Es ist noch keine 200 Jahre her, da starb jede zehnte Schwangere bei der Geburt ihres Kindes. Kindbettfieber war eine häufige Diagnose. 1840 fanden Ärzte in einem österreichischen Krankenhaus heraus, dass die gefährliche Infektion vor allem dann ausbrach, wenn sie vor der Geburtshilfe noch mit Leichen hantiert hatten – und dann, ohne sich die Hände zu waschen, zu den Gebärenden wechselten. Versuche mit Chlorkalk brachten den Wechsel: Sie senkten das Sterblichkeitsrisiko der Schwangeren von zwölf auf knapp zwei Prozent. Das Desinfektionsmittel war erfunden.

Seitdem hat sich viel getan. Desinfektionsmittel kommen im Operationssaal zum Einsatz. Verletzungen werden damit behandelt, um gefährlichen Wundinfektionen vorzubeugen. Trinkwasser wird in Aufbereitungsanlagen desinfiziert, damit wir damit bedenkenlos kochen und duschen können. In diesen Bereichen ist Desinfektion sinnvoll.

Doch viele Menschen wollen auch ihr Zuhause möglichst keimfrei machen. Sie reinigen ihre Wäsche mit Hygienewaschmitteln, reiben sich die Hände mit Hygienegelen ein und desinfizieren täglich Küchenablagen, Kinderspielzeuge, Nuckelflaschen, Türgriffe und Toiletten. Antibakterielle Mittel finden sich in Zahncremes, Deos und Kleidung. Keimfrei, das ist für viele Menschen heute ein Synonym für sauber und gesund. Im Krankenhaus mag das stimmen, doch im Alltag ist das falsch. Denn statt dem Immunsystem zu nützen, kann die übertriebene Hygiene krank machen.

Manche antibakterielle Stoffe wirken nicht einmal gegen Bakterien

"In privaten Haushalten sind Desinfektionsmittel weitgehend überflüssig", sagt Ralf Dieckmann vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). "Wägt man Nutzen und Risiko von Desinfektionsmitteln gegeneinander ab, überwiegen ganz klar die Risiken", sagt der Chemiker. Das BfR, das Robert Koch-Institut und das Umweltbundesamt raten schon lange davon ab, Desinfektionsmittel zu benutzen. Aus vielen Gründen.

Ein Problem ist etwa, wie die antibakteriellen Stoffe in unserem Körper wirken: Der Inhaltsstoff Triclosan, der in Zahnpasta, Reinigungstüchern und Deos enthalten sein kann, steht im Verdacht, den Hormonhaushalt zu stören und die Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen. Außerdem könnte Triclosan Muskeln schädigen, Allergien auslösen und die Gehirnentwicklung beeinflussen. Das schlussfolgern Forscher aus Tierversuchen (Toxicological Sciences: Zorilla et al., 2009). Die Wirksamkeit gegen Bakterien ist dagegen sogar zweifelhaft. In den USA wurde der Stoff bereits verboten. In Deutschland ist er nur in Produkten, die lange auf dem Körper bleiben, nicht mehr erlaubt: Lotionen etwa.

Auch andere Inhaltsstoffe bergen Risiken: Diethylphthalat, das in antibakteriellen Reinigungstüchern vorkommt, kann die Haut durchlässiger für Fremdstoffe machen. Die 2012 verabschiedete Biozidverordnung regelt inzwischen immerhin sehr streng, welche Stoffe, die schädliche Organismen abtöten, von der EU anerkannt und genehmigt werden.