Viele Deutsche schwören auf ihre Heilkraft, immer mehr Krankenkassen zahlen für Globuli und homöopathische Tropfen. Doch hinter der Erfolgsgeschichte der Homöopathie stecken vor allem logische Fehlschlüsse und systematische Verzerrungen im Denken. Und vor denen ist niemand gefeit. Wir alle erliegen ihnen hin und wieder. Gerade in der Homöopathie halten sich Scheinargumente, die auf Denkfehlern fußen, hartnäckig. Vermutlich weil das Image einer sanften und natürlichen Heilung sehr anziehend wirkt und viele diesem Versprechen glauben möchten. Im Folgenden entkräften wir die gängigsten Argumente der Homöopathie-Befürworter.

1. "Aber mir hat's geholfen!"

Die Homöopathie hat zwei Hauptprobleme: So zeigen methodisch hochwertige, unabhängige Studien ebenso wie die Gesamtbetrachtung des Forschungsstands, dass ihre Mittel nicht arzneilich wirken. Zudem ist ihr Ansatz aus naturwissenschaftlicher Sicht höchst unplausibel: Die betreffenden Arzneimittel enthalten oft nicht einmal Wirkstoffe. Trotzdem glauben viele Menschen daran. Das häufigste Argument lautet: "Aber mir hilft's!" Solche anekdotischen Belege sind psychologisch äußerst überzeugend und auch nicht unbedingt unvernünftig. Allerdings ist persönliche Erfahrung nicht immer ein guter Ratgeber. Der menschliche Organismus ist extrem komplex, und so kann der Verlauf einer Erkrankung von sehr vielen Faktoren abhängen. Es ist praktisch unmöglich, diese in der eigenen Wahrnehmung voneinander zu trennen. Wer ein Mittel einnimmt und dann feststellt, dass sich sein Befinden bessert, kann nicht wissen, was passiert wäre, wenn er gar nichts getan oder eine Pille ohne Wirkstoff eingenommen hätte.

Die Autorin Natalie Grams ist Ärztin und ehemalige Homöopathin. Seit den Recherchen für ein Globuli-Buch sieht sie die Homöopathie kritisch und klärt über fehlende Wirknachweise auf. Die ZEIT berichtete über Anfeindungen gegen sie. © privat

Hinzu kommt, dass unser Erleben oft durch psychologische Effekte verzerrt wird, die uns nicht bewusst sind. Ein besonders wichtiger ist der Bestä­tigungsfehler: Wer eine bestimmte Meinung hat, findet in der Regel Belege dafür, dass diese zutrifft. Der Sozialpsychologe Harold H. Kelley (1921-2003) demonstrierte in einem klassischen Versuch, wie Meinungen unsere Wahrnehmung beeinflussen. Er ließ zwei Gruppen von Studenten einen Vertretungsdozenten beurteilen. Der ersten Gruppe wurde der Dozent vorab als herzlich beschrieben, der zweiten als eher kühl. Die erste Gruppe beurteilte ihn daraufhin positiver als die zweite, obwohl beide dieselbe Vorlesung besucht hatten.

Ein solcher Effekt kann sich auch bei einer medizinischen Behandlung einstellen. Wer erwartet, dass eine Pille hilft, dem wird es häufig allein deshalb besser gehen. Außerdem kann eine positive Erwartungshaltung dazu führen, dass man leichter Belege für die Wirksamkeit findet. Vage Vorhersagen begünstigen dies. Homöopathen sagen mitunter alle möglichen Behandlungsergebnisse voraus: "Entweder das Medikament schlägt an, oder es dauert eine Weile, bis es besser wird. Vielleicht tritt aber auch eine Erstverschlimmerung ein, so dass sich Ihr Befinden zunächst verschlechtert. Wenn länger nichts passiert, schlägt das Medikament bei Ihnen nicht an. Dann müssen wir noch einmal schauen." Damit sind alle Möglichkeiten abgedeckt. Eine davon muss eintreten, und die kann der Patient als Bestätigung heranziehen.

