Den Schweizer Ärzten blieb nichts anderes übrig, als dem tibetischen Patienten einen Lungenlappen zu entfernen. Nur mit einer verkleinerten Lunge konnten sie ihn retten – er wäre ziemlich sicher an Tuberkulose, kurz TBC, gestorben. Davor hatten sie mit sieben verschiedenen Mitteln versucht, die Keime, die seinen Körper von innen befielen und überall im Gewebe Knötchen hinterließen, klein zu kriegen – ohne Erfolg. 

Dieser extreme Fall, den ein Team aus Medizinern vom Schweizer Tropen- und Public-Health-Institut und der Uni Zürich vor Kurzem schilderte (New England Journal of Medicine: Bloemberg et al, 2015), ist eine seltene Ausnahme – nicht aber Infektionen mit multiresistenten Tuberkulose-Erregern ganz allgemein.

Eine halbe Million Menschen, denen die normale Therapie nicht hilft

Weltweit infiziert sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mittlerweile jeder fünfte Patient, der zum erneuten Male wegen einer Tuberkulose behandelt wird, mit einem resistenten Bakterienstamm – also einem, gegen den höchstens noch sehr besondere Ersatzantibiotika etwas ausrichten. Allein 2015 registrierte die WHO mehr als eine halbe Million solcher Fälle, 250.000 Menschen verstarben.

In den kommenden 20 Jahren werden sich diese besonders gefährlichen Keime weiter ausbreiten, prognostizieren jetzt Ärzte um Aditya Sharma von der amerikanischen Seuchenschutzbehörde CDC (Lancet Infectious Diseases: Sharma et al, 2017) und zeichnen ein besorgniserregendes Szenario.

Ein Bakterium, das ohnehin sehr zäh ist

Doch zunächst zur Tuberkulose selbst. Sie wird durch Mykobakterien verursacht, die extrem widerstandsfähig sind. Schon ihre dicke Zellwand stellt für einige Antibiotika ein unüberwindbares Hindernis dar. Außerdem werden die Keime vom Körper eingekesselt, zum Beispiel in Kavernen – kleinen Löchlein im Lungengewebe – und sind deshalb für die im Blut zirkulierenden Wirkstoffe oft nicht gut erreichbar.

Weil sich die Bakterien zudem sehr langsam teilen, müssen Ärzte eine Tuberkulose deutlich länger mit Antibiotika behandeln als andere bakterielle Infektionen. Seit jeher besteht die TBC-Therapie deshalb aus einer Kombination mehrerer spezieller Antibiotika, die der Patient über Monate, teils Jahre einnehmen muss.

Wer die Pillen nicht nimmt, züchtet tödlichere Keime

Hört ein Patient – auch nur für kurze Zeit – auf, die Medikamente zu nehmen, fördere das die Resistenzbildung, erklärt Ralf Otto-Knapp vom Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK): "Es ist manchmal schwer, jemanden monatelang trotz teilweise starker Nebenwirkungen bei der Stange zu halten." Und nicht immer gebe es genügend Nachschub, gerade in Ländern mit einer schlechten Gesundheitsversorgung.

Besonders stark betroffen sind Osteuropa und die Staaten der ehemaligen Sowjetunion, der indische Subkontinent, Sub-Sahara-Afrika und Teile Südostasiens. Die Autoren der heute erscheinenden Lancet-Studie schauten sich deshalb vier Länder an, die in diesen Regionen liegen: Indien, Russland, die Philippinen und Südafrika. Mit einem mathematischen Model, das die Entwicklungen der vergangenen Jahre nutzt, prognostizierten sie, dass der Anteil der multiresistenten Tuberkulose-Fälle bis 2040 weiter steigen wird – in Russland auf fast ein Drittel aller Fälle.

Sind Ärzte bald machtlos?

Wird es also bald Millionen von Tuberkulose-Patienten geben, die Ärzte nicht mehr behandeln können? Danach sehe es zum Glück nicht aus, erklärte Katharina Kranzer, Leiterin des Nationalen Referenzzentrums für Mykobakterien. Es werde nur schwieriger: "Um eine multiresistente Tuberkulose gut zu behandeln, brauchen wir eine frühe Diagnose und einen Resistenztest." Denn nur, wenn man weiß, was die Bakterien alles an medikamentösen Attacken überleben, kann man auf passende Ersatzantibiotika ausweichen. Das heißt aber auch: Die Therapie muss überall, auch dort wo die Gesundheitsversorgung generell schlecht ist, zielgenauer werden – und damit wird sie aufwendiger und teuer.

Deshalb müsse mehr Geld in die Diagnostik fließen. Das geschehe auch bereits, sagte Kranzer: "Es wurde in den letzten Jahren viel Geld in Labore in den Ländern investiert, die besonders stark betroffen sind." Auch Ralf Otto-Knapp vom DZK hat den Eindruck, die Weltgesundheitsorganisation versuche stärker, die Tuberkulose in den Griff zu bekommen, nachdem in den Jahren zuvor vergleichsweise viel Geld in den Kampf gegen HIV und Aids floss.

TBC gibt es auch bei uns noch

Doch das ist nicht alles: Im Jahre 2000 hatten noch 80 Prozent der Menschen mit einer multiresistenten Tuberkulose bereits eine Therapie hinter sich: Die Resistenzen hatten sie also in ihren eigenen Körpern gezüchtet. 2040 aber wird ein Großteil der multiresistenten Stämme von Mensch zu Mensch übertragen werden, schreiben die Forscher. Umso dringender müsse also nicht nur die Diagnose verbessert, sondern auch die Übertragung eingedämmt werden.

In Deutschland werden alle Patienten (2015 kam es nach bisherigen Zahlen des Robert-Koch-Instituts zu mehr als 5.800 Neuinfektionen) mit einer ansteckenden Tuberkulose ohnehin im Krankenhaus isoliert. In Ländern, wo das nicht möglich ist, sei das auch zu Hause machbar, sagte Ralf Otto-Knapp: "Dabei hilft es, die Familien mit ins Boot zu holen und ihnen die Therapie und die Nebenwirkungen zu erklären. Dann kommt es auch seltener zu Therapieabbrüchen."

Die Analyse fällt in eine Zeit, in der die WHO der Tuberkulose gerade erst den Kampf angesagt hat: 2014 beschloss die Organisation ihre eine Kampagne, mit der sie die Tuberkulose bis 2030 nahezu auslöschen will. Wie realistisch das ist, das kann auch Katharina Kanzer nicht sagen. Sie ist sich aber sicher: "Es ist gut, ambitionierte Ziele zu haben. Das lockt Geldgeber an und lässt neue Ideen entstehen." Angesichts von weltweit mehr als zehn Millionen Neuinfektionen braucht es die besonders.