Was ist Ihre sexuelle Orientierung? – Seite 1

Eine "skandalöse Sex-Umfrage" erschütterte im September die Hauptstadt. Im Auftrag des Berliner Senats befragten Wissenschaftler*innen von zwei Universitäten pädagogische Fachkräfte. "Sex-Schnüffelei an Berlins Schulen" titelten BZ und Bild. Es war von "intimen" bzw. "pikanten Fragen" die Rede, die Lehrkräften gestellt würden. Die CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus sah gar "die Menschenwürde massiv" verletzt, verglich die Umfrage mit Praktiken des Dritten Reichs und verlangte die Löschung sämtlicher erhobener Daten.

Was war passiert? Wurden die Lehrkräfte von ihrem Arbeitgeber aufgefordert, anzugeben, welche Stellungen oder Praktiken sie beim Sex bevorzugen? Nichts davon. Skandalisierbar war einzig und allein die Frage nach ihrer sexuellen Orientierung, und diese Frage stellte nicht der Arbeitgeber für die Vervollständigung seiner Personalakten, sondern sie war Teil einer freiwilligen und anonymisierten Umfrage. Die Antwort auf diese Frage verrät nichts über intime sexuelle Präferenzen, sondern ausschließlich das Geschlecht der Personen, mit denen man eine Beziehung eingehen möchte bzw. die man sexuell attraktiv findet.

Doch warum wollen wir als Wissenschaftler*innen das überhaupt wissen? Diese berechtigte Frage stellte Harald Martenstein, der mit seiner Tagesspiegel-Kolumne den "Skandal" ausgelöst hatte. Unsere Umfrage sollte untersuchen, was Lehrkräfte und andere pädagogische Fachkräfte über Vielfalt und Diskriminierung an Schulen denken und wie sie damit umgehen. Schwerpunkt war geschlechtliche und sexuelle Vielfalt, also die Situation von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und intergeschlechtlichen (LSBTI) Jugendlichen sowie ganz allgemein Jugendlichen, die Geschlechternormen nicht entsprechen – beispielsweise weil sie als Mädchen lieber Fußball spielen, als sich zu schminken oder sich als Junge mehr für Ballett interessieren als für schnelle Autos. Diese Jugendlichen werden deutlich häufiger Opfer von Mobbing (Journal of Adolescent Health, Berlan et al., 2010) und versuchen drei bis fünf Mal so häufig, sich das Leben zu nehmen (Journal of Adolescent Health, Marshal et al., 2011 und Clark et al., 2014). Unsere Umfrage zur Vielfalt und die Debatte darüber bewertete CDU-Fraktionschef Florian Graf dennoch als "belanglose Dinge".* Zudem war die sexuelle Orientierung der Fachkräfte war eine von vielen erfragten Variablen (neben Geschlecht, Alter, unterrichteten Fächern und Jahrgängen, Kontakt zu LSBTI etc.) und stand keineswegs im Vordergrund unseres Interesses. Dass sich Fachkräfte, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie LSBTI-Jugendliche, mehr für diese engagieren, erscheint jedoch nicht abwegig, sodass sexuelle Orientierung mit in den Fragebogen aufgenommen wurde.

Noch "intimere" Fragen wurden nicht skandalisiert

Weshalb also die ganze Aufregung? War es ehrliche Besorgnis um den Datenschutz der Berliner Lehrkräfte? Die CDU deutete die Befürchtung an, der rot-rot-grüne Senat wolle seine Lehrkräfte fortan nicht mehr aufgrund ihrer Leistung, sondern aufgrund ihrer sexuellen Orientierung beurteilen. Doch warum befürchtete man Gleiches dann nicht auch für die anderen Fragen zur Person, beispielsweise nach Geschlecht und Alter der Lehrkräfte? Selbst noch "intimere" Fragen an Lehrkräfte in anderen Studien, beispielsweise nach körperlichen und psychischen Krankheiten (Deutsches Ärzteblatt, Weber & Weltle & Lederer, 2004) oder politischen Einstellungen (Zeitschrift für Pädagogik, Rupf & Bovier & Boehnke, 2001) wurden nicht vergleichbar skandalisiert. Vor der letzten Volkszählung, bei der die ausgewählten Bürger*innen zur Teilnahme verpflichtet waren, empörte sich der CDU-Politiker Armin Laschet sogar, dass die Konfessionszugehörigkeit nicht mehr erfasst werden solle.

