Soll es Homosexuellen erlaubt werden, Blut zu spenden? Seit Jahren wird das in Deutschland diskutiert. Statistisch gesehen sind Männer, die mit Männern Sex haben, häufiger mit HIV oder Hepatitis C infiziert. Deshalb wurden sie bisher pauschal und dauerhaft vom Blutspenden ausgeschlossen. Jetzt haben die Bundesärztekammer und das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) eine neue Richtlinie erarbeitet, die ZEIT ONLINE vorliegt. Was sich ändern soll? Hier ein Überblick:


Was ist neu?

Bisher durfte jeder Mann, der im Fragebogen vorm Blutspenden angab, Sex mit einem Mann gehabt zu haben, nie wieder Blut spenden. Egal, ob das immer Safer Sex war, ob er einen festen Partner hatte oder Ähnliches. Genauso pauschal wurden etwa Prostituierte – männliche wie weibliche – als Blutspender abgelehnt: für immer. Künftig sollen Menschen, die zu solchen Risikogruppen zählen, "zurückgestellt" werden, auf eine Art Warteliste. Wenn sie nach einem Jahr keine Risikokontakte mehr hatten, dürfen Sie Blut spenden.

Ab wann gilt das?

Im Prinzip ab sofort. Online steht die überarbeitete Richtlinie bereits. Im aktuellen Deutschen Ärzteblatt ist zu lesen, dass der Vorstand der Bundesärztekammer sie schon im Februar "gemäß Transfusionsgesetz im Einvernehmen mit dem Paul-Ehrlich-Institut", beschlossen hat und die bisherigen Richtlinien zur Blutspende gegenstandslos seien. Das PEI habe am 26. Juni zugestimmt. Am Montag will die Ärztekammer die neue Richtlinie vorstellen.

Warum überhaupt eine Änderung?

Weil es diskriminierend sein könnte, Menschen aufgrund ihrer sexuellen Neigung pauschal und lebenslang vom Blutspenden auszuschließen. Darüber jedenfalls wird seit Jahren debattiert. Die deutsche Regelung beruht auf einer EU-Richtlinie, der zufolge Personen, deren Sexualverhalten ein hohes Risiko für durch Blutkonserven übertragbare Infektionen mit sich bringt, kein Blut spenden dürfen.

Der Europäische Gerichtshof hatte diese Praxis zwar im Jahr 2015 in einem Urteil als rechtens bestätigt, aber Einschränkungen formuliert: Die Richter urteilten, dass homosexuelle Männer nur unter besonderen Umständen pauschal ausgeschlossen werden dürften – nämlich nur dann, wenn durch ihr Sexualverhalten tatsächlich ein hohes Übertragungsrisiko für Krankheiten besteht. Nur falls es keine wirksamen Techniken zum Nachweis von zum Beispiel HI-Viren in Blutkonserven gäbe, wäre ein Ausschluss zulässig.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hatte in der Folge vor einem Jahr zugesagt, dass überprüft werden solle, ob ein Dauerausschluss noch notwendig sei. Sollte es "neuere Testverfahren für Blutproben und eine bessere Einschätzung des Ansteckungsgeschehens" geben, könne ein befristeter Spenderausschluss als Schutzmaßnahme ausreichend sein. Eine Arbeitsgruppe aus Ärztekammer, PEI, Robert Koch-Institut und Ministerium kam zu dem Ergebnis, dass nach zwölf Monaten ohne Sexualkontakte zu einem Mann, kein erhöhtes Risiko bestehe und die Blutspende daher sicher sei.

Sex oder Leben retten – das ist nicht diskriminierend?

Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD), aber auch Wissenschaftler kritisieren die generelle Einteilung von Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), in eine Risikogruppe als "diskriminierend". Sexuelle Beziehungen zwischen Männern seien nicht per se ein Sexualverhalten mit einem hohen Übertragungsrisiko für durch Blut übertragbare schwere Infektionskrankheiten wie etwa HIV. Entscheidend für das Risiko sei neben der individuellen Anzahl von Sexualpartnern vor allem, wie Sexualkontakte im Hinblick auf die Vermeidung von Infektionen gestaltet würden. "Das Risiko bemisst sich danach, ob Sexualpraktiken safe oder unsafe sind, nicht danach, ob sie homo- bzw. heterosexuell sind", schreibt der LSVD.

Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aids-Hilfe, sagte ZEIT ONLINE: "Die Lockerung des pauschalen Ausschlusses schwuler und bisexueller Männer ist ein Schritt in die richtige Richtung, geht aber nicht weit genug." Eine HIV-Infektion könne man heute sechs Wochen nach dem letzten Risiko sicher ausschließen. Diese Frist wäre nachvollziehbar. "Nicht akzeptabel und völlig unverständlich ist zudem die gesonderte Nennung von 'transsexuellen Personen mit sexuellem Risikoverhalten'", sagte Wicht. England und Schottland seien bereits weiter: Dort gelte ab 2018 eine Frist von nur noch drei Monaten.

Homosexuelle als Risikogruppe – ist das denn falsch?

Nein. Statistisch gesehen nicht. An Blutkonserven hatten sich Ende der 1980er Jahre viele Tausend Menschen mit HIV/Aids oder Hepatitis C infiziert. In der Folge beschlossen Ärzte, besonders vorsichtig zu sein und lieber mehr als weniger Menschen auszuschließen. Dazu gehörten auch Männer, die mit Männern Sex haben. Auf sie entfallen noch immer mehr als die Hälfte aller HIV-Neudiagnosen (Robert Koch-Institut (RKI), 2014; pdf). Von ungefähr 83.000 mit HIV Infizierten sind fast 54.000 Männer, die mit Männern Sex haben (RKI, 2015).

dpa
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Tatsächlich: Schnelltests bringen nach einer halben Stunde ein erstes Ergebnis. Machen sollte man sie aber erst zwölf Wochen nach dem ungeschützten Sex – sonst sind sie zu unsicher. Am Ende muss man also länger bangen als nach dem Labortest.

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Und woher weiß man, wer mit wem Sex hatte?

Diese Informationen werden erhoben, indem Spender einen Fragebogen ausfüllen. Spender müssen dabei nicht nur persönlichen Daten angeben, sondern auch Fragen zu ihrer Gesundheit, ihrem Lebensstil, früheren Erkrankungen, zu eingenommenen Medikamenten, Impfungen oder Auslandsaufenthalten beantworten. Mit ihrer Unterschrift bestätigen sie meist Sätze wie: "Ich versichere dem Blutspendedienst XY, dass ich zu keiner der auf dem Formular genannten Risikogruppen gehöre oder früher angehört habe." Dass hier jemand schummelt, kann aber nie ausgeschlossen werden.