Noch wissen Mediziner nicht genau, wie anfällig uns das schwindende Mikrobiom für allergische Erkrankungen macht. Aber Lebensumstände, Mikrobiom und ein Immunsystem, das ausrastet, hängen offenbar untrennbar zusammen. Das ist mittlerweile gut belegt: Kinder, die zu Hause entbunden werden – ohne Kaiserschnitt – leiden seltener an Asthma, Neurodermitis (Journal of Allergy and Clinical Immunology: Nimwegen et al., 2011) und Nahrungsmittelallergien (Pediatric Allergy and Immunology: Koplin et al., 2008). Nachwuchs hingegen, der im ersten Lebensjahr häufiger Antibiotika bekommen hat, neigt später im Leben eher dazu Asthma zu bekommen (Clinical and Experimental Allergy: Droste et al, 2000). Das schwindende Mikrobiom könnte auch erklären, was der Hygiene-Hypothese nicht so recht gelang. Nämlich, wieso Kinder, die auf dem Land im Schmutz eines Kuhstalls groß werden und Rohmilch trinken, seltener Allergien entwickeln (Lancet: Riedler et al., 2001).

Es könnte aber auch erklären, warum Kinder, die in jungen Jahren Antibiotika nehmen, später häufiger Morbus Crohn bekommen (American Journal of Epidemiology: Virta et al, 2012). "Wir sind inzwischen sehr sicher, dass das Mikrobiom die treibende Kraft hinter den entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa ist", sagt Jan Wehkamp, Professor für Innere Medizin am Uniklinikum Tübingen. "Bei diesen Krankheiten ist die Schleimhautbarriere angegriffen. Wahrscheinlich, weil das Mikrobiom verändert ist." Auf der Darmschleimhaut sitzt eine dicke Schicht, die ständig körpereigene Antibiotika bekommt. Eigentlich schaffen es Bakterien deshalb gar nicht erst in den Schleim hinein. In Menschen mit Morbus Crohn ist das anders. Hier dringen Mikroben dringen zu weit vor. Immunzellen im Darm greifen sie deshalb an, obwohl der Körper ansonsten friedlich mit ihnen zusammenleben würde. Blutige Durchfälle, Fieber, heftiger Bauchschmerz und ein erhöhtes Risiko an Darmkrebs zu erkranken sind die Folgen.

Bakterien aus der Tube helfen gegen Entzündungen

Neben Mitteln, die das Immunsystem bremsen, setzen Mediziner deshalb schon länger auf das Darmmikrobiom, um die Colitis Ulcerosa zu therapieren. Mit Probiotika, also Tabletten, die lebensfähige Mikroorganismen enthalten, können Krankheitsschübe verhindert werden. Sie sollen die Darmflora anreichern und wieder ins Gleichgewicht bringen. Das könnte in Zukunft auch Menschen mit Neurodermitis helfen. Erkrankte haben meist juckende und schuppende Stellen in den Knie- und Ellenbeugen und an den Handgelenken. Wahrscheinlich ist auch hier die Barrierefunktion der Haut gestört. Bestimmte Bakterien, wie etwa Staphylococcus aureus, vermehren sich und lösen eine Entzündung aus.

Mediziner haben deshalb Bakterien gezüchtet, die auf der Haut von gesunden Menschen leben und von denen man weiß, dass sie die Staphylokokken bekämpfen. Streichen Ärzte diese Keime auf juckende Hautstellen von Neurodermitis-Patienten, verdrängen sie die Staphylokokken (Science Translational Medicine: Nakatsuji et al., 2017). Klinische Studien sollen jetzt zeigen, ob diese Bakterienkur zur Therapie werden kann.

Ballaststoffreiches Essen erhöht die Vielfalt

Sind Probiotika also die Lösung gegen die Lücken im verarmenden Mikrobiom? Nicht nur. "Wir müssen den Schaden am Mikrobiom stoppen", sagt der Mikrobiologe Martin Blaser. Es sollten erst gar keine Lücken entstehen. "Das heißt: weniger Kaiserschnitte, weniger und nur noch bestimmte Antibiotika, vor allem in der Landwirtschaft und bei kleinen Kindern, mehr Stillen." Auch die Ernährung kann eine wichtige Rolle spielen. Vergangenes Jahr riefen Wissenschaftler der Uni Alberta in Kanada dazu auf, endlich wieder ballaststoffreicher zu essen (Trends in Endocrinology & Metabolism: Deehan & Walter, 2016). Denn das erhöht die Vielfalt unserer Darmmikroben.

Auch über den Magenkeim Helicobacter, Blasers Spezialgebiet, wissen wir inzwischen mehr: Sein Verschwinden mag Magenkrebs verhindern. Es führt aber gleichfalls dazu, dass weltweit Speiseröhrenkrebs häufiger wird und Menschen häufiger an Asthma erkranken. Nicht immer ist es also gut für den Menschen, wenn man die Verbindungen, die er über Jahrtausende mit Mikroben eingegangen ist, einfach kappt. Wir sollten besser auf unsere Mikroben aufpassen.