In der Folge spiegle der Darm wie Gesichtszüge jede im Gehirn entstehende Emotion wieder, schreibt der Medizinprofessor Mayer in seinem Buch Das zweite Gehirn. Bei großem Stress zum Beispiel sorgen Nervensignale dafür, dass sich der Magen langsamer und der Darm schneller leert. "Und das hat großen Einfluss darauf, welche Bakterien sich dort ansiedeln", sagt Mayer. Ein ewiges Hin und Her gewissermaßen, das schwere Folgen haben kann.

"Inzwischen sind wir uns sehr sicher, dass die Darmmikroben einen Anteil an der Entstehung von Depression und Angststörungen haben", sagt John Cryan. Zusätzlich gäbe es Hinweise, dass auch bei Parkinson, Alzheimer-Demenz, Autismus und Schizophrenie das Mikrobiom spezifisch verändert ist. Bei Depressiven beispielsweise scheinen sich zu viele Bakterien der Gattung Bacteroides und zu wenige der Lachnospiraceae-Familie im Darm zu tummeln (Neurogastroenterology and Motility: Naseribafrouei et al, 2014).  Autistische Kinder wiederum haben weniger Bakterien der Prevotella-Familie und weniger Koprokokken im Darm (PlosOne: Kang, 2013).

Cryan arbeitet eng mit dem Psychiatrie-Professor Ted Dinan zusammen, der eine Sprechstunde für Depressive anbietet, denen herkömmliche Therapien nicht helfen – doch was ist mit den Keimen? "Wir können versuchen, die Mikroben zu benutzen, um ungünstige Veränderungen rückgängig zu machen oder psychische Erkrankungen zu behandeln", sagt Cryan.

Drei Therapieformen sind denkbar: Man könnte beispielsweise die fehlenden Darmbakterien aus dem Stuhlgang gesunder Menschen herausfiltern und dann den Patienten bei einer Magenspiegelung einsetzten. Das Verfahren wird auch Stuhltransplantation genannt. Andererseits ist es denkbar, den Patienten Probiotika zu verabreichen, lebende Bakterien wie Milchsäure-Bazillen also. Oder man gibt ihnen unverdauliche Stoffe, die das Wachstum gewisser Bakterienarten anregen.

"Emotionen beim Menschen sind komplizierter als bei Labormäusen"

In Versuchen mit Labormäusen klappt das schon ganz gut. Verpflanzt man verzagten und ängstlichen Tieren die Darmbakterien von mutigeren Genossen, werden die Mäuse furchtloser (Gastroenterology: Bercik et al, 2011). Mit Menschen laufen derzeit erste Studien. Mediziner in Mayers Forschergruppe etwa konnten zeigen, dass Joghurtessen die Emotionsverarbeitung verändert (Gastroenterology: Tillisch et al, 2013). Und französische Pharmakologen nahmen ihren Probanden ein wenig Angst, indem sie diesen einen Monat lang täglich ein Probiotikum mit Laktobazillen und Bifidobakterien gaben (British Journal of Nutrition: Messaouidi, 2011). Weitere kleine Untersuchungen zeigten sogar einen positiven Einfluss von Probiotika auf das Gemüt (Annals of General Psychiatry: Wallace et al, 2017).

Nun gilt es, das Wissen mit umfassenden Studien an Menschen auszubauen, bei denen Psychiater eine Depression oder andere psychische Erkrankung diagnostiziert haben. Tatsächlich werden diese gerade in verschiedenen Forschergruppen vorbereitet.  

Depressive könnten bald ein Darmmikroben-Screening bekommen

In Zukunft, so stellt es sich Mayer vor, könnten dann zum Beispiel Patienten mit Depression eine Untersuchung des Darmmikrobioms bekommen: Welche Bakterien enthält es? Welche fehlen? Mit Stoffen, die das Wachstum ganz bestimmter Bakterienarten fördern und so das Gleichgewicht wieder herstellen, könnte man dann jeden Patienten individuell behandeln. "Erst dann werden wir sehen, wie stark der Einfluss des Mikrobioms auf psychische Erkrankungen wirklich ist", sagt Mayer.

Bis es so weit ist, empfiehlt der Arzt seinen Patienten eine gesunde Ernährung. Die Mittelmeer-Diät zum Beispiel – viel Fisch, der Omega-3-Fettsäuren enthält, Olivenöl und Vollkorn – verbessert nachweislich die Stimmung Depressiver (BMC Medicine: Jacka et al, 2017). Auch wenn es nicht explizit untersucht wurde, sind die Mikrobiom-Forscher sich sicher: Die Darmkeime haben dazu das entscheidende Signal geliefert.