Nur weil mal wieder ein Durchbruch in der Aidsforschung gefeiert wird, heißt das nicht, dass die Heilung kurz bevorsteht. Bisher ist es nur ein einziges Mal gelungen, HIV aus dem Körper eines Infizierten komplett zu verdrängen. Seitdem nie wieder. Wo steht die Aidsforschung also heute? 

Der neueste Hype um einen angeblichen Meilenstein: Das Mittel ABX464 des französischen Biotech-Unternehmens Abivax. Dessen Pressemitteilung im Mai war ein voller Erfolg. Das Medikament könne womöglich ein Schlüssel zur funktionellen Heilung von Aids sein, hieß es da. Was das Unternehmen schrieb, ist nicht falsch. Aber es wurde von manchen Medien unkritisch übernommen und noch zugespitzt. "Auf Abivax ruht die Hoffnung von Millionen", jubelte etwa die Welt. Börsenzeitungen empfahlen ihren Lesern, in das Unternehmen zu investieren. Der Aktienkurs schoss in die Höhe.

Fragt man führende Fachleute, reagieren die vor allem mit Kopfschütteln. "Ich kann keinen guten Grund für den Hype erkennen", sagt Norbert Brockmeyer, Aidsexperte an der Ruhr-Universität Bochum. Und Thomas Harrer, HIV-Forscher an der Universität Erlangen, sagt, die Pressemitteilung zeige vor allem, "dass da eine Biotech-Firma dringend Geld für die weitere Finanzierung benötigt". Selbst der Studienleiter von Abivax, Jean-Marc Steens, sagt: "Ich bin der Letzte, der sagt, dass wir hier eine Heilung haben."

Zwischen Hype und Hoffnung

Tatsächlich illustriert die Episode, wo Berichte zur Heilung von HIV heute einzuordnen sind: irgendwo zwischen Hype und Hoffnung. Vor zehn Jahren traute sich kaum jemand, von einer Heilung zu sprechen. Dann kam Timothy Ray Brown, der "Berliner Patient". Brown hatte an der Berliner Charité zwei Stammzelltransplantationen erhalten, um seine Leukämie zu behandeln. Als Spender hatten die Ärzte jemanden ausgesucht, dessen Zellen von Natur aus resistent waren gegen HIV. Nach den Operationen war nicht nur der Krebs geheilt, auch Browns HIV-Infektion war verschwunden. Sein Fall wurde zur Weltsensation. Brown, der erste Mensch, den Ärzte vom Immunschwächevirus befreiten.

Der Erfolg hat sich bislang nicht wiederholen lassen, aber er hat die Erwartungen in den Himmel geschraubt. Hinzu kommt, dass viele HIV-Medikamente inzwischen so wirksam und gut verträglich sind, dass es schwierig geworden ist, sie noch deutlich zu verbessern. Und so wird heute fast jeder Pharmafortschritt gleich als Schritt zum Sieg über HIV verkauft. So verkündete die Times im Oktober, ein Mann in Großbritannien sei womöglich vom Virus geheilt worden. Tatsächlich hatte die Studie dazu gerade erst begonnen. Es gab keinen Hinweis, dass der Teilnehmer das Virus besiegt hatte. Solche Nachrichten erscheinen inzwischen alle paar Monate.

Eine Heilung sei am Horizont, heißt es immer wieder. Was insofern nicht falsch ist, als man dem Horizont auch nicht wirklich näher kommt, egal wie lang man ihm entgegengeht.

dpa
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Tatsächlich ist eine Heilung in den vergangenen zehn Jahren nicht bedeutend näher gerückt. "Wir verstehen das Virus viel besser, aber HIV ist ein harter Gegner", sagt Harrer. Wenn sich ein Mensch mit HIV infiziert, dann kapert der Erreger zahllose Zellen. In manchen von ihnen infiltriert er den Zellkern, kopiert das eigene Erbgut in das der Zelle und macht dann: nichts. Forscher nennen diese Zellen das Reservoir. Die herkömmlichen Medikamente hindern das Virus zwar daran, sich zu vermehren, aber sie kommen an das versteckte Virus nicht heran. Weil der Erreger jederzeit wieder aufwachen kann, müssen Patienten die Pillen ein Leben lang einnehmen.

Wer das ändern will, der muss das Virus in seinem Versteck ausfindig machen und vernichten. Das ist eine enorme Herausforderung, immerhin besteht der Körper aus Hunderten Milliarden Zellen. Stellen Sie sich vor, jemand bricht in eine riesige Bibliothek ein und schreibt willkürlich in einige Bücher irgendwo seinen Namen. HIV zu heilen ist so, als müssten Sie jedes dieser Bücher finden und den Namen darin ausradieren oder das Buch zerstören.