Job verloren? "Eine tolle Chance, endlich was Spannenderes zu machen!" Fleck im Hemd? "Da nähe ich mir endlich meinen schönen Aufnäher drauf!" Auto springt nicht an? "Ich wollte eh mehr Radfahren." Alles eine Frage der Perspektive! Selbsternannte Glücks-Coaches füllen massenhaft Bücher mit Tipps und Ratschlägen zum positiven Denken. Und natürlich kauft man die gern: Wer will nicht erfolgreicher, glücklicher und attraktiver sein?

Aber ist es wirklich gesund, auszublenden, dass man für etwas zu faul war? Dass man richtig Pech hatte? Oder ein echtes Problem hat – Schulden, den falschen Partner, den falschen Job oder eine Krankheit zum Beispiel? Tatsächlich können Menschen, die sich einen künstlichen Optimismus antrainieren, den Blick für die Realität verlieren – und am Ende vor lauter positiver Energie scheitern, statt weiterzukommen.

Die amerikanische Journalistin Barbara Ehrenberg vertritt diese These schon seit einigen Jahren. Nach einer Krebserkrankung kritisierte sie das Positivdenken: Ein bösartiger Tumor sei nun einmal nichts Gutes – und es sei gefährlich, den Leuten weißzumachen, dass Optimismus sie heilen könnte. Optimismus? Für Ehrenberg auch Selbsttäuschung und eine Verdrängung der Realität. Doch das positive Denken lasse sich gut vermarkten, sagt sie, das mache es so erfolgreich.

Schon vom defensiven Pessimismus gehört?

Es gibt Studien, die Ehrenberg zumindest in Teilen Recht geben. Vor allem, indem sie Ergebnisse von Optimismus-Befürwortern widerlegen. Der amerikanische Psychologe Daniel Spiegel hat beispielsweise festgestellt, dass eine Gruppentherapie, in der sich die Teilnehmerinnen positive Gedanken machen, die Heilung von Brustkrebspatientinnen unterstützen kann (Cancer: Spiegel et al., 2007). Eine andere Forschergruppe widerlegte seine These – durch pure Rechnerei (Coyne et al.). Das Thema ist bis heute umstritten: Studien, die einen positiven Effekt von Optimismus auf die Gesundheit zeigen, stehen Studien gegenüber, die statistische Fehler in den Untersuchungen offenbaren und die Thesen ins Wanken bringen.

Auch die Psychologin Astrid Schütz sieht das Thema mit geteilter Meinung. Die Professorin beschäftigt sich schon lange mit Optimismus und Pessimismus und hat die Vor- und Nachteile des positiven Denkens unter anderem in einem Sachbuch diskutiert (Schütz und Hoge: Positives Denken – Vorteile, Risiken, Alternativen, 2007). Schütz glaubt nicht, dass Optimismus all unsere Probleme lösen kann. Ein paar negative Gedanken zwischendurch könnten manchen Menschen sogar weiterhelfen. Zum Beispiel durch das Konzept des defensiven Pessimismus, der unter anderem von der Psychologin Julie Norem geprägt wurde. "Wenn Leute große Angst vor einem Vorstellungsgespräch haben, dann kann es hilfreich für sie sein, sich vorzustellen, was alles schiefgehen kann", erklärt Schütz das Konzept. Das soll Betroffene nicht zum Verzweifeln bringen, sondern dazu ermuntern, Gegenmaßnahmen zu ergreifen und sich so sicherer zu fühlen: "Also noch eine Feinstrumpfhose einpacken, falls die erste reißt, und die Präsentation noch auf einem Stick mitnehmen, falls der Laptop nicht funktioniert."

