Ein post-antibiotisches Zeitalter, in dem Menschen wieder zu Millionen an etwas wie einer Lungenentzündung oder einem Wundstarrkrampf sterben? Für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist das längst keine apokalyptische Fantasie mehr. Sondern eine "sehr reale Möglichkeit". Schon jetzt sterben pro Jahr weltweit rund 700.000 Menschen, weil Antibiotika versagen. Denn immer mehr Bakterienstämme werden resistent, sprich: Weder Standard- noch Reserve-Antibiotika können ihnen noch etwas anhaben.

Längst wissen Forscher, dass einige für den Menschen gefährliche Keime, wie sie in Krankenhäusern auftauchen, auch in der Tierzucht nachweisbar sind, dort, wo Antibiotika in Ställen zum Einsatz kommen. Eine neue Studie, erschienen im Magazin Lancet Infectious Diseases (Tran-Dien et al., 2017), stützt nun nicht nur die These, dass sie dort entstehen. Sie zeigt sogar: Gegen das Breitband-Penicillin Ampicillin waren Bakterien aus Ställen schon immun, bevor das Mittel überhaupt als Medikament für Menschen verkauft wurde.

Das, so die These der Forscher vom Pasteur-Institut in Paris, dürfte am großflächigen Einsatz des verwandten Penicillin G in der Tierhaltung liegen. Diese könne Resistenzen provoziert haben, die den Bakterien halfen, sich gegen das breiter wirksame Penicillin-Präparat Ampicillin zur Wehr zu setzen.

Die Mikrobiologen untersuchten knapp 300 Proben von Salmonellen, einem Bakterium, das bei Tieren und Menschen Magen-Darm-Entzündungen mit Durchfall und heftigen Bauchschmerzen verursacht. Die Keime der Art Salmonella enterica typhimurium werden häufig vom Tier auf den Menschen übertragen, zum Beispiel durch kontaminiertes Fleisch. Die Zelllinien gingen auf Proben aus den Jahren 1911 bis 1969 zurück und kamen aus 31 Ländern. Elf davon waren resistent gegen Ampicillin.

Eine genetische Analyse zeigte, dass ganz verschiedene Gene, die auf Plasmiden, den ringförmigen DNA-Molekülen der Bakterien, lagen, dafür verantwortlich waren. Die Fähigkeit, sich gegen das Antibiotikum zu wehren, scheinen sie also unabhängig voneinander erworben zu haben. Viel wichtiger aber: Drei der Proben hatte man schon 1959 und 1960 bei Menschen abgenommen, also bevor Ampicillin 1961 auf den Markt kam.

Gefährlich für Mensch und Tier

Die Autoren der Studie weisen zu Recht darauf hin, dass die Ergebnisse kein Beweis dafür sind, dass die Ampicillin-Resistenzen direkt auf den Penicillin-G-Einsatz in der Landwirtschaft zurückzuführen sind. Uwe Rösler, Professor für Tierhygiene an der Freien Universität Berlin, der selber nicht an der Studie beteiligt war, hält das aber durchaus für denkbar: "Die Studie ist ein guter Beleg dafür, dass Antibiotika-Resistenzen ein gemeinsames Gesundheitsproblem von Tieren und Menschen sind." Wer Antibiotika nicht sachgemäß anwende, fördere Resistenzen, sagt er – egal ob als Tierarzt, der sie vorbeugend dem Hühnerfutter untermischt oder seine Schweine damit mästet. Oder eben als Humanmediziner, der zu häufig oder eine zu lange Einnahme der Antibiotika verschreibt, oder Wirkstoffe verabreicht, die für die jeweilige Infektion nicht vorgesehen sind.

Resistente Bakterien entstehen dabei entweder im Rachen und Magen-Darm-Trakt von Tieren und Menschen – oder aber in der Umwelt. Auch im Erdboden oder in Flüssen, in die Klärabfälle oder Gülle fließen, gedeihen die Keime gut. Sie tauschen die Plasmide aus, auf denen die Resistenzgene liegen, ohne Weiteres auch über Bakterienspezies-Grenzen hinweg. Und je mehr Antibiotika-Spuren sich im Boden finden, desto leichter entstehen neue Resistenzgene und resistente Bakterienstämme, erklärt Rösler. 

Auch Reserve-Antibiotika sind betroffen

Die Ergebnisse der Studie knüpfen an andere Forschungsergebnisse an. Erst dieses Jahr hatte ein internationales Team aus Medizinern ein ähnliches Phänomen bei den gefährlichen Methicilin-resistenten Staphylokokken (MRSA) beobachtet (Genome Biology: Harkins et al, 2017): Ihre Studie zeigte, dass bereits 14 Jahre vor Einführung von Methicillin erste resistente Stämme existierten. Heute ist MRSA der häufigste multiresistente Keim und besiedelt jeden hundertsten Deutschen (Medizinische Klinik: Maechler et al, 2017), ohne ihn freilich immer gleich krank zu machen. Das Antibiotikum Avoparcin, das als Wachstumsmittel in der Zucht von Hühnern, Schweinen und Rindern eingesetzt wurde und für den Einsatz beim Menschen nicht zugelassen ist, hatte gar Kreuzresistenzen erzeugt. Und zwar gegen die in der Klinik extrem wichtigen Reserve-Antibiotika der Glykopeptid-Klasse, zu der auch Vancomycin gehört (Microbial Drug Resistance: Klare et al, 1995).

Die Menge der Antibiotika in deutschen Tierställen hat sich halbiert

Den Tierärzten sei dieses Problem längst bekannt, sagt Friederike Hilbert, Professorin für Fleischhygiene und Lebensmittelwissenschaften an der Uni Wien. In Deutschland und Österreich überwache man die Ausbreitung von Resistenzen und den Verbrauch von Antibiotika in der Nutztierhaltung sehr streng. Seit 1996 sind Antibiotika als Wachstumsbeschleuniger in der Tierhaltung verboten, und auch die vorbeugende Gabe ist inzwischen nicht mehr erlaubt.

Gesetzgeberisch habe sich sehr viel getan, sagt auch Uwe Rösler: "Wir haben gewaltige Fortschritte gemacht." In Deutschland muss jeder Tierarzt jedes Jahr melden, wie viele Antibiotika er welchen Tieren gegen welche Krankheit gegeben hat. Die Betriebe, die am meisten Antibiotika verbrauchen, müssen beim Veterinäramt einen schriftlichen Bericht vorlegen, wie sie die Menge in Zukunft reduzieren wollen. Zwischen 2011 und 2015 habe sich dadurch die Menge der Antibiotika in der Tiermedizin mehr als halbiert, wie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit mitteilt.

In anderen Teilen der Welt werden Antibiotika weiterhin wie selbstverständlich eingesetzt, um Tiere zu mästen. In China, Brasilien, Russland, Indien und Südafrika, schätzten Wissenschaftler vor Kurzem, könnte sich die Menge der Antibiotika-Gaben an Tiere bis 2030 sogar verdoppeln (PNAS: Van Boeckel et al, 2015). Für eine saftige Hühnerbrust und einen dicken Schweinebraten von heute, so scheint es, könnten in Zukunft Tausende Menschen sterben.