Auf seiner Digitaluhr springen die Zahlen. Er drückt den Lichtschalter, doch die Lampe bleibt an. Spätestens jetzt weiß er: Das ist nicht real. Der Film Waking Life aus dem Jahr 2001 spielt komplett im Traum des Protagonisten. Als der Mann ohne Namen merkt, dass er träumt, fängt er an, seinen Traum zu steuern: Und plötzlich kann er fliegen!

Das ist kein Science Fiction. Mehr als jeder Zweite hat schon mal bewusst erlebt, wie er träumt: Luzide Träume oder Klarträume sagen Schlafforscher dazu. Nur einer von fünf Menschen hat sie regelmäßig (Consciousness and Cognition: Saunders et al., 2016). Einigen wenigen gelingt es sogar, die Handlung ihres Traums zu beeinflussen.

Viele Mythen ranken sich darum, was in diesem Zustand möglich ist: Kreativer werden, Sportarten trainieren oder Albträume besiegen? Manches davon haben Wissenschaftler untersucht und herausgefunden: Das reale Leben lässt sich durch Klarträume in manchen Fällen tatsächlich optimieren. Doch die Technik hat Grenzen und Risiken.

Besser Snowboarden dank Traumtraining?

Klarträume faszinieren die Menschen schon lange. Bereits die alten Griechen beschäftigten sich damit. Moderne empirische Forschung entwickelte sich allerdings nur langsam. Der Traumforscher Léon d’Hervey de Saint-Denys veröffentlichte im 19. Jahrhundert ein Buch über das luzide Träumen. Darauf folgten Aufsätze und Werke anderer Wissenschaftler und Philosophen. Doch erst der Psychologe Stephen LaBerge erbrachte in den 1970er Jahren den experimentellen Nachweis im Schlaflabor, wo man unter anderem die Augenbewegungen der Träumenden misst. In Deutschland beschäftigte sich der verstorbene Psychologe Paul Tholey als Erster wissenschaftlich mit dem Thema. Er prägte den Begriff Klarträumen.

Tholey, der auch Sportwissenschaftler war, setzte sich unter anderem mit der Frage auseinander, ob Trainieren im Klartraum die Fertigkeiten im Wachzustand verbessert. Er selbst soll Bewegungsabläufe aus Snowboarding oder Skateboardfahren im Traum immer wieder geübt haben. Er versicherte, das habe ihm geholfen.

Doch lassen sich solche gefühlten Trainingserfolge auch messen? Bislang gibt es nur Nachweise für kleine motorische Aufgaben. Einen davon hat der Schlaf- und Sportwissenschaftler Daniel Erlacher von der Universität Bern erbracht.

2015 ließen er und sein Kollege Tadas Stumbrys Teilnehmer einer Studie eine bestimmte Tastenabfolge auf einer Tastatur im Traum trainieren (Journal of Sports Sciences: Stumbrys et al., 2015). Sie teilten ihre Probanden in vier Gruppen ein: Eine trainierte die Aufgabe im Wachzustand physisch, die zweite nur in Gedanken, die dritte Gruppe übte im Klartraum. Die Kontrollgruppe vertiefte die Aufgabe nicht.

Das Ergebnis: Wer die Tippabfolge im Traum übte, konnte sich genauso verbessern wie diejenigen, die im Wachzustand trainiert hatten. Erlachers Stichprobe war jedoch nur klein: 68 Personen. Mehr Probanden aufzutreiben, ist auf diesem Forschungsgebiet naturgemäß schwierig.