Wer die Eltern entscheiden lässt, riskiert Menschenleben – Seite 1

Debattiert wird darüber seit Jahren. Jetzt hat das Bundeskabinett entschieden: Die Schutzimpfung gegen Masern soll Pflicht werden – für Kinder und für Angestellte in Kitas und Schulen. Eine richtige Entscheidung, meint Sven Stockrahm. Er hatte schon vor dem Entschluss argumentiert, warum man Eltern die Entscheidung nicht allein überlassen sollte. Lesen Sie hier noch einmal seinen Kommentar.

Erst lachen sie noch. Bis ihnen die Kinderärztin oder der Arzthelfer die Nadel ins Bein sticht. Wenn Babys ihre erste Spritze bekommen, tut das Eltern weh. Da haben sie in den ersten zwei Monaten alles getan, damit dieser neue, hilflose, junge Mensch keinen blauen Fleck abbekommt, um nun in sein schmerzverzerrtes Gesicht zu schauen. Spätestens jetzt könnte sich die Frage stellen: Muss das sein?

Natürlich muss es. Impfungen gegen Krankheiten wie Diphtherie, Kinderlähmung und später Masern schützen das eigene Leben und retten das vieler anderer.

Damit ist eigentlich alles gesagt. Trotzdem wird fast jedes Mal, wenn das Wort Impfung fällt, diskutiert. Wie sicher und sinnvoll sind sie? Dabei ist der Trick, den Körper zum Bilden von Antikörpern anzuregen, indem man ihn harmlos gemachten Krankheitserregern aussetzt, eine der größten Erfolgsgeschichten der modernen Medizin. Millionen Menschenleben wurden so schon gerettet. Wer also meint, sein Kind brauche das nicht, kann es auch unangeschnallt ins Auto setzen. Fahrlässig und im Zweifel tödlich ist beides. Dabei ist die Gruppe derer, die Impfungen infrage stellen, viel kleiner, als die Debatte darum vermuten lässt: Es ist eine sehr kleine Minderheit, was sich auch an den seit Jahren bundesweit hohen Impfquoten zeigt.

Unwillige Eltern zu verpetzen reicht nicht

Dennoch starb im Frühjahr 2017 eine Mutter von drei Kindern an den Masern. Sie hatte die zweite notwendige Schutzimpfung gegen den Infekt, der sich mit roten Flecken ankündigt, nie bekommen. Kindern ab zwölf Monaten empfehlen die Medizinerinnen und Mediziner der Ständigen Impfkommission die erste Impfdosis gegen Masern. Die zweite soll bis zu einem Alter von zwei Jahren gespritzt werden. Erst dann sind sie ausreichend gegen das Virus geschützt. Und hier beginnt das Problem.

Kinder, die 2013 geboren wurden, bekamen bundesweit zu 95,9 Prozent ihre erste Masernimpfung. Doch mit zwei Jahren hatten erst 73,7 Prozent von ihnen die zweite Dosis bekommen. Regional gehen die Impfquoten noch stärker auseinander: Wer etwa in Sachsen aufwächst, hat mitunter das höchste Risiko, sich die Masern einzufangen: Denn in dem Bundesland gilt die unsinnige Sonderempfehlung, Kinder erst bis zur Einschulung zweitimpfen zu lassen.

Entsprechend wenige Zweijährige (2015 nur 28,8 Prozent) sind in Sachsen gegen die Viren immun (siehe die Impfquoten auf VacMap.de). "Damit ist jedes Jahr bei rund 180.000 Zwei­jährigen ein ausreichender Masernschutz ungewiss, oder sie sind gar nicht geimpft. Das ist ein unhaltbarer Zustand", sagt Deutschlands oberster Seuchenwächter, Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI). Recht hat er.

Zwar steigt die Quote bis zur Einschulung noch deutlich. Aber nicht stark genug. Deshalb hat Gesundheitsminister Gröhe nun (Anm. der Red.: im Juni 2017) das Präventionsgesetz verschärft (der Gesetzesentwurf hier als PDF). Die tiefgreifendste Änderung: Kitas sollen sich nicht mehr nur, wie seit 2015 vorgeschrieben, den Impfausweis der Kinder vorlegen lassen. Künftig sollen sie Mutter und Vater beim Gesundheitsamt melden, wenn diese sich der schon heute vorgeschriebenen Impfberatung verweigern. Eltern müssen, wenn sie die Beratung dann nicht wahrnehmen, mit Geldbußen von bis zu 2.500 Euro rechnen.

Impfen darf keine Entscheidung sein

Eltern zu zwingen, Kindern die Spritzen zuzumuten – davor darf sich der Gesetzgeber nicht drücken. Sie lediglich zu verpetzen, reicht aber nicht. Deutschland muss die Impfpflicht einführen (Update: Im Juli 2018 hat das Bundeskabinett die Impfpflicht für Masern beschlossen). Auch wenn die Impfquoten im Durchschnitt hoch sind, gibt es regional gefährliche Lücken, und für Erreger wie Diphtherie, Kinderlähmung, Tetanus oder Hepatitis B gehen die Quoten sogar bundesweit leicht zurück. Ein riskanter Trend, vielleicht auch ausgelöst dadurch, dass die wenigen Impfgegner seit Jahren so eine große Plattform bekommen?

