Kiffen, wenn der Arzt kommt

Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Die Schmerzen begannen vor zehn Jahren, da war Eugen Ludwig 43. Erst spürte er sie in der linken Leiste, später strahlen sie auf das linke Bein aus. Zuweilen konnte er es nur noch schwer bewegen, die Muskeln verspannten sich. An manchen Tagen schaffte er es kaum noch, die Kupplung im Auto durchzutreten. 

Dann begann auch noch das Bild vor seinen Augen an den Rändern zu flimmern. Ludwig zog von Arzt zu Arzt, die Diagnosen änderten sich wie die Therapien, bis er schließlich in Thüringen landete, in der Neurologischen Abteilung des Klinikums Mühlhausen. Der finale Befund: MS. Multiple Sklerose, progressiv verlaufend.

Bis dahin hatte Eugen Ludwig immer viel gearbeitet, als Automechaniker, Computerspezialist oder Kundenbetreuer. Auch sonst, sagt er, habe er nichts ausgelassen, keine Party, keine Motorradtour, keine Frau. Doch dieses Leben war nun vorbei. Kurz nachdem die Diagnose gestellt wurde, meldete auch noch seine Firma Insolvenz an. Er wurde entlassen. 

"Es kam damals alles zusammen", sagt Ludwig. Heute ist er zu 100 Prozent schwerbehindert und voll erwerbsunfähig. Neben MS ist er noch an Osteoporose erkrankt, rheumatischer Arthritis und Meralgia parästetica, auch Bernhardt-Roth-Syndrom genannt.

Jede dieser Krankheiten bedeutet ständige Schmerzen, jeden Tag, jede Stunde. Sie addieren sich. Ludwig kann keine 100 Meter am Stück laufen, in seinem Haus stehen zwei Rollstühle, ein spezielles Pflegebett und ein Lift neben der Badewanne. Am Bett liegen Windeln und Einlagen bereit. Seit ihn vor fünf Jahren die Ehefrau verließ, lebt er allein.

"Aber was soll's. Es gibt schlimmere Fälle als mich." Während Eugen Ludwig das sagt, schafft er es, sein gesamtes Gesicht zum Lachen zu bringen, Mund, Augen und die vielen, tief eingegrabenen Falten. "Ich komme zurecht. Ich bin ein Stehaufmännchen." Zwei Mal die Woche gehe er zur Krankengymnastik, Doppelstunden, und dann noch einmal zur Ergotherapie. Auch zu Hause mache er seine Übungen, mindestens eineinhalb Stunden pro Tag. "Mein Motto: Wer rastet, der rostet."

Und die Schmerzen? Nun ja, sagt er, die gängigen Medikamente brächten ihm nicht viel. Lieber trinke er am Abend ein Bier, oder auch zwei. Das entspanne. Noch lieber aber rauche er einen Joint, früher habe er hin und wieder Gras von einem Kumpel bekommen. "Das half saumäßig, gerade beim Einschlafen. Das war wie ein Wunder."

Doch bisher galt das Wunder als illegal, zumindest, was die Beschaffung betraf. Und es kostete. Für ein Gramm gutes Haschisch muss man zehn bis zwölf Euro auf dem Schwarzmarkt bezahlen. Nur etwa 1.000 schwerkranken Menschen in Deutschland wurde Cannabis dank einer Ausnahmegenehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zugeteilt.

Vor einigen Monaten allerdings änderte sich die Rechtslage. Im Januar verabschiedete der Bundestag ein Gesetz, das die Verschreibung von Cannabis auf Kassenrezept ermöglicht, beschlossen wurde es mit den Stimmen von Regierung und Opposition. Im März trat es in Kraft. Vier Monate später, im Juli,  stellte Marek Jauß, der Chefarzt der Neurologischen Klinik in Mühlhausen, den Antrag bei Ludwigs Krankenkasse: "Cannabis-Blüten, 3 Gramm, einmal täglich abends 100 Milligramm verdampfen und inhalieren." Behandlungsziel: Schmerzreduktion und Besserung der Beweglichkeit.

