Ja, E-Zigaretten sind besser! – Seite 1

Seit sechs Jahren hat Thomas Richter* keine Zigarette mehr angerührt. 35 Jahre lang hatte er geraucht. Nicht Kette, aber zehn bis zwölf Zigaretten pro Tag kamen schon zusammen. Manchmal auch mehr, wenn der Abend lang wurde. Beschwerden hatte er keine. Richter genoss das Rauchen. Irgendwann aber nervte ihn der Geruch in der Wohnung, in der Kleidung, und auch wenn er sich gesund fühlte, war ihm bewusst, wie schädlich Rauchen ist. Also entschied er, das zu tun, was viele Raucher immer wieder versuchen und woran fast genauso viele scheitern: aufhören – zumindest mit dem Tabak. Thomas Richter stieg um auf die E-Zigarette. Von einem Tag auf den anderen. Und er blieb dabei.

Damit ist Richter Teil einer größer werdenden Dampfergemeinschaft. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen hat in ihrem Jahrbuch Sucht 2017 den Anteil der E-Raucher an der Gesamtbevölkerung auf 1,4 Prozent beziffert. Gut 1,1 Millionen Menschen in Deutschland dampfen also regelmäßig. Anderen Statistiken zufolge sind es sogar rund 3,5 Millionen. Und aus dem Drogenbericht des Gesundheitsministeriums ging bereits 2015 hervor, dass etwa sechs Prozent aller Deutschen älter als 16 Jahre E-Zigaretten mindestens ausprobiert haben. Angesichts dessen, dass hierzulande etwa ein Viertel aller Menschen hin und wieder oder auch regelmäßig rauchen – Tendenz sinkend – ist das immer noch wenig.

Gleichzeitig zeigen die Verkaufszahlen: Der Dampfermarkt wächst und wird damit wirtschaftlich relevanter. Innerhalb eines Jahres ist der Umsatz mit E-Zigaretten in Deutschland von 275 im Jahre 2015 auf 400 Millionen Euro 2016 gewachsen.

Im Kern der Debatte stehen zwei wichtige, aber noch nicht ausreichend beantwortete Fragen: Kann die E-Zigarette wirklich helfen, vom Tabak loszukommen? Und falls ja: Ist das tatsächlich die gesündere Alternative?

Mal klappt's, mal nicht

Die Zahl der Menschen in Deutschland, die an den Folgen des Rauchens schwer erkranken und schließlich sterben, steigt. Weltweit geht jeder zehnte Todesfall auf Tabak zurück. Zwar nimmt die Zahl der Raucher hierzulande langsam ab – doch bis sich das auch auf die Krebsstatistiken und Sterberegistern auswirkt, werden noch Jahrzehnte vergehen. Sollten Nikotinabhängige also aufs Dampfen umsteigen?

Rauchern zufolge hilft die E-Zigarette tatsächlich, vom Tabak loszukommen. Das Eurobarometer der Europäischen Kommission ergab zum Beispiel für 2014, dass 14 Prozent aller Befragten, die das Dampfen ausprobiert hatten, sich so das Rauchen herkömmlicher Zigaretten abgewöhnt hatten. Weitere 21 Prozent hatten ihren Tabakkonsum zumindest reduziert. Großbritannien erwägt inzwischen, die E-Zigarette in Entwöhnungsprogrammen einzusetzen.

Allerdings liefern Studien, die dazu durchgeführt wurden, durchwachsene Ergebnisse. Mal klappt die Tabakentwöhnung, mal sogar der Absprung vom Nikotin, mal hat das Dampfen keinen Effekt auf das Rauchverhalten. Das Wissenschaftsnetzwerk Cochrane Collaboration ist in einer Übersichtsarbeit zu der Erkenntnis gekommen, dass die E-Zigarette beim Aufhören helfen kann (Hartmann-Boyce et al., 2016). Nach Ansicht der Forscher könne das vielleicht sogar genauso gut funktionieren wie mit einem Nikotinpflaster. Die dafür zusammengetragenen Studien hatten jedoch kleine Probandenzahlen, waren also nur bedingt aussagekräftig.

