Viele Wege führen in die Schlafstörung. Einige davon beschreiten wir selbst. So schlafen sehr viele Berufstätige in Industriestaaten heute chronisch zu wenig, gehen zu spät schlafen und stehen auf, wenn die innere Uhr noch nicht bereit ist dazu. Dann wieder möchte man Schlaf zur falschen Zeit erzwingen, weil man am Morgen fit sein muss für das Meeting, weil der 18-Stunden-Flug sonst allzu quälend wäre oder weil man an drei Festivaltagen alles mitbekommen will.

Sparen, ausgeben, überziehen

Nur – funktioniert das? Können wir Schlaf wie Geld auf ein Konto legen und abheben, wann wir wollen? Und was, wenn wir ins Dispo geraten? Die Wissenschaft hat diese Fragen äußerst sparsam bearbeitet. Nicht zufällig stammt eine der ersten maßgeblichen Studien zum Sleep-Banking, wie Forscher flapsig sagen (Sleep: Rupp et al., 2009), aus einem Umfeld, das regelmäßig Schlaf raubt und gleichzeitig Leistung erfordert: aus dem Militär. Das interessierte sich überdies sehr früh für den Mechanismus, der es Zugvögeln erlaubt, tagelang ohne Schlaf zu fliegen, und vor allem die pharmakologische Substanz Modafinil (Aviation, Space, and Environmental Medicine: Lyons, French, 1991). Modafinil ist inzwischen die Standardmedikation gegen Narkolepsie. Die Sache mit den Vögeln ist nicht abschließend geklärt.

Aber zurück zur Wissenschaft. In der Studie der Schlafforscherin Tracy Rupp und ihrer Kollegen schliefen 24 Versuchspersonen zwischen 18 und 39 Jahren im Labor. Die eine Hälfte blieb eine Woche lang täglich zehn statt sieben Stunden im Bett, wo sie so lange schlafen sollte, wie sie konnte. Danach durften alle eine Woche lang nur jeweils maximal drei Stunden schlafen, anschließend fünf Nächte acht Stunden. Der Effekt: Wer in der ersten Woche länger geschlafen hatte, zeigte nach den zu kurzen Nächten geringere Einbrüche, was die Aufmerksamkeit angeht, und erholte sich schneller von den Folgen des Schlafentzugs.

Eine ähnliche Studie legten kürzlich Pierrick Arnal und seine Kollegen vor, die im Auftrag des biomedizinischen Forschungsinstituts der französischen Armee und für zivile Zwecke forschen (Sleep: Arnal et al., 2015). 14 junge erwachsene Männer nahmen teil. Die Hälfte von ihnen blieb sechs Nächte lang acht Stunden lang im Bett – die andere knapp zehn, zum Vorschlafen. Nach der letzten Nacht blieben alle 38 Stunden wach. In dieser Zeit wurde zehnmal getestet, wie schnell sie einschliefen, sobald sie sich hinlegen durften, und wie es objektiv um ihre Aufmerksamkeit bestellt war. Die anschließende Nacht durften alle zehn Stunden durchschlafen; im Laufe des folgenden Tages wurden alle noch dreimal getestet.

Das Ergebnis: Die Teilnehmer, die vorgeschlafen hatten, arbeiteten nach dem Schlafentzug deutlich schneller, sie machten weniger Fehler, und sie schliefen auch nicht sofort ein, wenn sie sich mal hinlegten. Vorschlafen hatte sämtliche Folgen des Schlafentzugs abgemildert, so die Erkenntnis – die sich allerdings angesichts der relativ wenigen Teilnehmer nicht ohne Weiteres generalisieren lässt.

Nun ist es alles andere als neu, dass man konzentrierter und geistig fitter ist, wenn man besser geschlafen hat. Neu ist, dass das bis zum übernächsten Tag vorhält, selbst wenn man eine Nacht nicht schläft. Dass die Zeitschrift Sleep die Ergebnisse der Studie des Teams um Pierrick Arnal noch ausführlich diskutierte (Axelsson und Vyazovskiy, 2015), hatte mit etwas Drittem zu tun: Diejenigen, denen die Forscher vor der 38-stündigen Wachzeit zwei Stunden mehr im Bett gaben, schliefen immerhin im Schnitt eine gute Stunde mehr, wie die Schlaflabordaten zeigten. Und das ist keineswegs selbstverständlich: Man kann die natürliche Schlafdauer nämlich nicht nach Belieben ausdehnen. Mehr Zeit im Bett bedeutet also nicht automatisch mehr Schlaf.

Schlafen gegen die Natur

Wann gesunde Erwachsene gut einschlafen und wie lange sie dann schlafen, hängt vor allem von zwei Faktoren ab: Von der inneren Uhr, also der Chronobiologie, und vom Gleichgewicht zwischen Wach- und Schlafphasen, etwas, was Forscher Homöostase (American Journal of Physiology: Daan et al, 1984) nennen. Wer beides ignoriert, schläft unweigerlich schlecht oder gar nicht.

Solange wir wach sind, baut sich das auf, was wir Schlafdruck nennen. Nur wenn der ausreicht, können wir eine ganze Nacht durchschlafen. Bei den meisten Menschen dauert es ungefähr 16 Stunden, bis sie wieder einschlafen können. Natürliche Kurzschläfer brauchen etwas länger, Langschläfer kürzer.