*Anmerkung der Redaktion: Der Text wurde an dieser Stelle nachträglich geändert, da der Kontext der Aussage Florian Grafs missverstanden werden konnte.

Heterosexuelle "bekennen" sich ständig zur ihrer Orientierung

Naheliegender als die Sorge um Datenschutz ist daher ein Zusammenspiel des Versuchs, mit vermeintlich schlüpfrigen Schlagzeilen Leser*innen zu locken, und einer modernen Form von Homophobie, die sich hinter dem hehren Motiv des Schutzes der Privatsphäre versteckt. Zwar hat man sich mit gleichen Rechten für gleichgeschlechtliche Paare irgendwie arrangiert, darüber hinaus möchte man aber mit Homosexualität möglichst wenig belästigt werden. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Schule zum Thema zu machen oder dieses Thema wissenschaftlich zu untersuchen, wird weiterhin als anstößig erlebt. Um dennoch nicht homophob und rückwärtsgewandt zu erscheinen, sucht man nach alternativen Ablehnungsgründen. Das gleiche Reaktionsmuster begegnet uns, wenn Menschen, insbesondere Prominente, offen mit ihrer Homosexualität umgehen. Man habe ja nichts gegen diese Menschen, aber ihre sexuelle Orientierung sei Privatsache, mit der sie ihre Mitmenschen bitte nicht belästigen mögen. Die "Freunde des Münchner Oktoberfests" rieten in diesem Jahr Lesben und Schwulen, sich beim Flirten auf der Wies‘n zurückzuhalten, da "nicht alle Wiesngänger Verständnis für eine offene schwule oder lesbische Lebensweise" hätten. In einer Umfrage Ende 2016 meinten 44 Prozent der Befragten, "Homosexuelle sollen aufhören, so einen Wirbel um ihre Sexualität zu machen".

Ein entspannterer Umgang wäre gut

Handelt es sich dabei um den generellen Wunsch, sexuelle Orientierung diskret zu behandeln? Offensichtlich nicht. Vergleichbare Forderungen an Heterosexuelle sucht man vergeblich. Wenn sich ein Mann und eine Frau in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung zeigen, finden dass nur 11 Prozent unangenehm, während es bei zwei Frauen 26 Prozent und bei zwei Männern 38 Prozent sind. Und heterosexuelle Menschen scheuen selten davor zurück, sich demonstrativ zu ihrer sexuellen Orientierung zu "bekennen", beispielsweise indem sie händchenhaltend auf der Straße flanieren oder im Kollegium von ihrem Partner oder ihrer Ehefrau berichten. Auch bei der Volkszählung oder auf der Steuererklärung geben sie bedenkenlos Daten über ihre Ehe oder Lebensgemeinschaft an, ohne sich um die Zurschaustellung ihrer sexuellen Orientierung zu sorgen.

Derweil wird es in wissenschaftlichen Studien üblicher, auch nach sexueller Orientierung zu fragen, 2016 sogar erstmalig in der größten repräsentativen Langzeitbefragung Deutschlands, dem Sozioökonomischen Panel. Zu hoffen ist, dass sich auch in konservativen Kreisen ein entspannterer Umgang damit durchsetzt. Zwischenzeitlich sah das in der Berliner CDU bereits so aus. Ihr stellvertretender Fraktionsvorsitzende, Stefan Evers, der die Löschung aller Daten der aktuellen Umfrage verlangte, lud noch 2012 zur Präsentation der Ergebnisse einer anderen Studie ins Abgeordnetenhaus ein. Die Studie untersuchte die Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen. Eine der aktuell gestellten Fragen erschien bereits in den damaligen Fragebögen und wurde sowohl den Schüler*innen als auch den Lehrkräften gestellt, ohne dass sich die CDU oder irgendjemand anderes öffentlich darüber beschwert hätte – die nach der eigenen sexuellen Orientierung.

Unter Mitarbeit von Julia Drexler, Ska Salden und Meike Watzlawik.