Für Produkte, die bereits lange auf dem Markt sind, gibt es allerdings noch Ausnahmeregelungen. Das heißt, sie dürfen in gewissen Fällen trotzdem weiterverkauft werden. Der Grund dafür liegt in der Biozidrichtlinie, die vor 2012 galt. Sie regelte die Zulassungen der Mittel noch nicht so streng. Bis 2024 sollen aber auch die alten Stoffe reguliert werden. Auf der Internetseite der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin gibt es eine Datenbank, in der man alle zugelassenen Produkte nachschlagen kann.

Ob neue oder alte Substanzen: Kein Mittel hilft gegen alle relevanten Viren und Bakterien. Ist zum Beispiel Alkohol enthalten, tötet der zwar viele Bakterien ab. Er richtet aber nichts aus gegen unbehüllte Viren, zu denen der für Magen-Darm-Infektionen verantwortliche Norovirus gehört. Bestimmte desinfizierend wirkende Ammoniumverbindungen können die Zellmembranen verschiedener Mikroben angreifen, wirken aber nicht gegen Mykobakterien, zu denen Tuberkuloseerreger zählen.

Desinfektion schützt nicht besser als Seife

Wer im Haushalt viel mit antibakteriellen Mitteln reinigt, ist nicht besser vor Infektionen geschützt als jemand, der ganz normale Seifen und Waschmittel benutzt. Das zeigte eine Studie aus dem Jahr 2004. Forscher untersuchten 238 Haushalte: Eine Gruppe verwendete Reinigungsmittel mit antibakteriellen Wirkstoffen, eine andere nutzte normale Mittel. Das Ergebnis: Die Personen, die Desinfektionsmittel verwendeten, wurden nicht seltener krank als die, die es nicht taten (Annals of Internal Medicine: Larson et al., 2004).

Im Gegensatz zu Seifen töten Desinfektionsmittel zudem auch Keime ab, die eigentlich gut sind. Milliarden kleiner Mikroben bevölkern die Haut und das ist weder eklig noch gefährlich, sondern gesund. Sie helfen zum Beispiel dabei, das leicht saure Milieu der Haut aufrechtzuerhalten – ein wichtiger Schutz gegen Infektionen. Dort, wo die ungefährlichen Bakterien leben, ist außerdem kein Platz für Krankheitserreger. "Einige Bakterien produzieren auch antibiotische Substanzen, die wiederum Krankheitserreger abtöten", sagt Dieckmann. Etwa das Bakterium Staphylococcus lugdunensis, das in der Nase lebt und den Stoff Lugdunin herstellt. Der tötet Laborbefunden zufolge Stämme, die gegen andere Antibiotika resistent sind (Nature: Peschel et al, 2016). Mikroben spielen außerdem eine wichtige Rolle bei der Ausbildung des Immunsystems – Keime sind deshalb gerade für Kinder wichtig (Science: von Mutius et al, 2015). Um eine völlig keimfreie Umgebung sollten wir uns also nicht bemühen.

Auch auf lange Sicht haben die Desinfektionsmittel Konsequenzen, etwa wenn sie Resistenzen verursachen. Landen antibakterielle Mittel im Abwasser, werden sie stark verdünnt. In dieser Konzentration können sie den Keimen nichts mehr anhaben. Die Bakterien aber bilden Abwehrmechanismen gegen die Mittel. Dann vermehren sie sich und geben ihre Resistenz weiter. Teilweise entstehen auch Kreuzresistenzen zu Antibiotika, die das Bakterium auf die gleiche Weise angreifen wie das Desinfektionsmittel. Durch große Anwendung antibakterieller Stoffe erschaffen wir also gefährlichere, schwer zu besiegende Keime – statt uns zu schützen (Microbiology: Mc Cay et al, 2010).

Sobald die Mittel im Abfluss landen, behindern sie zudem Klärwerke, die Bakterien als Reinigungshelfer nutzen. Forscher konnten Rückstände von Triclosan und Chlorofen in Gewässern, Klärschlamm und Fischen nachweisen (Umweltbundesamt: Rüdel et al, 2004 und Universität Stuttgart: Kuch et al., 2003).

Sauberkeit an sich ist nichts Schlechtes. Gerade in der Küche kann fehlende Hygiene Folgen haben: Jedes Jahr werden in Deutschland mehr als 100.000 Erkrankungen gemeldet, die durch Mikroorganismen, insbesondere Bakterien, Viren oder Parasiten, in Lebensmitteln verursacht werden. Nur sind Desinfektionsmittel nicht das richtige Mittel, um das zu ändern. Im Alltag reichen normale Seifen, Putz- und Waschmittel völlig aus.