Die E-Zigarette enthält weniger Schadstoffe

Der Psychotherapeut Christoph Kröger hat mit seinen Klienten die Erfahrung gemacht, dass die komplette Raucherentwöhnung mit der E-Zigarette nicht funktioniert. Er arbeitet am Institut für Therapieforschung in München, das selbst Entwöhnungsprogramme anbietet. "Auf die E-Zigarette umzusteigen und das Nikotin herunterzudosieren bis man keins mehr braucht, ist eher eine theoretische Idee", sagt Kröger. "Es ist aber unumstritten, dass die E-Zigarette weniger Schadstoffe enthält. Wenn man es schafft, die toxischen Substanzen des Rauchens zu reduzieren, ist das in jedem Fall gut."

Weniger Schadstoffe

Andere Experten und Politiker tun sich schwerer damit, die E-Zigarette wohlwollend zu bewerten. "Auch ein kleineres Übel ist immer noch ein Übel", sagt etwa die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml. Nordrhein-Westfalens Gesundheitsministerin Barbara Steffens findet noch deutlichere Worte: "Die Risiken werden marginalisiert, indem E-Zigaretten und E-Shishas fälschlicherweise in die Kategorie von Bonbons und Gummibärchen eingeordnet werden. Das ist eine gefährliche Verharmlosung von Suchtmitteln."

Da die E-Zigarette erst seit rund zehn Jahren auf dem Markt ist, anfangs noch als Nischenprodukt, lassen sich die Langzeitfolgen des Dampfens bislang bloß grob abschätzen. Weil sie als weniger schädliche Alternative zum Rauchen beworben wird, ist die Angst groß, dass Nichtraucher verführt werden, vor allem die jungen. Die Bekanntheit des Dampfens unter Jugendlichen steigt, viele bewerten es als weniger schädlich als Tabakrauchen (Die E-Zigarette: Graf et. al., 2016).

Damit liegen sie nicht falsch. Die E-Zigarette enthält erwiesenermaßen viel weniger Schadstoffe als herkömmliche Zigaretten. Das britische Gesundheitsministerium schätzt, dass sie rund 95 Prozent weniger schädlich ist. Unterstützer fordern daher, Raucher stärker über diese Vorteile aufzuklären. Wenn alle auf das Dampfen umsteigen, könnte das eine Milliarde Leben weltweit retten, heißt es. Laut Tabakatlas 2015 des Deutschen Krebsforschungszentrums starben im Jahr 2013 121.000 Menschen in Deutschland an den Folgen des Tabakkonsums. Das waren 13,5 Prozent aller Todesfälle bundesweit in dem Jahr.

In einer glühenden Zigarette entstehen erheblich mehr Giftstoffe als durch das Verdampfen in der E-Zigarette. Grund sind die hohen Temperaturen: Die Zigarette brennt bei mehreren Hundert Grad ab. Die Liquide fürs Dampfen werden nur bei ungefähr 150 Grad Celsius erhitzt. Unbedenklich sind die freigesetzten Stoffe trotzdem nicht. Sie enthalten Verneblungsmittel und Aromen, die Atemwege reizen und mitunter Allergien auslösen können. Nikotin ist je nach Sorte ebenfalls zugesetzt. Während der Erhitzung entstehen potenziell krebserregende Carbonylverbindungen und Formaldehyd. Einzelne Studien weisen daraufhin, dass Dampfer Schwermetalle und andere Verunreinigungen inhalieren.

"Ich rauche weniger schädlich"

Wie schädlich diese Substanzen auf Dauer sein können, ist noch nicht erforscht. Deshalb stehen etwa das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) und Gesundheitspolitiker kritisch zur E-Zigarette. Eine Anfrage von ZEIT ONLINE bei den 16 zuständigen Landesministerien sowie beim Bundesgesundheitsministerium ergab, dass alle Behörden von der kompletten Nikotinentwöhnung mithilfe der E-Zigarette abraten.

