Die Mehrheit der Deutschen hat zwar kaum noch ein Problem damit, sollte etwa der Arbeitskollege das Virus in sich tragen. Sie würden mit ihm auch gemeinsam Mittagspause machen. Sicherlich würden sie sich auch vom HIV-positiven Arzt behandeln lassen. Und vom infizierten Bäcker Brötchen kaufen? Keine Frage. Selbst Kinder, die mit infizierten Freunden spielen, werden von den meisten akzeptiert. Zumindest behaupteten dies zuletzt die Teilnehmer in einer repräsentativen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Ende 2014. Mit der gesellschaftlichen Akzeptanz klappt es also ganz gut.

Allerdings sind gerade junge Menschen nicht mehr gut informiert, wie sie sich mit dem Aidsvirus anstecken und wie sie sich schützen können. Zwar wissen fast alle, dass ungeschützter Sex den Erreger übertragen kann, oder auch das Blut eines HIV-Infizierten gefährlich sein könnte. Doch eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Emnid von Ende 2016 belegt, dass viele völlig falsche Vorstellungen haben: Fünf Prozent der Befragten zwischen 14 und 29 Jahren waren sicher, dass sie das Virus bekommen können, wenn sie jemanden mit HIV küssen, 20 Prozent hielten sogar das Trinken aus demselben Glas für ansteckend. Jeder zehnte Jugendliche ab 14 Jahren kann sich vorstellen, dass ein Handschlag das Virus übertragen kann. Alles Quatsch.

Diese Wissenslücken sind erschreckend. Man könnte denken: Wer weniger Bescheid weiß, hat vielleicht auch größere Angst vor Aids. Das legen die Daten zu HIV-Infektionen aber keineswegs nahe. Jedes Jahr stecken sich in Deutschland seit etwa zehn Jahren um die 3.000 Menschen neu an. Das ist eine der niedrigsten Raten in ganz Europa. Doch von Mitte bis Ende der 1990er Jahre waren es jedes Jahr nur halb so viele. Auch der Anteil der Menschen, die noch nichts davon wissen, dass sie das Aidsvirus im Blut haben, steigt. 2015 waren es 12.600. Insgesamt lebten damit im gleichen Jahr rund 84.700 Menschen in Deutschland mit HIV (Epidemiologisches Bulletin 45, 2016).

Safer Sex mit Antiaidspille

Betrachtet man den gesamten europäischen Kontinent, schwindet die Hoffnung, dass Aids bald im Griff ist. Ende 2015 musste die europäische Seuchenschutzbehörde ECDC für Europa erschreckende Zahlen verkünden: Allein im Jahr 2014 stellten Mediziner in 53 Ländern mehr als 142.000 mal die Diagnose HIV-positiv aus (HIV/AIDS surveillance in Europe 2014, 2015). So viele Fälle wurden seit Beginn der Aidsepidemie in den 1980er Jahren nicht mehr registriert. 2015 stieg diese Zahl weiter. 153.000 neue Diagnosen (HIV/AIDS surveillance in Europe 2015, 2016). Zwar ist klar, dass diese Zahlen vor allem durch Infektionen in vielen osteuropäischen Staaten nach oben schnellen. Am Problem ändert es aber wenig.

dpa
Kondom gerissen – und jetzt?

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Das Date lief super – bis zu diesem Moment. Riss im Gummi. Kann ich das Aids-Virus HIV erwischt haben? Was jetzt zu tun ist.

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© NIH
Angst! Wovor noch gleich?

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HIV greift die Körperabwehr an. Bei wem Aids ausbricht, den machen sonst harmlose Erreger schwer krank. Passiert mir das jetzt auch?

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© Davis/Express/Getty Images
Ruhig bleiben

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Es muss nicht zur Ansteckung gekommen sein. Es gibt ein paar Tipps, um das Risiko jetzt noch zu verringern. Genau lesen! Und keine Hektik.

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Sofort machen

Sperma ausspucken und Mund spülen – falls möglich mit hochprozentigem Alkohol.

Oralsex

sein lassen

Nicht die Zähne putzen – sind Viren vorhanden, könnten sie ins Zahnfleisch gerieben werden.

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HIV-Test

Tatsächlich: Schnelltests bringen nach einer halben Stunde ein erstes Ergebnis. Machen sollte man sie aber erst zwölf Wochen nach dem ungeschützten Sex – sonst sind sie zu unsicher. Am Ende muss man also länger bangen als nach dem Labortest.

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Offenbar sorgen sich die Menschen weniger davor, sich anzustecken, allen Aufklärungskampagnen zum Trotz. Diese müssen sich anpassen. Safer Sex heißt nicht nur Sex mit Kondom. Regelmäßige HIV-Tests sind wichtig, für alle, die nicht in einer treuen Beziehung leben (in denen sich alle Partner übrigens auch getestet haben sollten, ehe sie etwa das Kondom weglassen). Und es ist gut, dass die EU seit Ende vergangenen Jahres einem Beispiel aus den USA folgt.

Seit Herbst ist hier und damit auch in Deutschland eine Antiaidspille zugelassen. Truvada kommt aus der antiretroviralen Therapie und kann verhindern, dass nicht infizierte Menschen sich bei ungeschütztem Sex mit HIV anstecken. Mediziner nennen das Präexpositionsprophylaxe (PrEP). Seit 2012 ist Truvada schon in den Vereinigten Staaten im Einsatz. Hierzulande können Ärzte die Antiaidspille allen empfehlen, die ein besonders hohes Ansteckungsrisiko haben. Dazu zählen etwa Männer, die mit Männern Sex haben, oder Menschen, die mit einem HIV-positiven Partner leben oder häufig ihre Sexpartner wechseln. Wer die Tabletten einnimmt, soll aber weiterhin Kondome verwenden, sich beraten lassen und auch regelmäßig HIV-Tests machen (BfArM, Information für Patienten, 2017).

Denn Truvada schützt in den allermeisten Fällen bei täglicher Einnahme zuverlässig, aber eben nicht absolut. Die blaue Pille ist nur ein weiteres Mittel, um Aids in Schach zu halten und Neuinfektionen zu verhindern. Wenn auch ein teures: Die Kosten von monatlich um die 800 Euro zahlen die Krankenkassen (noch) nicht.