Übersetzt bedeutet dies: Kiffen auf Rezept. Zwar soll Ludwig das Cannabis aus einem elektrischen Verdampfer einatmen, in dem die Blüten auf bis zu 210 Grad Celsius erhitzt werden. Doch natürlich kann ihn niemand daran hindern, sich einfach einen Joint zu drehen. 

"Es lockert die Muskulatur, lindert Schmerzen"

Der Chefarzt Jauß hat schon ein halbes Dutzend ähnlicher Anträge gestellt, doch nur jeder dritte wurde bisher genehmigt. Die Gesamtstatistik sieht etwas freundlicher aus: Die AOK Plus, die größte Krankenkasse in Sachsen und Thüringen, hatte bis Mitte Oktober knapp 592 Anträge auf cannabishaltige Arzneimittel gezählt. 205 wurden abgelehnt.
Am Anfang, sagt Jauß, gebe es noch Abwehrreflexe, wie bei allem, das neu sei. Doch er bleibe geduldig, bessere den Antrag nach und stelle ihn einfach noch mal. "Das müssen wir alle gemeinsam einüben", sagt er, "Ärzte, Apotheker und Kassen." 

Der Professor kennt einige Patienten, die schon länger privat kiffen. Die Vorteile: "Es lockert die Muskulatur, entspannt, lindert die Schmerzen." Und was ist mit den Gefahren? Schließlich soll Cannabis Schizophrenie auslösen und kann Psychosen, Gedächtnisverlust und Persönlichkeitsveränderungen verursachen. Nicht nur in der Thüringer Landesärztekammer gibt man sich deshalb eher skeptisch.

Gerade als Neurologe kann Jauß die Bedenken nachvollziehen. "Aber wir reden hier von Patienten, die körperlich schwer geschädigt sind", sagt er. "Wir sollten Cannabis behandeln wie jedes andere Medikament mit Risiken und Nebenwirkungen." Auch für die Oberärztin Felicita Heidler, die für die MS-Spezialambulanz verantwortlich ist, geht es um Abwägung. Neben den langfristigen Folgen, sagt sie, könnten zu Beginn einer Behandlung  auch Schwindelgefühle, Blutdruckabfall, Mundtrockenheit auftreten, und dann natürlich die sogenannten psychotropen Wirkungen, wegen derer ja Drogen gemeinhin genommen würden.

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Der Wettbewerb um die Patienten nimmt zu

Doch manche der Nebenwirkungen, wie etwa Müdigkeit oder Muskelentspannung, seien im Fall von MS-Patienten durchaus erwünscht. Deshalb, sagt Heidler, verschreibe sie Cannabis-Präparate. "Es ist gut, dass das neue Gesetz dem Arzt mehr Entscheidungsfreiheit gibt  und dass die Krankenkassen eine Ablehnung ausführlich begründen müssen." Die Substanz besitze viel Potenzial – und dieses Potenzial wolle man in Mühlhausen nutzen.

Dass Jauß und Heidler offen für Neues sind, hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass der Wettbewerb um die Patienten hart ist. Um Behandlungen auf Universitätsniveau anzubieten, muss sich eine Klinik in der Provinz mehr anstrengen als in den Metropolen, zum Beispiel bei der Behandlung von Multipler Sklerose.

Pro Jahr werden um die 200 Patienten mit dieser Krankheit behandelt, seit vergangenem Jahr ist  Mühlhausen als MS-Zentrum zertifiziert. Zwar gibt es insgesamt 176 solcher Zentren in Deutschland, doch zumeist befinden sie sich in den die größeren Städten. In Thüringen müssen die MS-Patienten sonst nach Erfurt, Jena oder Gera, um sich von Spezialisten behandeln zu lassen.

Die Region profitiert von dem ökumenischen Klinikum in Mühlhausen, das von Diakonie und Caritas getragen wird. 1.300 Menschen arbeiten hier, die Klinik ist mit Abstand der größte Arbeitgeber und die größte Fachklinik für Neurologie in Thüringen. Für die Stadt ist sie auch ein Standort- und Imagefaktor. Mühlhausen ist zwar hübsch saniert, aber arm, der umliegende Unstrut-Hainich-Kreis  völlig überschuldet.  Zuletzt hatte die Bundeswehr ihre Kaserne aufgegeben, die Arbeitslosigkeit liegt über dem Durchschnitt.