Eltern abwägen zu lassen, ob und welche Impfungen ihr Kind erhält, ist falsch. Impfen darf keine Entscheidung sein.

Das zeigt sich besonders am Beispiel der Masern. Sie sind keine Kinderkrankheit. Was so niedlich und harmlos klingt, führt bei jedem zehnten Erkrankten zu Komplikationen und bringt einen von 1.000 Erkrankten um (Robert Koch-Institut). Weltweit starben 2015 jede Stunde 15 Menschen daran (siehe Weltgesundheitsorganisation). Zudem kann, wer einmal Masern hatte, noch später im Leben eine lebensgefährliche und unheilbare Hirnentzündung entwickeln. Menschen fallen deshalb ins Wachkoma oder sterben an den Folgen. Gerade unter Säuglingen ist diese Gefahr deutlich größer, als bislang gedacht: Eines von 609 Kindern, das sich in den ersten zwölf Lebensmonaten mit Masernviren infizierte, bekam die Hirnentzündung (Wendorf et al., 2016). In dieser Zeit sind Säuglinge noch zu jung, um gegen Masern geimpft zu werden.

Genau aus diesem Grund sollten alle anderen so pünktlich wie möglich die beiden wichtigen Spritzen bekommen. Denn nur so entsteht eine Herdenimmunität. Wer sich nicht anstecken kann, verhindert, dass sich ein Erreger ausbreitet und die trifft, die ungeimpft sind. Das können Säuglinge sein oder auch die wenigen Menschen, die krank oder geschwächt sind und deshalb nicht geimpft werden können. Die Herdenimmunität setzt aber gerade bei Masern erst ein, wenn 95 Prozent der Bevölkerung zwei Spritzen bekommen haben. Bei Kinderlähmung reicht es, wenn 80 Prozent geschützt sind (Epidemiologisches Bulletin 16/2017). Jeder und jede Geimpfte mehr ist ein Lebensretter.

Einigen wenigen Eltern reichen diese Gewissheiten nicht. Sie sind verunsichert oder überzeugt, dass manche Impfungen mehr schaden als nützen, sprechen von giftiger Chemie im Kinderkörper, fürchten schwere Erkrankungen und Behinderungen für ihr Kind. Sie glauben, Impfungen seien nicht so sicher, wie sie es sind, zitieren die verbreitete Lüge, dass Impfungen Autismus auslösten, und misstrauen der kompletten Pharmaindustrie. Dabei erleidet nur im seltensten Fall anhaltende Schäden, wer geimpft wurde. Insgesamt werden in Deutschland im Schnitt jedes Jahr um die 30 solcher Fälle anerkannt, zuletzt 34 im Jahr 2009. Wohlgemerkt 34 Fälle unter allen Impfungen gegen Infektionskrankheiten und nach Millionen von verabreichten Impfdosen (Nationaler Impfplan, S. 119, 2012).

Impfungen sind ein Dienst an der Gemeinschaft

Impfungen waren nie sicherer als heute. Ihr Erfolg ist mittlerweile ihr größter Feind. Denn niemand weiß mehr, wie schlimm und qualvoll es ist, an Kinderlähmung zu erkranken oder an Diphtherie. Das könnte nachlässig machen. Zu viele Kinder sind im Vorschulalter noch immer zu wenig geschützt. Eine Impfpflicht kann das ändern, sie ist längst überfällig. Sie zwingt auch die Minderheit der unbelehrbaren Impfgegner.

Es ist der Job von Müttern und Vätern, sich um die Gesundheit ihres Nachwuchs zu kümmern. Doch einige wenige Eltern glauben, sie wüssten besser als Mediziner, was gut und schlecht für ihr Kind ist. Viele vehemente Impfgegner sind Akademiker und verdienen überdurchschnittlich gut. Das hat etwa die Soziologin Jennifer Reich nach jahrelangen Nachforschungen in den USA festgestellt. Diese Menschen sehnen sich häufiger nach Natürlichkeit und Individualität und misstrauen Forschern, Ärzten und Behörden.

Impfgegner verhalten sich egoistisch

Sie fürchten Umweltgifte und gentechnisch veränderte Lebensmittel, sind überzeugt, dass jeder für sein Wohlbefinden allein selbst verantwortlich ist. Das übertragen sie auf ihre Kinder und auf Impfungen. Sie wollen wählen können: Den Sohn nur gegen Mumps impfen, weil die Krankheit Jungs unfruchtbar machen kann, Mädchen nur gegen Röteln, weil das später in der Schwangerschaft gefährlich werden kann.

Nur vergisst, wer sich so verhält, dass er nicht allein auf der Welt ist. Impfungen sind keine individuelle Gesundheitsleistung, sondern ein Dienst an der Gemeinschaft, in der wir leben. Deshalb sollten die wichtigsten Impfungen Pflicht sein. Eine repräsentative Umfrage aus dem Jahr 2015 zeigt, dass eine Mehrheit dies unterstützt.

Wer gegen eine Impfpflicht argumentiert, verweist gerne darauf, dass eine Spritze die körperliche Unversehrtheit eines Kindes verletzt und das Sorgerecht der Eltern einschränkt. Nur ist die auch dahin, wenn ein ungeimpftes Kind lebensgefährlich krank wird oder bleibende Schäden davonträgt. Es nützt nichts: Kinder werden im Auto angeschnallt. Und man muss sie impfen.

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