Dies ist der dritte Teil unserer Mikrobiomserie: Leben auf dem Menschen. Teil 1 finden Sie hier, Teil 2 hier.

Bauch und Psyche lassen sich nicht trennen. Fällt eine Entscheidung schwer, hören wir auf unser Bauchgefühl. Sind wir verliebt, ist ein flaues Kribbeln in der Magengegend zu spüren. Stress verursacht Bauchweh. Und Traurigkeit schlägt auf den Appetit. Kopf und Bauch verständigen sich, keine Frage. Ein wichtiger Weg der Kommunikation: die Mikroorganismen im Darm. Das zeigt sich immer deutlicher.

Darmbakterien wirken aller Wahrscheinlichkeit auf unsere Psyche. "Es dürfte keine Hirnfunktion geben, die nicht von den Bakterien unseres Darms beeinflusst wird", sagt der Hirnforscher John Cryan vom University College Cork. Warum mancher Mensch melancholisch und ein anderer extrovertiert ist, könnte in einer unterschiedlichen Zusammensetzung der Darmflora begründet liegen. Die Bakterien könnten sogar Mitverursacher schwerer psychischer Erkrankungen sein. Werden Psychiater, Psychologen und Mikrobiologen also künftig gemeinsam Depressionen, Panikattacken und vielleicht sogar  Schizophrenie behandeln?

Einen der ersten Hinweise auf die Darm-Kopf-Kommunikation lieferte Wissenschaftlern schon vor Jahren das Reizdarmsyndrom. Mehr als jeder zehnte Mensch weltweit hat es (Clinical Epidemiology: Canavan et al, 2014): Die Betroffenen klagen über Durchfälle oder Verstopfungen, Blähungen und quälende Bauchschmerzen. Beim Reizdarm sind bestimmte Mikroben häufiger, andere seltener als bei gesunden Menschen (World Journal of Gastroenterology: Distrutti et al, 2016). Gleichzeitig entwickeln viele Reizdarm-Patienten krankhafte Angstzustände, großen Stress oder Depressionen. Darm, Mikroben und Psyche hängen zusammen – das hat das Krankheitsbild den Medizinern ganz deutlich gezeigt.

Ratsanai/Getty Images
Schau mal, was da auf dir krabbelt!

Schau mal, was da auf dir krabbelt!

Iiiieeh, wir sind total verkeimt. Mikroben wuchern auf und in uns. Doch was eklig anmutet, ist lebensnotwendig. Ein Blick in unser Mikrobiom

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Das Mikrobiom

Wer sind unsere Mitbewohner?

Was Mediziner Mikrobiom nennen, umfasst all unsere mikroskopisch kleinen Mitbewohner: Viren, Pilze und vor allem Bakterien. Sie kreuchen und fleuchen an den verschiedensten Körperstellen, meist in Symbiose mit unserem Organismus.

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Die Masse macht's

Keime oder Zellen: Wer ist in der Überzahl?

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Genau richtig. 38 Billionen Bakterien stehen 30 Billionen Körperzellen gegenüber. Die meisten Bakterien gibt es übrigens im Darm. Der Inhalt des Dickdarms wäre ohne Bakterien nur halb so schwer.

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Dibyangshu Sarkar/AFP/Getty Images
Wo verstecken sie sich?

Wo verstecken sie sich?

Im Darm und im Zahnstein sind Billionen von Keimen zu Hause, im Speichel, auf der Haut, in der Vagina und im Mund sind es Milliarden.

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Vielfalt hält gesund

Korrekt! Eine hohe Bakterienvielfalt schützt meist vor Krankheit. Eine Ausnahme: Frauen, deren Vaginalflora viele verschiedene Bakterienarten hat, leiden häufiger an Pilzinfektionen und haben häufiger Frühgeburten.

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"Eine besonders wichtige Rolle spielt dabei der Vagus-Nerv", erklärt John Cryan. Er führt vom Schädel zum Bauch und verzweigt sich dabei in unzählige Äste, mit deren Hilfe der Körper beispielsweise kontrolliert, wie viel Speichel fließt, wie schnell das Herz schlägt und wie aktiv der Darm verdaut. Der Nerv trägt aber auch Informationen zum Gehirn, meldet etwa "Ich bin satt, es geht mir gut" oder "Das Herz schlägt ruhig, ich bin entspannt". Damit schafft er eine direkte Verbindung zwischen Darm und Psyche, wie auch Tierexperimente beweisen: Labormäusen, deren Vagus-Nerv man in einer Operation durchtrennt, sind anschließend weniger ängstlich (Journal of Neuroscience: Klarer et al, 2014).

Der Nerv werde von verschiedenen Substanzen angeregt, sagt Emeran Mayer, Gastroenterologe und Hirnforscher an der University of California, Los Angeles: "Einerseits von Stoffwechselprodukten, die die Darmbakterien herstellen, andererseits von Botenstoffen der Immun- und Hormonzellen im Darm." Wie viele dieser Botenstoffe die Immunzellen freisetzen, hängt wiederum von der Darmflora ab (Lesen Sie hierzu auch: Lieber Keimschleuder als Allergiker!). Zusätzlich würden die Mikroben Hunderttausende Stoffwechselprodukte herstellen, die ins Blut gelangen, sagt Mayer. "Von dort wandern manche ins Gehirn, wo sie wie Hormone wirken." 