Eugen Ludwig ist nicht aus Thüringen. Er wohnt im hessischen Eschwege, doch nach Mühlhausen ist es nur eine gute halbe Stunde mit dem Auto – und der Patient fährt selbst, wenn er sich bei seinen Ärzten vorstellen muss. Wie das? "Tja", sagt er, und lacht wieder, "das Geld habe ich mir von einer Stiftung erbettelt." Dank eines neuen Autos mit Automatikschaltung komme er zurecht, und das rechte Bein funktioniere ja noch ganz gut zum Gasgeben, auf kürzeren Strecken jedenfalls.

Legale Cannabisblüten sind schwer zu bekommen

"Der Mann ist schon ein Phänomen", sagt Oberärztin Heidler. Sie behandelt Ludwig, seit er die Diagnose bekam. Sie kennt nicht nur seine Krankheitsgeschichte, sondern auch die vielen anderen Geschichten drum herum. An diesem Tag berichtet er ihr und jedem, der es hören mag,  vom neuesten Stand seines Beziehungslebens. Er habe, sagt er, endlich wieder eine Frau kennengelernt, "ein nettes Mädel". Sie wolle sogar bei ihm einziehen, in sein Haus mit den Windeln neben dem Bett. Er sei noch ganz verblüfft darüber. 

Es geht also voran im zweiten Leben von Eugen Ludwig. Fehlt nur noch sein erster legaler Joint. Nachdem Ludwigs Kasse zuerst den Antrag ablehnte und er Widerspruch einlegen musste, hat sie vor Kurzem doch die Genehmigung erteilt. Er besitzt nun ein Rezept, als einziger der Mühlhäuser Patienten. Doch das nächste Problem ist: Er muss an Gras kommen. 

Die Apotheken in Eschwege habe er alle angerufen, sagt Ludwig, leider ohne Erfolg. Auch in anderen Städten sehe es schlecht aus. "Und mit der Post darf ich das Rezept nicht schicken, das verbietet das Betäubungsmittelgesetz."

Tatsächlich sind legale Cannabisblüten schwer zu bekommen. Ihre Wirksamkeit muss per Prüfzertifikat nachgewiesen sein. Die großen Anbieter sitzen alle im Ausland, in Kanada, Israel oder den Niederlanden. Sie können die wachsende Nachfrage aus Deutschland kaum bedienen. 

Nicht jeder verträgt das Kiffen

Zwar regelt das neue Gesetz auch den Anbau in Deutschland. Doch da gibt es mindestens so viele Schwierigkeiten wie bei der Verschreibung. Eine Agentur, die am BfArM angedockt ist, soll das Ganze organisieren. Sie beauftragt Firmen, regelt den Preis.  Zwar befinden sich die ersten deutschen Plantagen im Aufbau,  aber mit der ersten Ernte wird frühestens in zwei Jahren gerechnet. 

Darum fehlt es an legalem Gras. Auch Claudia Timmermann, die zwei Apotheken in Mühlhausen betreibt, kennt die Lieferprobleme bei den Blüten. Der Cannabis-Wirkstoff Tetrahydrocannabinol könne aber auf vielen Wegen verabreicht werden, sagt sie, ob nun in Form von Tabletten, Tropfen, Öl oder Spray. Sie zum Beispiel lasse sich die Substanz in verarbeiteter Form liefern und stelle die Kapseln selbst her. 

Das Kiffen, sagt Timmermann, vertrage nicht jeder, auch sei die Dosierung schwierig. Grundsätzlich findet sie aber gut, dass Cannabis für medizinische Zwecke freigegeben ist. "Das ist ein sinnvoller Therapieansatz für Schmerzpatienten, bei denen andere Mittel nicht wirken."

Eugen Ludwig hat das Spray schon probiert. Er hält die Dosis für zu niedrig, außerdem trockne sein Mund dabei völlig aus. Nein, er wolle am Abend seinen Joint rauchen, legal, von der Kasse bezahlt. Bis es soweit sei, warte er eben, so wie er damals auf den Rollstuhl und den Badewannenlift wartete. Seine Krankheit, sagt er, habe ihn einiges gelehrt. "Ich kann jetzt auch geduldig sein."