Wer jetzt aber damit liebäugelt, sich seinen negativen Gedanken hinzugeben und allen Optimismus aufzugeben: Halt, so einfach ist es auch nicht. Positiv gestimmt durch die Welt zu laufen, ist nichts Schlechtes.

"Grundlegend hat Optimismus viele Vorteile", sagt auch Astrid Schütz. Vermutlich würden wir Menschen viele Dinge nicht angehen, wenn nicht die meisten von uns einen moderaten Optimismus hätten. Heiraten zum Beispiel – obwohl zahlreiche Ehen scheitern. Niemand glaubt wohl zum Zeitpunkt der Eheschließung, dass genau seine Ehe scheitert. Auch ein Start-up würde wohl niemand gründen, der gleich das Schlimmste erwartet. "Optimismus bringt uns dazu, Dinge anzugehen, die funktionieren können, aber mit Risiken behaftet sind", sagt Schütz. Gesellschaftlich gesehen sei das ein großer Vorteil. Dass Menschen eines Tages in Maschinen fliegen würden – ohne Optimisten wären die Pioniere dieser Technik vielleicht nie aktiv geworden. Sicher war diese Idee nicht für jeden gewinnbringend, der es mit dem Fliegen versuchte, aber die Gesellschaft hat der Optimismus der Einzelnen weitergebracht.

Optimismus bringt uns dazu, Dinge anzugehen, die funktionieren können, aber mit Risiken behaftet sind.
Astrid Schütz, Psychologin

Grundsätzlich ist ein moderater Optimismus eine natürliche menschliche Eigenschaft – das zeigte zum Beispiel die Forscherin Shelley Taylor in mehreren Studien. Sie entwickelte das Konzept der positiven Illusion, das besagt, dass der gesunde Mensch alles ein bisschen positiver sieht, als es eigentlich ist (Psychological Bulletin: Taylor et al., 1994). Wir versuchen fast allem etwas Gutes abzugewinnen. Das gibt uns das Gefühl, dass wir eine Situation unter Kontrolle haben – und unser Leben im Griff. Shelley kam aber auch zu dem Schluss, dass damit Schluss ist, sobald wir mit einer wirklichen Gefahr konfrontiert werden. Spätestens dann legen wir die rosarote Brille ab.

Einige von Shelleys Untersuchungen zeigten auch, dass positive Gedanken sich auch auf unser körperliches Wohl auswirken können. In einer Studie untersuchte sie die mentale Einstellung und den Krankheitsverlauf HIV-infizierter Männer. Ihr Ergebnis: Diejenigen, die sich der Krankheit zuversichtlich entgegenstellten, blieben gesünder als Erkrankte mit einer negativen Grundeinstellung. Wer fest davon ausging, bestimmte Symptome zu erleiden, bekam sie auch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit als ein Erkrankter, der einen guten Verlauf erwartete (American Psychologist: Taylor et al., 2000). Zwar beziehen sich die Ergebnisse auf eine bestimmte Krankheit, aber es gibt noch weitere Ergebnisse, die die These vom gesunden Optimisten unterstützen. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2009 kam nach Untersuchung von 83 Studien beispielsweise zu dem Schluss, dass Optimismus eindeutig ein Faktor für eine positive Entwicklung der Gesundheit sei (Annals of Behavioral Medicine: Rasmussen et al., 2009). Die Vermutung einiger Forscher: Menschen, die positiv gestimmt an ihre Krankheit herangehen, glauben an eine Heilung und suchen mitunter aktiver nach medizinischen Informationen, nehmen eher an Behandlungen teil und steigern sich nicht in ihre Symptome hinein. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass sie die Erkrankung akzeptieren und nicht, wie oben schon beschrieben, so optimistisch sind, dass sie gesundheitliche Probleme komplett ignorieren.

Aber können wir am Ende überhaupt beeinflussen, ob wir eher optimistisch oder pessimistisch sind? Oder ergibt es gar keinen Sinn, darüber nachzudenken, welche Seite überzeugender ist, weil wir unsere Einstellung am Ende sowieso nicht ändern können? "Man geht davon aus, dass 20 bis 30 Prozent der optimistischen und pessimistischen Neigungen genetisch veranlagt sind", sagt Schütz. Ein weiterer großer Teil werde in der Kindheit erlernt: Eine gut behütete Kindheit forme eher Optimisten, Traumata ließen eher Pessimisten entstehen, sagt die Psychologin.

Am Ende ist der Mittelweg die beste Lösung

Allerdings könne man auch im Erwachsenenalter jede Menge dazu lernen und gewisse Neigungen ändern. "Das versucht man auch in Therapien", sagt sie. Denn während ein moderater Pessimismus in gewissen Situationen nicht verkehrt ist, kann starker Pessimismus auch in einer Depression enden. In einer Therapie versuche man dann, positive Gedanken in den Vordergrund zu rücken.

Wer sich selbst häufig in negativen Gedanken verliert, dem kann es helfen, sich im Alltag öfter mal auf die positiven Dinge zu konzentrieren, rät Schütz: "Man kann sich zum Beispiel abends drei Dinge aufschreiben, die gut gelaufen sind. Denn die passieren meistens nicht von allein, sondern man selbst hat einen Anteil daran, dass etwas funktioniert", sagt sie.

Am Ende sollte man sich aber weder für den Optimismus noch für den Pessimismus entscheiden – denn wie so oft, ist ein Mittelweg die beste Lösung. "Achtsamkeit ist hier das richtige Stichwort", sagt Schütz, die mit ihrem Lehrstuhl gerade an einer Untersuchung zu dem Thema arbeitet (wer Interesse hat, kann im Rahmen der Studie an einem anonymen Selbsttest zum Thema teilnehmen). Achtsamkeit, das heißt, die Dinge zu sehen, wie sie sind, nicht zu gut, nicht zu schlecht. Aus der gerissenen Jeans und dem kaputten Auto kein Drama machen, aber ebenso eine Krankheit nicht schönreden und auch mal trauern dürfen. Manches ist halt einfach nicht so schlimm, und anderes einfach nicht so gut.