Wer mit Schlimmem rechnet, bereitet sich eher vor

Zu viel Optimismus kann sich derweil auch negativ auf auf unser Risikoverhalten auswirken. Es gibt Studien, die zeigen, dass Optimisten etwa beim Glücksspiel riskanter agieren und sich eher überschätzen (Personality and Social Psychology Bulletin: Gibson und Sanbonmatsu, 2004). "Ein übertriebener Optimist könnte auch denken: Wieso brauche ich einen Helm beim Motorrad fahren, es geht doch sowieso alles gut. Das kann dann gefährlich werden", sagt Schütz.

Ein weiteres Argument: Optimisten merken manchmal nicht, dass sie sich überarbeiten. Mit der Einstellung "Ich kann alles schaffen" nähmen sie jede Aufgabe an, bis sie irgendwann überfordert seien. "Das kann auch zum Burn-out führen", sagt Schütz. Auch in diesem Fall seien Pessimisten, die von vornerein davon ausgehen, dass sie die Aufgabe nicht bewältigen können, eher im Vorteil.

Auch ein chinesisches Forscherteam entdeckte einen möglichen Vorteil für Pessimisten: Die Wissenschaftler befragten 200 über 60-Jährige nach ihren Erwartungen für die Zukunft zu Punkten wie Zufriedenheit und Gesundheit. Ihr Ergebnis: Diejenigen, die eher negativ eingestellt waren und zum Beispiel schon mit gesundheitlichen Problemen gerechnet hatten, gingen diese auch schneller an. Insgesamt ging es dieser Gruppe dadurch am Ende der Befragung besser (Psychology and Aging: Cheng et al, 2009). Auch wenn die Autoren selbst sagen, dass es noch größere Untersuchungen braucht, um die These zu sichern, klingt die Grundüberlegung logisch: Wer nicht mehr richtig hören kann und das einsieht, beschafft sich schneller ein Hörgerät als jemand, der das Problem kleinredet.

"Grundlegend hat Optimismus viele Vorteile"

Wer jetzt aber damit liebäugelt, sich seinen negativen Gedanken hinzugeben und allen Optimismus aufzugeben: Halt, so einfach ist es auch nicht. Positiv gestimmt durch die Welt zu laufen, ist nichts Schlechtes.

"Grundlegend hat Optimismus viele Vorteile", sagt auch Astrid Schütz. Vermutlich würden wir Menschen viele Dinge nicht angehen, wenn nicht die meisten von uns einen moderaten Optimismus hätten. Heiraten zum Beispiel – obwohl zahlreiche Ehen scheitern. Niemand glaubt wohl zum Zeitpunkt der Eheschließung, dass genau seine Ehe scheitert. Auch ein Start-up würde wohl niemand gründen, der gleich das Schlimmste erwartet. "Optimismus bringt uns dazu, Dinge anzugehen, die funktionieren können, aber mit Risiken behaftet sind", sagt Schütz. Gesellschaftlich gesehen sei das ein großer Vorteil. Dass Menschen eines Tages in Maschinen fliegen würden – ohne Optimisten wären die Pioniere dieser Technik vielleicht nie aktiv geworden. Sicher war diese Idee nicht für jeden gewinnbringend, der es mit dem Fliegen versuchte, aber die Gesellschaft hat der Optimismus der Einzelnen weitergebracht.

Optimismus bringt uns dazu, Dinge anzugehen, die funktionieren können, aber mit Risiken behaftet sind.
Astrid Schütz, Psychologin

Grundsätzlich ist ein moderater Optimismus eine natürliche menschliche Eigenschaft – das zeigte zum Beispiel die Forscherin Shelley Taylor in mehreren Studien. Sie entwickelte das Konzept der positiven Illusion, das besagt, dass der gesunde Mensch alles ein bisschen positiver sieht, als es eigentlich ist (Psychological Bulletin: Taylor et al., 1994). Wir versuchen fast allem etwas Gutes abzugewinnen. Das gibt uns das Gefühl, dass wir eine Situation unter Kontrolle haben – und unser Leben im Griff. Shelley kam aber auch zu dem Schluss, dass damit Schluss ist, sobald wir mit einer wirklichen Gefahr konfrontiert werden. Spätestens dann legen wir die rosarote Brille ab.