Nikil Mukerji ist Philosoph sowie Fach- und Sachbuchautor (u.a. "Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands", 2017). Er schreibt als Gastautor für "Gehirn&Geist" und "spektrum.de". Außerdem ist er Geschäftsführer des Executive-Studiengangs Philosophie Politik Wirtschaft (PPW) an der LMU München und freiberuflicher Berater für das Institut für Argumentation in München. © Jan Greune/Nikil Mukerji

Wenn es um medizinische Fragen geht, sollte man einzelnen Erfahrungsberichten also mit einer ordentlichen Portion Skepsis begegnen. Hinreichende Gewissheit über die Wirkung einer medizinischen Behandlung bringen nur systematische Studien.

2. "Es gibt doch Studien, die zeigen: Es wirkt."

Homöopathen wenden oft ein, dass es ja Studien gibt, die eine Wirkung ihrer Methode nahelegen. Das stimmt. Wer daraus jedoch folgert, ihre Wirksamkeit sei damit bewiesen, begeht einen Fehlschluss – aus mehreren Gründen. Jede Studie hat eine gewisse Irrtumswahrscheinlichkeit, die durch den so genannten p-Wert gemessen wird. Gemeinhin wird eine Studie als "statistisch signifikant" angesehen, wenn der p-Wert fünf Prozent oder kleiner ist. Das bedeutet, dass man das erzielte Resultat mit einer Wahrscheinlichkeit von fünf Prozent oder weniger auch dann erhalten hätte, wenn tatsächlich keine Wirkung besteht. Das ist in etwa die Wahrscheinlichkeit, mit zwei Würfeln, die gleichzeitig geworfen werden, eine Eins und eine Zwei zu werfen. Die Wahrscheinlichkeit eines irrtümlich positiven Testergebnisses ist also gering. Allerdings steigt sie mit der Anzahl der Studien an. Wenn Sie zwei Würfel 13-mal werfen, dann liegt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie einmal die Kombination von Eins und Zwei bekommen, bei über 50 Prozent! Wenn Sie Studien mit einem wirkungslosen Medikament durchführen, dann beträgt die Wahrscheinlichkeit dafür, mindestens ein statistisch signifikantes Ergebnis zu erhalten, bei 14 Studien also mehr als 50 Prozent. Es gibt mittlerweile mehrere hundert Studien zur Homöopathie. So ist leicht zu erklären, dass es positive Ergebnisse gibt, obwohl die betreffenden Mittel nicht wirken.

Je mehr wir uns wünschen, dass etwas wahr ist, desto vorsichtiger müssen wir sein. Die Behauptung eines Beobachters genügt nie.
Carl Sagan, Astronom

Es existieren jedoch mehr Studien pro Homöopathie, als man allein auf Grund der Irrtumswahrscheinlichkeit erwarten würde. Einige davon weisen aber gravierende methodische Mängel auf. Deswegen machen Metastudien und systematische Überblicksarbeiten, die solche methodisch schwachen Studien einbeziehen, deutlich, dass sich hieraus keine verlässlichen Schlüsse ziehen lassen. Diejenigen Reviews, die den Forschungsstand zusammenfassen und nur hochwertige Untersuchungen berücksichtigen, stufen die Homöopathie dagegen als arzneilich unwirksam ein. Hinzu kommt, dass positive Studienergebnisse mit etwa doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit veröffentlicht werden wie negative. Dieses als "publication bias" bekannte Phä­nomen ist ein allgemeines Problem im Bereich der medizinischen Forschung, es betrifft nicht allein die Homöopathie. Wenn man alle diese Aspekte zusammennimmt, ergibt die gegenwärtige Forschungslage, dass homöopathische Arzneimittel sehr wahrscheinlich nur durch den Placeboeffekt wirken.

© Peter Macdiarmid/Getty Images
Was bringen Globuli?

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Die Deutschen lieben Homöopathie. Auch wenn Experten sie seit 200 Jahren anzweifeln. Denn sie kann gar nicht wirken.

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Wann entstand die Homöopathie?

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Falsch. Die Homöopathie hat sich Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt. Die Menschen suchten Alternativen zur damals oft brutalen Schulmedizin. Die Nationalsozialisten überprüften tatsächlich die Homöopathie auf ihre Wirkung, stellten aber fest, dass sie nicht wirkt.

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Hulton Archive/Getty Images
Er begründete die Homöopathie

Er begründete die Homöopathie

Samuel Hahnemann ist der Vater der vermeintlichen Heilmethode. Das Konzept dachte er sich allein aus – und prüfte es in Selbstversuchen.

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Samuel Hahnemann

Samuel Hahnemann

Begründer der Homöopathie.

"Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden."

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