Auf die Frage, was sie davon halten würden, wenn mehr Menschen vom Tabak zumindest auf nikotinhaltige E-Zigaretten umstiegen, gab die Mehrheit der Ministerien keine direkte Stellungnahme ab. Sie stimmten zwar zu, dass die E-Zigarette weniger schädlich ist. Zugleich verwiesen einige aber auch gleich auf Warnungen des BfR oder DKFZ vor möglichen Gesundheitsgefahren des Dampfens. Lediglich die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit forderte mehr Forschung auf dem Gebiet. Einzelberichte langjähriger Raucher hätten gezeigt, dass der Umstieg auf die E-Zigarette zu Gesundheitsverbesserungen geführt hatte. Letzterem pflichteten auch das Bundesgesundheitsministerium sowie die Landesministerien von Rheinland-Pfalz, Bayern, Hamburg und Brandenburg weitgehend bei.

"Ich würde nie sagen: Ich rauche jetzt gesünder", sagt Dampfer Thomas Richter, "bloß weniger schädlich". Er spüre, dass er besser Luft bekomme, mehr Kondition habe und sein Geschmacks- sowie Geruchssinn sensibler geworden seien. Sein Rauchverhalten hat sich ebenfalls verändert. Früher hatte er nach fünf bis sechs Zügen an der Zigarette eigentlich schon genug. Doch welcher Raucher wirft schon eine halbe Zigarette weg, außer vielleicht um vier Uhr nachts nach eineinhalb Schachteln? Heute nimmt er fünf oder sechs Züge an seiner E-Zigarette und packt sie wieder ein. "So gesehen rauche ich immer nur so viel, wie es mir gerade reicht. Also wahrscheinlich weniger als früher." Genau sagen, könne er das aber nicht.

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69 Prozent Männer und 31 Prozent Frauen nahmen teil. Im Schnitt waren sie 31 Jahre alt.

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Fast die Hälfte hat einen Uni-Abschluss, 24 Prozent studieren, zwei Drittel sind fest angestellt.

Ausbildung und Beruf

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Falsch. Die meisten sind für strenge Cannabisgesetze, nur sechs Prozent der Befragten fordern keinerlei Vorgaben für den Verkauf. 68 Prozent sagen, Hanfprodukte sollten nur in speziellen Läden verkauft werden, erst ab 18 (63 Prozent) und mit Hinweisen auf mögliche Schäden (52 Prozent). Mehr als ein Drittel (38 Prozent) ist für ein Werbeverbot.

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Richtig. Der Wirkstoff Psilocybin ist ungiftig und wirkt nur kurz, hohe Dosen können aber Panik und Angst auslösen. Doch berichten nur 0,2 Prozent aller Konsumenten, dass sie im letzten Jahr den Notruf 112 wählen mussten. Wer Alkohol trank, rief in 1,3 Prozent der Fälle Hilfe. Die größte Gefahr bei Pilzen: sie mit giftigen Sorten zu verwechseln.

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Auch derlei Ungewissheiten machen die Debatte so schwierig. "Befürworter und Gegner kämpfen hart und verbissen gegeneinander", sagt der Suchttherapeut Christoph Kröger. Die Dampfergemeinschaft führe einen Feldzug für die E-Zigarette und glorifiziere sie teils undifferenziert. Die Gegner wiederum seien zu skeptisch.

Spätestens seit die Tabakindustrie versucht, den E-Zigarettenmarkt zu erobern, sehen Gesundheitspolitiker einen alten Feind in neuem Gewand, sagt Kröger. Tabakkonzerne drängen ehrgeizig auf den Markt, kaufen kleine Hersteller auf und erfinden Alternativprodukte wie den Tabakerhitzer IQOS. "Wäre ich Raucher, würde ich mich nicht zum Versuchskaninchen machen und das ausprobieren", sagt er. Stattdessen sei es an der Zeit, die Daten zu E-Zigaretten fair zu diskutieren und Raucher wie Nichtraucher ordentlich aufzuklären. Dann könnte sie tatsächlich Leben retten.

* Name von der Redaktion geändert

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