Einige von Shelleys Untersuchungen zeigten auch, dass positive Gedanken sich auch auf unser körperliches Wohl auswirken können. In einer Studie untersuchte sie die mentale Einstellung und den Krankheitsverlauf HIV-infizierter Männer. Ihr Ergebnis: Diejenigen, die sich der Krankheit zuversichtlich entgegenstellten, blieben gesünder als Erkrankte mit einer negativen Grundeinstellung. Wer fest davon ausging, bestimmte Symptome zu erleiden, bekam sie auch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit als ein Erkrankter, der einen guten Verlauf erwartete (American Psychologist: Taylor et al., 2000). Zwar beziehen sich die Ergebnisse auf eine bestimmte Krankheit, aber es gibt noch weitere Ergebnisse, die die These vom gesunden Optimisten unterstützen. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2009 kam nach Untersuchung von 83 Studien beispielsweise zu dem Schluss, dass Optimismus eindeutig ein Faktor für eine positive Entwicklung der Gesundheit sei (Annals of Behavioral Medicine: Rasmussen et al., 2009). Die Vermutung einiger Forscher: Menschen, die positiv gestimmt an ihre Krankheit herangehen, glauben an eine Heilung und suchen mitunter aktiver nach medizinischen Informationen, nehmen eher an Behandlungen teil und steigern sich nicht in ihre Symptome hinein. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass sie die Erkrankung akzeptieren und nicht, wie oben schon beschrieben, so optimistisch sind, dass sie gesundheitliche Probleme komplett ignorieren.

Aber können wir am Ende überhaupt beeinflussen, ob wir eher optimistisch oder pessimistisch sind? Oder ergibt es gar keinen Sinn, darüber nachzudenken, welche Seite überzeugender ist, weil wir unsere Einstellung am Ende sowieso nicht ändern können? "Man geht davon aus, dass 20 bis 30 Prozent der optimistischen und pessimistischen Neigungen genetisch veranlagt sind", sagt Schütz. Ein weiterer großer Teil werde in der Kindheit erlernt: Eine gut behütete Kindheit forme eher Optimisten, Traumata ließen eher Pessimisten entstehen, sagt die Psychologin.

Am Ende ist der Mittelweg die beste Lösung

Allerdings könne man auch im Erwachsenenalter jede Menge dazu lernen und gewisse Neigungen ändern. "Das versucht man auch in Therapien", sagt sie. Denn während ein moderater Pessimismus in gewissen Situationen nicht verkehrt ist, kann starker Pessimismus auch in einer Depression enden. In einer Therapie versuche man dann, positive Gedanken in den Vordergrund zu rücken.

Wer sich selbst häufig in negativen Gedanken verliert, dem kann es helfen, sich im Alltag öfter mal auf die positiven Dinge zu konzentrieren, rät Schütz: "Man kann sich zum Beispiel abends drei Dinge aufschreiben, die gut gelaufen sind. Denn die passieren meistens nicht von allein, sondern man selbst hat einen Anteil daran, dass etwas funktioniert", sagt sie.

Am Ende sollte man sich aber weder für den Optimismus noch für den Pessimismus entscheiden – denn wie so oft, ist ein Mittelweg die beste Lösung. "Achtsamkeit ist hier das richtige Stichwort", sagt Schütz, die mit ihrem Lehrstuhl gerade an einer Untersuchung zu dem Thema arbeitet (wer Interesse hat, kann im Rahmen der Studie an einem anonymen Selbsttest zum Thema teilnehmen). Achtsamkeit, das heißt, die Dinge zu sehen, wie sie sind, nicht zu gut, nicht zu schlecht. Aus der gerissenen Jeans und dem kaputten Auto kein Drama machen, aber ebenso eine Krankheit nicht schönreden und auch mal trauern dürfen. Manches ist halt einfach nicht so schlimm, und anderes einfach nicht so gut.