Darmbakterien stellen Stoffe her, die im Gehirn wie Hormone wirken

Doch nicht nur das: Die Darmmikroben wirken sich auch auf die Form des Hirns aus. Erst vor wenigen Wochen haben Mediziner der University of Pennsylvania im Fachblatt Nature gezeigt, dass die Stoffwechselprodukte bestimmter Keime Mitursache für seltene, gefährliche Gefäßknäuel im Gehirn sind (Tang et al, 2017). Ebenso regulieren die Mikroben die Produktion von hormonartigen Molekülen mit, die für die Entwicklung des Gehirns wichtig sind (Neurochemical Research: Maqsood et al, 2016). Bei Patienten mit Reizdarmsyndrom prüften Forscher aus Mayers Labor, wie genau sich das Vorkommen verschiedener Bakterienarten auswirkt. Sie fanden heraus, dass die Hirnareale, in denen Gefühlsreize verarbeitet werden, bei den Menschen größer waren, die mehr Firmicuten-assoziierte Clostridien und weniger Bacteroidia im Darm hatten.

Das Gehirn bestimmt mit, was sich im Darm ansiedelt

In der Folge spiegle der Darm wie Gesichtszüge jede im Gehirn entstehende Emotion wieder, schreibt der Medizinprofessor Mayer in seinem Buch Das zweite Gehirn. Bei großem Stress zum Beispiel sorgen Nervensignale dafür, dass sich der Magen langsamer und der Darm schneller leert. "Und das hat großen Einfluss darauf, welche Bakterien sich dort ansiedeln", sagt Mayer. Ein ewiges Hin und Her gewissermaßen, das schwere Folgen haben kann.

"Inzwischen sind wir uns sehr sicher, dass die Darmmikroben einen Anteil an der Entstehung von Depression und Angststörungen haben", sagt John Cryan. Zusätzlich gäbe es Hinweise, dass auch bei Parkinson, Alzheimer-Demenz, Autismus und Schizophrenie das Mikrobiom spezifisch verändert ist. Bei Depressiven beispielsweise scheinen sich zu viele Bakterien der Gattung Bacteroides und zu wenige der Lachnospiraceae-Familie im Darm zu tummeln (Neurogastroenterology and Motility: Naseribafrouei et al, 2014).  Autistische Kinder wiederum haben weniger Bakterien der Prevotella-Familie und weniger Koprokokken im Darm (PlosOne: Kang, 2013).

Cryan arbeitet eng mit dem Psychiatrie-Professor Ted Dinan zusammen, der eine Sprechstunde für Depressive anbietet, denen herkömmliche Therapien nicht helfen – doch was ist mit den Keimen? "Wir können versuchen, die Mikroben zu benutzen, um ungünstige Veränderungen rückgängig zu machen oder psychische Erkrankungen zu behandeln", sagt Cryan.

Drei Therapieformen sind denkbar: Man könnte beispielsweise die fehlenden Darmbakterien aus dem Stuhlgang gesunder Menschen herausfiltern und dann den Patienten bei einer Magenspiegelung einsetzten. Das Verfahren wird auch Stuhltransplantation genannt. Andererseits ist es denkbar, den Patienten Probiotika zu verabreichen, lebende Bakterien wie Milchsäure-Bazillen also. Oder man gibt ihnen unverdauliche Stoffe, die das Wachstum gewisser Bakterienarten anregen.

"Emotionen beim Menschen sind komplizierter als bei Labormäusen"

In Versuchen mit Labormäusen klappt das schon ganz gut. Verpflanzt man verzagten und ängstlichen Tieren die Darmbakterien von mutigeren Genossen, werden die Mäuse furchtloser (Gastroenterology: Bercik et al, 2011). Mit Menschen laufen derzeit erste Studien. Mediziner in Mayers Forschergruppe etwa konnten zeigen, dass Joghurtessen die Emotionsverarbeitung verändert (Gastroenterology: Tillisch et al, 2013). Und französische Pharmakologen nahmen ihren Probanden ein wenig Angst, indem sie diesen einen Monat lang täglich ein Probiotikum mit Laktobazillen und Bifidobakterien gaben (British Journal of Nutrition: Messaouidi, 2011). Weitere kleine Untersuchungen zeigten sogar einen positiven Einfluss von Probiotika auf das Gemüt (Annals of General Psychiatry: Wallace et al, 2017).

Nun gilt es, das Wissen mit umfassenden Studien an Menschen auszubauen, bei denen Psychiater eine Depression oder andere psychische Erkrankung diagnostiziert haben. Tatsächlich werden diese gerade in verschiedenen Forschergruppen vorbereitet.  

Depressive könnten bald ein Darmmikroben-Screening bekommen

In Zukunft, so stellt es sich Mayer vor, könnten dann zum Beispiel Patienten mit Depression eine Untersuchung des Darmmikrobioms bekommen: Welche Bakterien enthält es? Welche fehlen? Mit Stoffen, die das Wachstum ganz bestimmter Bakterienarten fördern und so das Gleichgewicht wieder herstellen, könnte man dann jeden Patienten individuell behandeln. "Erst dann werden wir sehen, wie stark der Einfluss des Mikrobioms auf psychische Erkrankungen wirklich ist", sagt Mayer.

Bis es so weit ist, empfiehlt der Arzt seinen Patienten eine gesunde Ernährung. Die Mittelmeer-Diät zum Beispiel – viel Fisch, der Omega-3-Fettsäuren enthält, Olivenöl und Vollkorn – verbessert nachweislich die Stimmung Depressiver (BMC Medicine: Jacka et al, 2017). Auch wenn es nicht explizit untersucht wurde, sind die Mikrobiom-Forscher sich sicher: Die Darmkeime haben dazu das entscheidende Signal geliefert.