Charlie Gard ist tot. Das teilte ein Sprecher der Familie mit. Der elf Monate alte Säugling litt an einer äußerst seltenen unheilbaren Erbkrankheit und hatte bereits schwere irreparable Hirnschäden – nur die künstliche Beatmung und Ernährung hielten ihn noch am Leben (ZEIT ONLINE berichtete).

Nachdem Richter des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) den britischen Ärzten im Rechtsstreit mit den Eltern recht gegeben hatten, stellten die Mediziner am Freitag die lebenserhaltenden Maschinen ab. Der Säugling starb an den Folgen seiner schweren Behinderungen.

Charlie Gards Erbkrankheit hatte seine Mitochondrien geschädigt, kleine Zellbestandteile, die den Energiehaushalt aller Körperzellen aufrechterhalten. Deshalb litten verschiedene Organe – Muskeln, Leber und das Gehirn. Eine Chance auf Heilung gab es nicht. Die letzte Hoffnung der Eltern war eine experimentelle Therapie in den USA, die bei einer ähnlichen Erkrankung im Tierversuch erste Erfolge gezeigt hatte. Diese Therapie ist aber noch weit davon entfernt, eine Standardtherapie zu sein. An wenigen Menschen wurde sie erprobt, jedoch noch nie bei Charlies Erkrankung. Ob und wie gut sie ihm geholfen hätte, kann niemand beantworten.

Charlies Eltern wollten ihren Sohn trotzdem dieser Therapie unterziehen. Die Ärzte in Großbritannien verweigerten das, mit dem Argument, die Reise in die USA hätte Charlie nur noch mehr Leid bereitet. Sie wollten die Maschinen abstellen und klagten, um Rechtssicherheit zu haben. Nachdem der Rechtsstreit sämtliche Institutionen in England durchlaufen hatte, landete der Fall vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Das Urteil des EGMR wirft ethische Grundfragen auf. Es billigte die britischen Urteile, die der Einschätzung der Ärzte ein größeres Gewicht gaben als dem Wunsch der Eltern.

Charlies Eltern hatten sich gewünscht, dass ihr Sohn zu Hause sterben darf. Dazu kam es jedoch nicht, der Säugling wurde diese Woche vom Krankenhaus in ein Hospiz verlegt – ebenfalls gegen den Willen der Eltern. Mutter Connie Yates sagte: "Wir wollen einfach nur in Frieden mit unserem Sohn sein (…) kein Krankenhaus, keine Anwälte, keine Gerichte, keine Medien – einfach nur intensive Zeit mit Charlie (…), um uns auf die liebevollste Art zu verabschieden."

Das Urteil hat keine Auswirkungen auf die deutsche Rechtslage

Dass hierzulande in einem ähnlichen Fall Ärzte und Richter so entscheiden würden, halten Fachleute für unwahrscheinlich. "In Deutschland gilt das Recht auf Leben als besonders schützenswert", sagte Tade Spranger, Juraprofessor am Center for Life Sciences and Law an der Uni Bonn und Rechtsanwalt für biomedizinische Fragen, ZEIT ONLINE.

Dem stimmt auch Ralf Jox, Arzt und Professor für Medizinethik an der LMU München, zu: "Wenn es um Kinder geht, haben Gerichte in Deutschland in der Vergangenheit tendenziell eher für die Lebenserhaltung gestimmt." Genau wie deutsche Ärzte. Sie behandeln Kinder meist so lange, wie es noch Chancen auf Besserung gibt – auch wenn diese verschwindend gering sind.