Uruguay sei immer schon progressiv gewesen, sagt Calzada, fortschrittlicher als andere Länder Südamerikas. Früh durften die Frauen hier wählen, sich scheiden lassen, abtreiben – Letzteres ist bis heute beispielsweise in Chile verboten. In Uruguay finden es die Menschen laut Umfragen gut, dass der Staat einen großen Einfluss auf ihr Leben hat. Vom Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit über die Prostitution bis zur Wirtschaft ist vieles umfangreich geregelt – nun halt auch der beliebte Hanf.

Wir haben auf eine Realität reagiert, nicht eine geschaffen
Julio Calzada, Drogenexperte

"Ich lege Wert darauf, dass wir den Cannabiskonsum nicht freigeben", sagt Calzada. "Das Gegenteil ist der Fall: Es handelt sich um ein Modell der streng regulierten Abgabe, in dem Preis, Menge und Qualität der Droge in staatlicher Hand sind." Das sei auch der Unterschied zu den Niederlanden, wo das Marihuana für die Coffeeshops weiter vom Schwarzmarkt kommt – mit allen Qualitätseinbußen und Gefahren, die das haben könne. Mit giftigen Stoffen gestrecktes Cannabis oder minderwertige Blüten sollen in Uruguay nicht über den Apothekentisch gehen. Staatlich geprüfte und garantierte Cannabisqualität? Das gibt es nicht einmal in den USA, wo private Firmen untereinander um Preis, Menge und den Gehalt des Hanf-Wirkstoffs THC konkurrieren. Nach Calzadas Überzeugung fördere das den Drogenkonsum noch.

Rund 55.200 regelmäßige Kiffer gab es im vergangenen Jahr in Uruguay – das sind zwei Prozent der Bevölkerung. Es werden aber mehr, wie in vielen anderen Ländern der Welt: "Wir haben auf eine Realität reagiert", sagt Calzada, "nicht eine geschaffen." 2012, als Präsident Mujica die Freigabe verkündete, sei doch schon klar gewesen, dass die Verbotspolitik, der Krieg gegen die Drogen in Mexiko oder Kolumbien scheitern würde: "Gewonnen hat immer nur die Gewalt – und der Schwarzmarkt." 

Per Fingerabdruck an den Hanf

Der illegale Handel soll in Uruguay nun verlieren. Mit umgerechnet 1,20 Euro pro Gramm Cannabis in Apotheken will der Staat den Hanfpreis niedrig halten. Das soll dem Schwarzmarkt immerhin seine Kiffer-Kundschaft nehmen. Mehr als 40 Gramm im Monat dürfe ein Erwachsener zudem nicht kaufen – dies ist laut der internationalen Definition die Grenze zum problematischen Konsum, der gesundheitliche Folgen wie Sucht nach sich ziehen könne. 

Jeder Kiffer, das war der umstrittenste Punkt des Gesetzes, muss sich beim Staat registrieren. In der Apotheke identifiziert sich der Käufer per Fingerabdruck. "Der Apotheker sieht auf seinem Display nur ein OK, keinen Namen", erzählt Calzada, "die Daten sind sicher und verschlüsselt." Ein Massenabgriff der Daten soll nicht möglich sein, auch nicht die Weitergabe an Einwanderungs- und Zollbehörden anderer Länder oder den eigenen Arbeitgeber.

4.200 Uruguayer haben sich schon für den Weg über die Apotheke registriert, weitere 10.000 sind als Selbstanbauer oder Cannabisclub-Mitglied eingetragen. Das ist rund ein Viertel der 55.200 regelmäßigen Konsumenten im Land." Calzada ist sich sicher: Sie versorgen auch ihre Freunde und Partner mit dem legalen Stoff. So könnte bereits gut die Hälfte der Kiffer dem Einfluss des Schwarzmarkts entzogen sein. 

Nur Touristen sollen in der Apotheke leer ausgehen, auch weil Uruguay keine Probleme mit den Nachbarländern Argentinien und Brasilien bekommen will. Man wolle kein Urlaubsziel für Kiffer sein, sagt Calzada. Vielleicht ist es das aber längst: Wer in den Souvenirläden der Altstadt Montevideos vorbeischaut, findet sofort Hanfsymbole und Kühlschrankmagnete in Cannabisform und in den uruguayischen Nationalfarben. Und Museumsbesitzer Blasina sagt, dass er sich freue, dass inzwischen Brasilianer und Argentinier entspannt an den Stränden des Landes den Joint kreisen lassen – Gras "verschenken" ist schließlich nicht verboten.

So locker sehen die Legalisierung nicht alle. Vor allem unter den Apothekern regt sich Widerstand. "Wir müssen uns vor Überfällen schützen. Deshalb werden wir ganz sicher kein Marihuana verkaufen", sagt Beatrice. Die Frau im weißen Kittel steht in dem für südamerikanische Apotheken typischen Sammelsurium aus Duschgel, Rasierwasser, Parfums, Regenschirmen, Kopfwehtabletten und Alzheimermedikamenten. Wer ein von Drogen gezeichnetes Gesicht habe, den lasse sie nicht rein. Wer ihr Geschäft, die Farmacia San Nicolas in einer Seitenstraße Montevideos betreten will, muss klingeln und ihrem prüfenden Blick standhalten. Seit 38 Jahren arbeitet Beatrice als Apothekerin: Die Sicherheitslage sei immer schlimmer geworden in den letzten Jahren, beschwert sie sich.