Es gibt Männer, die erst ab 30 einen Hausarzt haben. Mädchen werden mit Beginn der Pubertät zum Frauenarzt geschickt. Was nach Klischees klingt, ist vielfach Realität: Frauen ernähren sich im Schnitt gesünder, achten mehr auf ihren Körper und gehen regelmäßiger und früher zum Arzt – auch zur Vorsorge. Klar, das hat Vorteile. Aber nicht nur.

Weil Frauen nämlich öfter zum Arzt gehen, wird an ihnen auch mehr herumgedoktert. Vieles deutet darauf hin, dass viele Medikamente und Therapien, die ihnen verschrieben werden, unnötig sind.

Was die Medikamente angeht, hat der neueste Arzneiverordnungsreport (Schwabe/Paffrath, 2016) ergeben, dass die durchschnittliche verordnete Menge für Frauen mit 615 Tagesdosen um 19 Prozent über dem Durchschnittswert der Männer liegt. Medizinern zufolge ist dies nicht ausschließlich mit der Einnahme der Antibabypille zu erklären. Immerhin bekommen Frauen auch 1,9- bis 2,9-mal mehr Psychopharmaka und 1,6-mal so viele Schlaf- und Beruhigungsmittel. Die Zahlen zeigen auch: Egal ob männlicher oder weiblicher Patient – pro Arztbesuch wird im Durchschnitt eine bestimmte Menge an Arzneimitteln verschrieben. Wer öfter hingeht, dem wird also mehr verordnet.

Die Wechseljahre – eine Krankheit?

Ein Beispiel ist die Hormonersatztherapie: In den Wechseljahren sinkt bei Frauen die Konzentration der weiblichen Geschlechtshormone, was körperliche Folgen nach sich ziehen kann. Hitzewallungen und Schweißausbrüche schreiben Wissenschaftler dieser Veränderung zu. Die meisten anderen Symptome hingegen, von Stimmungsschwankungen über Nervosität bis hin zu depressiven Phasen, stehen Studien zufolge (Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie: Weidner et al., 2012) nicht in Verbindung mit dem Hormonspiegel. Sie können somit nicht den Wechseljahren zugeschrieben werden. Mittlerweile vermuten Forscher andere Gründe für diese Phänomene. Im Alter der Wechseljahre sind Frauen heute oft einer vielfachen Belastung ausgesetzt, beruflich und privat.

Trotzdem greift noch immer fast jede zehnte Frau auf die Hormonersatztherapie zurück. Dabei haben Studien längst gezeigt, dass diese unter anderem das Risiko für Brustkrebs, Herzinfarkt, Schlaganfall und Thrombose erhöht (JAMA: Rossouw et al., 2002). Es scheint, als habe sich aus den 1990er Jahren, als jede zweite Frau in den Wechseljahren Hormone nahm, ein Mythos gehalten, der auf einer falschen Annahme basiert. Denn dass der Hormonspiegel sich verändert, ist eine natürliche Entwicklung. Diese wird aber wie eine Krankheit behandelt – und übertherapiert.

"Die Medizin ist hierzulande wirtschaftlichen Anreizen unterworfen, das gilt für die Schulmedizin ebenso wie für die Alternativmedizin. Deshalb wird vieles von dem, was möglich ist, auch gemacht – nicht selten ungeachtet der Relevanz und Sinnhaftigkeit", sagt Gunter Frank, Allgemeinmediziner in Heidelberg und Autor mehrerer Bücher, darunter die Gebrauchsanweisung für Ihren Arzt. Arzneimittel seien hier noch der kleinste Bereich. Die technische Ausstattung der Praxen, von der Blutanalytik bis zum Ultraschallgerät, sei üppig, und werde oft auch dann genutzt, wenn sich der Nutzen für die Patientin in Grenzen hielte.

Und weil Frauen eben häufiger zum Arzt gehen, bietet sich bei ihnen öfter die Chance, das Repertoire an Möglichkeiten anzuwenden: Ihnen werden – vor allem von Gynäkologen – häufiger Untersuchungen und Behandlungen angeboten, die nach strengen wissenschaftlichen Kriterien keinen Mehrwert haben. "Frauen sind tendenziell über- und fehldiagnostiziert und oft auch übertherapiert", sagt auch Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gendermedizin an der Universität Wien.

Besonders deutlich wird das Zuviel an Medizin auch in der Schwangerschaft. Eine werdende Mutter trägt doppelte Verantwortung, für sich und das ungeborene Baby. Eine psychologisch sensible Zeit, in der die Frau alles richtig machen will. Und das System unterstützt sie dabei: Es gibt umfangreiche Ultraschall-Vorsorgeuntersuchungen und einen Fragekatalog der Risiken erfassen soll.

Viele dieser Maßnahmen sind sinnvoll und notwendig, die Frage ist nur, ob das Maß nicht überzogen ist. Laut dem Fragekatalog liegt etwa schon ab einem Alter von 35 Jahren ein Schwangerschaftsrisiko vor. "Durch den ständigen Blick auf mögliche Risiken geht das Vertrauen in die eigenen Kräfte und Fähigkeiten verloren. Das Leichte und Unbeschwerte aus dieser oft als schön empfundenen Lebensphase schwindet", schreiben die Pharmazeutin Luitgard Marschall und die Expertin für Frauengesundheit Christine Wolfrum in ihrem gerade erschienenen Buch Das übertherapierte Geschlecht

Unnötiges Babyfernsehen

Dementsprechend oft lassen sich viele Schwangere untersuchen. Laut dem Gesundheitsmonitor 2015 (hier als PDF), erstellt von Wissenschaftlern der Universitäten Bochum und Bielefeld, haben 80 Prozent der Frauen in Deutschland mehr als vier Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft erhalten, das Maximum lag bei 29 Untersuchungen. Zur regulären Vorsorge gehören eigentlich nur drei. Interessanterweise fanden die Autoren "keine Unterschiede im Ausmaß der Anwendung des Ultraschalls in den Gruppen mit und ohne belastende Befunde", was letztlich heißt: Viele der Untersuchungen waren reines Babyfernsehen. Antrieb dürfte in vielen Fällen die Sorge der Patientinnen gewesen sein, nach der Devise: Ich bin ein Risikofall, lieber einmal zu viel kontrollieren als zu wenig.