecken und wie sie sich schützen können. Zwar wissen fast alle, dass ungeschützter Sex den Erreger übertragen kann, oder auch das Blut eines HIV-Infizierten gefährlich sein könnte. Doch eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Emnid von Ende 2016 belegt, dass viele völlig falsche Vorstellungen haben: Fünf Prozent der Befragten zwischen 14 und 29 Jahren waren sicher, dass sie das Virus bekommen können, wenn sie jemanden mit HIV küssen, 20 Prozent hielten sogar das Trinken aus demselben Glas für ansteckend. Jeder zehnte Jugendliche ab 14 Jahren kann sich vorstellen, dass ein Handschlag das Virus übertragen kann. Alles Quatsch.

Diese Wissenslücken sind erschreckend. Man könnte denken: Wer weniger Bescheid weiß, hat vielleicht auch größere Angst vor Aids. Das legen die Daten zu HIV-Infektionen aber keineswegs nahe. Jedes Jahr stecken sich in Deutschland seit etwa zehn Jahren um die 3.000 Menschen neu an. Das ist eine der niedrigsten Raten in ganz Europa. Doch von Mitte bis Ende der 1990er Jahre waren es jedes Jahr nur halb so viele. Auch der Anteil der Menschen, die noch nichts davon wissen, dass sie das Aidsvirus im Blut haben, steigt. 2015 waren es 12.600. Insgesamt lebten damit im gleichen Jahr rund 84.700 Menschen in Deutschland mit HIV (Epidemiologisches Bulletin 45, 2016).

Safer Sex mit Antiaidspille

Betrachtet man den gesamten europäischen Kontinent, schwindet die Hoffnung, dass Aids bald im Griff ist. Ende 2015 musste die europäische Seuchenschutzbehörde ECDC für Europa erschreckende Zahlen verkünden: Allein im Jahr 2014 stellten Mediziner in 53 Ländern mehr als 142.000 mal die Diagnose HIV-positiv aus (HIV/AIDS surveillance in Europe 2014, 2015). So viele Fälle wurden seit Beginn der Aidsepidemie in den 1980er Jahren nicht mehr registriert. 2015 stieg diese Zahl weiter. 153.000 neue Diagnosen (HIV/AIDS surveillance in Europe 2015, 2016). Zwar ist klar, dass diese Zahlen vor allem durch Infektionen in vielen osteuropäischen Staaten nach oben schnellen. Am Problem ändert es aber wenig.

dpa
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Tatsächlich: Schnelltests bringen nach einer halben Stunde ein erstes Ergebnis. Machen sollte man sie aber erst zwölf Wochen nach dem ungeschützten Sex – sonst sind sie zu unsicher. Am Ende muss man also länger bangen als nach dem Labortest.

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Offenbar sorgen sich die Menschen weniger davor, sich anzustecken, allen Aufklärungskampagnen zum Trotz. Diese müssen sich anpassen. Safer Sex heißt nicht nur Sex mit Kondom. Regelmäßige HIV-Tests sind wichtig, für alle, die nicht in einer treuen Beziehung leben (in denen sich alle Partner übrigens auch getestet haben sollten, ehe sie etwa das Kondom weglassen). Und es ist gut, dass die EU seit Ende vergangenen Jahres einem Beispiel aus den USA folgt.

Seit Herbst ist hier und damit auch in Deutschland eine Antiaidspille zugelassen. Truvada kommt aus der antiretroviralen Therapie und kann verhindern, dass nicht infizierte Menschen sich bei ungeschütztem Sex mit HIV anstecken. Mediziner nennen das Präexpositionsprophylaxe (PrEP). Seit 2012 ist Truvada schon in den Vereinigten Staaten im Einsatz. Hierzulande können Ärzte die Antiaidspille allen empfehlen, die ein besonders hohes Ansteckungsrisiko haben. Dazu zählen etwa Männer, die mit Männern Sex haben, oder Menschen, die mit einem HIV-positiven Partner leben oder häufig ihre Sexpartner wechseln. Wer die Tabletten einnimmt, soll aber weiterhin Kondome verwenden, sich beraten lassen und auch regelmäßig HIV-Tests machen (BfArM, Information für Patienten, 2017).

Denn Truvada schützt in den allermeisten Fällen bei täglicher Einnahme zuverlässig, aber eben nicht absolut. Die blaue Pille ist nur ein weiteres Mittel, um Aids in Schach zu halten und Neuinfektionen zu verhindern. Wenn auch ein teures: Die Kosten von monatlich um die 800 Euro zahlen die Krankenkassen (noch) nicht.